Jesper Juul: Kinder die Liebe spüren lassen
Elternbildung

Kinder die Liebe spüren lassen

Eltern können ihre Liebe nicht durch Beteuerungen beweisen, sondern nur durch ihr Tun.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Wenn wir ein Kind bekommen, kennen wir es nicht: Wir wissen nicht, wie dieses Kind liebt und wie es geliebt werden möchte. Auch Kinder müssen auf unterschiedliche Arten geliebt werden, denn sie sind unterschiedlich.

Wenn ich also merke, dass ein Vater sein Kind verletzt hat, ihm dann aber sagt: «Ich habe dies ja nur getan, weil ich dich liebe!», dann muss ich ihn darauf hinweisen: «An deiner Liebe ist nichts auszusetzen, ich hinterfrage sie gewiss nicht, aber ich hinterfrage dein Verhalten: Wenn du dein Kind so behandelst, läuft es immer weg, es kann dein Verhalten nicht als Liebe erkennen. Es hat eine andere Erfahrung von dem, was Liebe ist. Du musst also versuchen, dein Verhalten so zu verändern, dass es einen Wert für deine Tochter hat, dass sie es als Liebe übersetzen kann.»
 
Aber dafür muss man sich nicht schuldig fühlen, woher sollen wir das auch wissen? Wir sind alle so unterschiedlich und wollen auf so verschiedene Weisen geliebt werden! Das Kind hat ein ganz bestimmtes Temperament und entwickelt sich auf seine Weise. Wie können wir aber herausfinden, wie unser Kind geliebt werden möchte? Erwachsene können sich das sprachlich mitteilen, für ein Kind ist das jedoch nicht so einfach. Wir werden oft sehr böse auf unsere Kinder – und diese Haltung drückt letztlich unsere Verzweiflung aus: Wir sind im Umgang mit unseren Kindern weniger erfolgreich, als wir es sein möchten. Aber wir können Kinder, selbst wenn sie noch sehr klein sind, um HiIfe bitten und ihnen sagen: «Schau, in den letzten drei Wochen war ich oft böse auf dich, wenn du dies oder das getan hast, und das macht mich wütend. Ich weiss nicht, was ich tun soll! Kannst du mir helfen?» Und meist sagen dir Kinder, was los ist, auch wenn sie es weniger differenziert ausdrücken.
Kinder brauchen von ihren Eltern nichts als die elementare Mitteilung: «Du bist in Ordnung, einfach weil du bist!»
Einer unserer dänischen Kinderspezialisten hat ein Projekt mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren durchgeführt. Er hat dabei erfahren, dass 90 Prozent der befragten Kinder es so empfinden, dass Eltern 80 Prozent der Zeit, die sie mit ihnen verbringen, schimpfen. Die befragten Erwachsenen hingegen meinten, sie würden nur 10 Prozent der Zeit schimpfen. Was er sich nun gefragt hat: Was ist mit diesen 70 Prozent, in denen sich Kinder kritisiert und nicht gesehen fühlen, Erwachsene das hingegen gar nicht merken? Und er kam zu dem Schluss, dass Erwachsene unter Schimpfen «den Ton erheben und böse gucken» verstehen, während Kinder unter Schimpfen auch all die anderen Situationen verstehen, in denen sie kategorisiert und definiert werden.

Die Liebe im Tun erkennbar machen

Was können wir als Erwachsene also tun? Wenn du die Kinder fragst: «Was kann ich anders machen?», sagen dir die Kinder: «Nichts, hör mir einfach zu!» Und das wiederum bedeutet: «Wenn du, Papa, wüsstest, was in meinem Kopf vorgeht, wenn ich dies oder das tue, dann würdest du mich nicht so beschimpfen, dann wüsstest du, ich hatte einen guten Grund dazu.»

Wenn ich mit Teenagern zusammenkomme, sagen sie mir sehr oft: «Meine Familie hört mir nicht zu!» Und die Eltern werden entsetzt sein und sagen: «Wie? Wir sprechen doch die ganze Zeit, was meinst du damit: Wir hören dir nicht zu?» Eltern fühlen sich unfair behandelt, aber was ihnen das Kind mitteilt, ist sehr wertvoll: «Ihr hört zwar meine Worte, versteht aber meine Botschaft nicht! Ihr denkt nicht weiter darüber nach.»
 
Was ich mit meinem Einsatz erreichen möchte, ist, in konkreten Beziehungen zu bewirken, dass liebevolle Emotionen – egal ob in Partnerschaften, zwischen Lehrern und Schülern oder Eltern und Kindern – in liebevolles Tun übersetzt werden. Und wir haben alle diese Schwierigkeit: «Ich liebe dich, wie kann ich es nun anstellen, dass du diese Liebe auch wirklich spürst?» Wir meinen, wenn wir jemanden lieben, dann kann der uns nur dankbar dafür sein. Wir meinen, wir ­hätten ein Ein- und Austrittsticket für die Seele des anderen: «Weil ich dich liebe, darf ich alles!»

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