Jesper Juul: Kinder die Liebe spüren lassen
Elternbildung
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Liebe kann gefährlich sein – vor allem für Kinder

Es ist in der Tat so, dass Menschen einander die furchtbarsten Dinge antun, weil sie sich lieben. Liebe kann somit auch gefährlich sein − vor allem für Kinder, denn Kinder müssen die Art und Weise, wie sie von ihren Eltern geliebt werden, einfach akzeptieren, selbst wenn sie sich nicht geliebt fühlen.

Wenn zum Beispiel Eltern ihre Liebe nur ausdrücken können, indem sie ihre Kinder mit Spielzeugen überhäufen, frieren die Kinder ein. Aber sie spüren, dass das die Art ihrer Eltern ist, sie zu lieben, also können sie gar nichts anderes tun, als mehr Spielzeuge zu verlangen. Und je mehr Spielzeuge in den Ecken des Kinderzimmers herumliegen, umso mehr frieren sie ein. Auch dies ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie feinsinnig Kinder kooperieren: Sie entwickeln ihre Lebenslogik, die sie dann auch später im Leben begleiten wird.

Zum Beispiel: Deine Mutter hat dir als kleines Kind, immer wenn du schlimm warst, gesagt: «Du bist wie dein Vater.» Nun bist du selber verheiratet und hast ein Kind – was sagst du ihm, wenn es schlimm ist? Genau denselben Satz, den deine Mutter zu dir gesagt hat, obwohl er dich damals immer verletzt hat. Aber das ist das, was du von ihr übernommen hast – ihre Art, dich zu lieben. Das ist das, was du über Liebe mitbekommen hast.

Kinder so sein lassen, wie sie sind

Kinder lieben uns unvoreingenommen und akzeptieren sogar unsere Lieblosigkeiten. Dabei könnten wir von ihnen lernen, dass man nichts tun muss, um geliebt zu werden – man darf einfach sein. Ja, die unvoreingenommene Liebe ist das, was Eltern gleich in der ersten Woche mit ihrem Neugeborenen erfahren: Das Baby liegt in seinem Bettchen und wir meinen, so wie es ist, ist es wunderbar. Nur, kurz danach schleicht sich schon der Wurm ein und wir meinen, unseren Nachwuchs dauernd korrigieren zu ­müssen. Das ist nicht besonders schlau, denn Kinder brauchen von ihren Eltern nichts als die elementare Mitteilung: «Du bist in Ordnung, einfach weil du bist!»

Als ich 18 Jahre alt und noch Matrose war, hatte einer meiner Onkel, zu dem ich mich gar nicht hingezogen fühlte, uns alle eingeladen. Dazu hatte ich nun aber gar keine Lust, denn ich wusste genau, was ablaufen würde: Die Erwachsenen würden mich fragen, wie es mir gehe, und mich dann völlig vergessen. Meine Eltern haben aber so viel Druck gemacht, dass ich schliesslich mitging. Und was geschah? Genau das, was ich vorausgesehen hatte: Niemand hat sich nach den ersten zwei Minuten für mich interessiert, sodass ich nach einer halben Stunde beschlossen habe, zu gehen. Und als ich aufstand, um wegzugehen, sah plötzlich mein Vater in meine Richtung: Er fixierte mich und wusste genau, was ich vorhatte, und auch, weshalb ich aufstehen und weggehen wollte. Er hat mich nicht aufgehalten, sondern gehen lassen und mir das Gefühl gegeben, dass er mich versteht und dass es in Ordnung ist. Ich hätte es mir gewünscht, solche stillen Botschaften viel öfter zu erhalten – vor allem als Kind. Aber immerhin, es war einmal passiert, und das war viel!
 
Diese Art von Botschaften bestimmt die Qualität einer Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Eltern können ihre Liebe zu den Kindern nicht beweisen, indem sie ihnen hundert Mal beteuern: «Wir lieben euch so sehr!» – sie müssen diese Botschaft vermitteln, indem sie sie lieben, das heisst mit ihrem Tun. Sie müssen ihnen zeigen, dass sie sie annehmen – so wie sie sind.

Über Jesper Juul (1948 - 2019):

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer des Beratungsnetzwerks familylab und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») war zweimal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

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