Elternbildung
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Es geht nicht um ein Machtspiel

Kindern Verantwortung zuzugestehen heisst jedoch nicht, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen. Beispielsweise haben Kinder oft eine klare Vorstellung davon, wie sie aussehen möchten – welche Kleider sie tragen wollen, welchen Haarschnitt und so weiter. Aber das heisst noch lange nicht, dass du ihnen alles kaufst, was sie sich wünschen. Es heisst nur, wenn sie sagen: «Ich möchte diese Schuhe!», dass du das ernst nimmst. Und es kann vielleicht tatsächlich so sein, dass du sie ihm nicht kaufst und ihm sagst: «Ich sehe, dass dir diese Schuhe gefallen, aber sie sind für uns einfach zu teuer! Du musst dir andere suchen.» Es geht hier also nicht um ein Machtspiel – um die Frage: Wer hat die Macht? –, sondern darum, auf den anderen einzugehen und ihn ernst zu nehmen. 
Ich kann niemanden für mein Leben, so wie ich es lebe, beschuldigen. Die Verantwortung trage alleine ich.
Ähnlich ist es im Dialog zwischen Mann und Frau: Der eine will nach Spanien in Urlaub fahren, der andere nach Finnland. Sie müssen eine Lösung finden – eine Möglichkeit wäre: «Dieses Jahr fahren wir nach Spanien, aber nächstes Jahr fahren wir nach Finnland.» Beide Wünsche wurden ernst genommen, und es darf auch hier nicht um die Frage gehen, wer ist mächtiger, wer setzt sich durch, denn das führt in die Beziehungslosigkeit. 

Wenn sich beide einig sind, dass das Wichtigste ist, zusammen irgendwohin zu fahren, dann können sie miteinander offen darüber sprechen, müssen ihre Wünsche nicht unterdrücken und finden dann auch gewiss eine Lösung. Für die Generation meiner Eltern war zum Beispiel dies, dass man zusammen in den Urlaub fährt, ein Muss. Heute geschieht es freiwillig, wenn beide wollen – ja, aber sie müssen nicht!
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Mit den Kindern läuft das genauso – das Kind will etwas, was du wirklich nicht gut findest. Dann musst du ihm das mitteilen und ihm klarmachen, weshalb du seine Idee nicht gut findest. Und es wird dich genauso ernst nehmen, wie du es ernst nimmst. Denn wenn du nicht bereit dazu bist, dein Kind ernst zu nehmen, erwarte auch nicht, dass es dich ernst nimmt! Wenn ein Kind spürt, dass du es nicht ernst nimmst, dann wird es dich hinter deinem Rücken boykottieren und dir nur zum Schein «folgen».

Dieser Text stammt aus dem Buch «Wir sind für dich da. 10 Tipps für authentische Eltern» von Jesper Juul. Erschienen 2005 im Kreuz Verlag. Das Buch ist vergriffen. 

Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, eines Beratungsnetzwerks für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.
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