Elternbildung

Liebe Eltern, denkt mehr an euch!

Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Eine Mutter schreibt an Jesper Juul: 

«Ich habe ein Problem mit unserer Tochter Anna, bald sechs Jahre alt. Sie wehrt sich gegen fast alles. Und ihr Bruder Nico, drei Jahre alt, beginnt nun auch, immer fordernder zu werden. Beide sind seit Geburt sehr betreuungsintensiv, sie vereinnahmen mich zu 100 Prozent.

Anna will manchmal nicht in den Kindergarten, sie will die Schuhe nicht anziehen, sie will Schokolade, und zwar sofort! Sie will immer ihr Ding durchziehen. Es kommt mir so vor, als hätte ich einen Teenager zu Hause, der sich nichts mehr sagen lässt.
Anna fällt es schwer, sich anzupassen, sie ist sehr rebellisch und stur. Ich versuche, sie nicht in ihrer Integrität zu verletzen, erkläre ihr aber, dass sie nicht alles haben kann.

Wenn sie wütend ist, versuche ich, den Grund ihrer Wut herauszufinden. Es nützt alles nichts. Seit einem halben Jahr beginnt Nico, seinen Willen ihr gegenüber durchzusetzen, was natürlich zu heftigsten Streitereien führt. Ich bin immer unsicher, wie und wann ich mich einmischen, wie ich reagieren soll, wenn sie ihm gewaltsam seine Spielsachen entreisst oder ihn schlägt.
An manchen Tagen resigniere ich beinahe. Besonders schlimm ist es, wenn sich die beiden gegen mich «verbünden», wenn Anna ihren Bruder anstiftet, verbotene Dinge zu tun: Dinge kaputt machen, auf Möbel klettern oder mich schlagen. Es scheint, als würden unsere Kinder genau wissen, was sie wollen, und als könnte sie nichts und niemand auf der Welt von ihrer Meinung abbringen.

Die beiden fordern mich so stark, dass ich fast keine Energie mehr habe. Ich bin die meiste Zeit mit den Kindern alleine, weil mein Mann viel arbeitet und sich wenig Zeit für die Erziehung zu Hause nimmt.»

Antwort von Jesper Juul:

Meine spontane Eingabe war, Ihnen eine kurze Antwort zu schreiben, die lautet: «Sorgen Sie gut für Ihr wertvolles Selbst!» Doch dann wurde mir klar, dass Ihnen genau das schwerfällt. Deshalb hier meine ausführlichere Rückmeldung.
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Ohne nähere Details zu kennen, habe ich den Eindruck, dass bei Ihnen zwei Erziehungsprinzipien vorherrschen: Einerseits wird Integrität hochgehalten, andererseits wird genau diese immer wieder verletzt. Diese beiden Prinzipien sind in der Beziehung zu Ihren Kindern mehr als nur ein Leitgedanke. Weil Sie so sehr versuchen, die Integrität resp. die Würde Ihrer Kinder zu wahren, haben Sie völlig vergessen, auf Ihre eigene Integrität, auf ihre eigenen Werte und Ideale zu achten. Sie drängen sie ständig in den Hintergrund.
Alles, was Kinder brauchen, sind Eltern, die auch für sich selbst sorgen und Prioritäten in Bezug auf ihre eigenen Bedürfnisse 
setzen können.
Wie Ihre Tochter mit Ihrem Sohn umgeht, ist eine Folge davon: Das Verhalten Ihrer Tochter zeigt, dass sie nie die Möglichkeit hatte, mehr über die Integrität anderer Menschen zu erfahren. Auf Sie als Mutter bezogen heisst das: Ihre Tochter konnte nie lernen, was Ihre Bedürfnisse und Werte sind.
Dieser «Fehler», von dem ich glaube, dass er Ihnen passiert, ist nicht ungewöhnlich. Viele Eltern, die meine Bücher lesen, erinnern sich nach der Lektüre nur daran, was gut oder schlecht für ihre Kinder ist, nicht aber, was gut oder schlecht für sie als Eltern ist.
Viele Eltern, die meine Bücher lesen, erinnern sich nach der Lektüre nur daran, was gut oder schlecht für ihre Kinder ist, nicht aber, was gut oder schlecht für sie als Eltern ist.
Ich habe keine Ahnung, ob Sie nur vergessen haben, sich selbst so ernst zu nehmen wie Ihre Kinder, oder ob vielleicht Ihre eigene Integrität als Kind verletzt wurde. Ich schlage Ihnen vor, damit aufhören, Ihren Kindern 100 Prozent von sich zu geben. Das ist viel mehr, als Kinder brauchen – ungeachtet ihrer Besonderheiten.

Alles, was Kinder brauchen, sind Eltern, die auch für sich selbst sorgen und Prioritäten in Bezug auf ihre eigenen Bedürfnisse setzen können. Es tut mir sehr leid, dass Sie offensichtlich als Alleinerzieherin leben müssen. Es wäre um einiges leichter, wenn Sie einen empathischen Partner hätten, der Sie mehr unterstützen könnte. Sie sollten ihn danach fragen.

Zum Autor: 

Jesper Juul ist Familientherapeut und Autor zahlreicher internationaler Bestseller zum Thema Erziehung und Familien. 1948 in Dänemark geboren, fuhr er nach dem Schulabschluss zur See, war später Betonarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper. Nach der Lehrerausbildung arbeitete er als Heimerzieher und Sozialarbeiter und bildete sich in den Niederlanden und den USA bei Walter Kempler zum Familientherapeuten weiter. Seit 2012 leidet Juul an einer Entzündung des Rückenmarks und sitzt im Rollstuhl. Jesper Juul hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und ist in zweiter Ehe geschieden.

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