Elternbildung

Nimm dein Kind ernst

Kindern Verantwortung zu übertragen heisst nicht, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.
Text: Jesper Juul
Vom Gehorsam zum Verantwortungsbewusstsein – das ist in gewisser Hinsicht ein pädagogischer Paradigmenwechsel. Nur: Wie soll das konkret im Familienalltag realisiert werden? Respekt, Eigenverantwortung, das klingt wunderbar, aber wie sieht’s in der Praxis damit aus? Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich den Unterschied zwischen Verantwortung und Macht etwas näher beleuchten. Wenn wir über die Tatsache sprechen, dass Kinder bis zu einem gewissen Grad fähig sind, Verantwortung für ihre eigene Person zu übernehmen, dann denken Eltern sofort, das kann nie und nimmer hinhauen. Und warum denken sie das?  
Weil für sie der Satz: «Ich muss die Verantwortung tragen» gleichbedeutend ist mit dem Satz: «Ich habe die Macht inne. Ich bin ermächtigt.» Aber: Es ist eine reale Herausforderung, aber gleichzeitig eine äusserst philosophische Angelegenheit, dass jeder von uns für sein eigenes Leben verantwortlich ist – für unsere Emotionen, unsere Gedanken, für unser Sein. Denn es ist erschreckend: In dem Augenblick, in dem du Verantwortung übernimmst, wirst du mit deiner elementaren Einsamkeit konfrontiert. Ich kann niemanden für mein Leben so, wie ich es lebe, beschuldigen – ich kann mich zwar auf meine Kindheit beziehen und sagen, dies oder jenes hat mich sehr beeinflusst, aber ich weiss, ich kann mich damit nicht herausreden – die Verantwortung für mein Leben trage ich alleine und niemand sonst!
Die Verantwortung von Eltern geht so weit, dass sie sich sogar einmischen, wenn es um den Freundeskreis ihres Kindes geht.
Und in diesem Zusammenhang steht der Mensch vor einer existenziellen Wahl und hat zwei Möglichkeiten: Will ich verantwortlich sein für mein Leben oder will ich ein Opfer sein? Die meisten von uns werden sofort sagen: «Natürlich will ich verantwortlich sein. Ich war lange genug ein Opfer und habe es satt, von anderen gegängelt zu werden!» In den Familien haben wir eine alte Tradition, der wir nicht so leicht entkommen können, nämlich dass Eltern die persönliche Verantwortung für ihre Kinder tragen, selbst wenn sie mit dieser «guten» Absicht die Kinder komplett übergehen. 
In Wirklichkeit können Eltern nur vorgeben, für ihre Kinder verantwortlich zu sein, sie sind es aber nicht. Denn wenn du deine Verantwortung an jemand anderen abgibst, gehst du verloren – auch als Kind. Nur können Kinder so nicht über ihre Verantwortung reden. Kein Kind kommt zu seinen Eltern und sagt: «Ich möchte mehr Verantwortung für mich!» Kinder sprechen nicht in philosophisch-existenziellen Begriffen, sie sprechen in sozialpolitischen Begriffen – sie werden dir also sagen: «Warum entscheidest du, wann ich ins Bett gehe? Ich möchte es bestimmen!» Oder: «Wann bin ich alt genug, um das selbst zu entscheiden?!» Der Fehlschluss von Eltern ist nun, zu meinen, wenn sie dem Kind mehr Verantwortung zusprechen würden, dann würden sie ihm mehr Macht einräumen, was dann hiesse, sie hätten ab sofort weniger.
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Kindern Raum geben

Ich wurde einmal von einer Mutter konsultiert, die mir schlichtweg sagte: «Was in ihrem Buch steht, ist nicht richtig! Sie müssen das korrigieren! Wir haben einen neunjährigen Jungen, und wir müssen jedes Mal mit ihm kämpfen, damit er ins Bett geht, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die Schule zu gehen. Und dann habe ich ihr Buch gelesen, in dem steht, dass wir den Kindern die Verantwortung überlassen sollten, wann sie ins Bett gehen und wie viel sie essen wollen. So haben wir beschlossen, dass wir es ihm überlassen, wann er sich schlafen legt, wenn wir in unserem Wochenendhaus sind – in den Ferien oder am Wochenende. Aber auch da geht er nicht vor zwei oder drei Uhr in der Früh ins Bett – also es funktioniert nicht!» So wie diese Mutter denken die meisten Menschen über die Verantwortung nach. Aber die persönliche Verantwortung ist nicht etwas, was man dem Kind manchmal einräumt und manchmal nicht. 
Wenn du nicht bereit bist, dein Kind ernst zu nehmen, erwarte auch nicht, dass es dich ernst nimmt.
Entweder hat es sie oder es hat sie nicht! Der kleine Junge kann sie nicht nur am Wochenende haben und den Rest der Zeit nicht. Denn so wird aus Verantwortung Macht. Für mich war folgendes Ereignis ein wesentliches und grosses Geschenk von meiner Mutter – bestimmt ohne Absicht, denn sie hat, wie alle Mütter aus der Zeit, an strikte Regeln geglaubt: Als ich mit 13 oder 14 Jahren anfing, auszugehen, sagte mir meine Mutter: «Komm nicht zu spät nach Hause!» Sie liess mir also den Raum, zu entscheiden, wann es für mich «zu spät» war, sie sagte nicht: «Um 22 Uhr musst du zurück sein!» 

