Elternbildung
Seite 2

Kindern Raum geben

Ich wurde einmal von einer Mutter konsultiert, die mir schlichtweg sagte: «Was in ihrem Buch steht, ist nicht richtig! Sie müssen das korrigieren! Wir haben einen neunjährigen Jungen, und wir müssen jedes Mal mit ihm kämpfen, damit er ins Bett geht, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die Schule zu gehen. Und dann habe ich ihr Buch gelesen, in dem steht, dass wir den Kindern die Verantwortung überlassen sollten, wann sie ins Bett gehen und wie viel sie essen wollen. So haben wir beschlossen, dass wir es ihm überlassen, wann er sich schlafen legt, wenn wir in unserem Wochenendhaus sind – in den Ferien oder am Wochenende. Aber auch da geht er nicht vor zwei oder drei Uhr in der Früh ins Bett – also es funktioniert nicht!» So wie diese Mutter denken die meisten Menschen über die Verantwortung nach. Aber die persönliche Verantwortung ist nicht etwas, was man dem Kind manchmal einräumt und manchmal nicht. 
Wenn du nicht bereit bist, dein Kind ernst zu nehmen, erwarte auch nicht, dass es dich ernst nimmt.
Entweder hat es sie oder es hat sie nicht! Der kleine Junge kann sie nicht nur am Wochenende haben und den Rest der Zeit nicht. Denn so wird aus Verantwortung Macht. Für mich war folgendes Ereignis ein wesentliches und grosses Geschenk von meiner Mutter – bestimmt ohne Absicht, denn sie hat, wie alle Mütter aus der Zeit, an strikte Regeln geglaubt: Als ich mit 13 oder 14 Jahren anfing, auszugehen, sagte mir meine Mutter: «Komm nicht zu spät nach Hause!» Sie liess mir also den Raum, zu entscheiden, wann es für mich «zu spät» war, sie sagte nicht: «Um 22 Uhr musst du zurück sein!» 

Ich durfte für mein «spät» die Verantwortung übernehmen. In dem Beispiel mit dem Jungen, der nicht schlafen gehen wollte, haben die Eltern Verantwortung wie Macht behandelt. Und sie haben gemeint, wenn sie ihrem Sohn ab und zu etwas mehr Macht einräumen, könne man ihnen nichts mehr vorwerfen. Hätten sie ihn als verantwortliche Person anerkannt, dann wären sie auch frei gewesen zu sagen, was sie persönlich davon halten, dass er so spät ins Bett geht: «Ich meine, du bleibst zu lange auf. Du solltest vor Mitternacht ins Bett gehen.» 

Anzeige
0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.