Ich durfte für mein «spät» die Verantwortung übernehmen. In dem Beispiel mit dem Jungen, der nicht schlafen gehen wollte, haben die Eltern Verantwortung wie Macht behandelt. Und sie haben gemeint, wenn sie ihrem Sohn ab und zu etwas mehr Macht einräumen, könne man ihnen nichts mehr vorwerfen. Hätten sie ihn als verantwortliche Person anerkannt, dann wären sie auch frei gewesen zu sagen, was sie persönlich davon halten, dass er so spät ins Bett geht: «Ich meine, du bleibst zu lange auf. Du solltest vor Mitternacht ins Bett gehen.» 

Es geht nicht um ein Machtspiel

Kindern Verantwortung zuzugestehen heisst jedoch nicht, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. Beispielsweise haben Kinder oft eine klare Vorstellung davon, wie sie aussehen möchten – welche Kleider sie tragen wollen, welchen Haarschnitt und so weiter. Aber das heisst noch lange nicht, dass du ihnen alles kaufst, was sie sich wünschen. Es heisst nur, wenn sie sagen: «Ich möchte diese Schuhe!», dass du das ernst nimmst. Und es kann vielleicht tatsächlich so sein, dass du sie ihm nicht kaufst und ihm sagst: «Ich sehe, dass dir diese Schuhe gefallen, aber sie sind für uns einfach zu teuer! Du musst dir andere suchen.» Es geht hier also nicht um ein Machtspiel – um die Frage: Wer hat die Macht? –, sondern darum, auf den anderen einzugehen und ihn ernst zu nehmen. 
Ich kann niemanden für mein Leben, so wie ich es lebe, beschuldigen. Die Verantwortung trage alleine ich.
Ähnlich ist es im Dialog zwischen Mann und Frau: Der eine will nach Spanien in Urlaub fahren, der andere nach Finnland. Sie müssen eine Lösung finden – eine Möglichkeit wäre: «Dieses Jahr fahren wir nach Spanien, aber nächstes Jahr fahren wir nach Finnland.» Beide Wünsche wurden ernst genommen, und es darf auch hier nicht um die Frage gehen, wer ist mächtiger, wer setzt sich durch, denn das führt in die Beziehungslosigkeit. 

Wenn sich beide einig sind, dass das Wichtigste ist, zusammen irgendwohin zu fahren, dann können sie miteinander offen darüber sprechen, müssen ihre Wünsche nicht unterdrücken und finden dann auch gewiss eine Lösung. Für die Generation meiner Eltern war zum Beispiel dies, dass man zusammen in den Urlaub fährt, ein Muss. Heute geschieht es freiwillig, wenn beide wollen – ja, aber sie müssen nicht!
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Mit den Kindern läuft das genauso – das Kind will etwas, was du wirklich nicht gut findest. Dann musst du ihm das mitteilen und ihm klarmachen, weshalb du seine Idee nicht gut findest. Und es wird dich genauso ernst nehmen, wie du es ernst nimmst. Denn wenn du nicht bereit dazu bist, dein Kind ernst zu nehmen, erwarte auch nicht, dass es dich ernst nimmt! Wenn ein Kind spürt, dass du es nicht ernst nimmst, dann wird es dich hinter deinem Rücken boykottieren und dir nur zum Schein «folgen».

Dieser Text stammt aus dem Buch «Wir sind für dich da. 10 Tipps für authentische Eltern» von Jesper Juul. Erschienen 2005 im Kreuz Verlag. Das Buch ist vergriffen. 

Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, eines Beratungsnetzwerks für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

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