Jesper Juul: Erziehung braucht Beziehung
Elternbildung

Erziehung braucht Beziehung

Wird Erziehung in einem hierarchischen Sinn betrachtet, kann sie sehr zerstörerisch sein. Kinder brauchen von ihren Eltern Führung, aber auch Gleichwertigkeit innerhalb der Familie.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Wenn Eltern feststellen, dass Kinder sich nicht so entwickeln, wie sie es sich vorstellen, oder dass sie sich schlecht benehmen, dann meinen viele, es würde reichen, jemanden zu bitten, die Kinder zu «reparieren». Dass das Verhalten der Kinder vielleicht etwas mit ihnen zu tun haben könnte, übersehen sie gerne. Aber wenn du wirklich möchtest, dass sich dein Kind verändert, musst du dich in erster Linie als Erwachsener verändern – und das heisst nicht nur neue Methoden oder Techniken einführen, sondern du selbst musst anfangen, an dir zu arbeiten. Diesbezüglich bin ich aber recht zuversichtlich: Die Anzahl jener Eltern, die diese Tatsache anerkennen, wächst erheblich.

Es gibt allerdings auch eine neue Gruppierung von jungen Eltern, die so sehr damit beschäftigt sind, Geld zu verdienen, und die diesbezüglich einen abnormen Ehrgeiz entwickeln, dass sie tatsächlich meinen, sich auch ihr Familienglück und ihre Gesundheit mit Geld erkaufen zu können. Sie sind bereit, grosse Summen zu zahlen, nur damit ihr Kind irgendwo gut untergebracht ist, und wenn es dann Probleme gibt, wollen sie die «schwierigen» Dinge möglichst rasch weghaben und zahlen dafür, was immer es kosten mag.

Mein Ehrgeiz ist es, Eltern wahrzunehmen: mit ihnen eine gewisse Zeit zu verbringen, um ihnen dann mitzuteilen, was ich beobachte und auf sie zukommen sehe. Worauf ich dabei immer achte, ist, wie ich meine Mitteilungen verpacke, damit meine Worte sie in der Tat erreichen und sie sich darin wiederfinden. Um einen Veränderungsprozess in Gang zu setzen, ist es wesentlich, die Eltern nicht zu verurteilen, sie nicht schlecht und schuldig zu machen. Damit erreicht man gar nichts, ausser dass sie sich ausgesetzt fühlen. Nachdem ich den Eltern meine Wahrnehmungen mitgeteilt habe, erwähne ich einige Möglichkeiten, wie sich ihr Familienklima verändern könnte, und ich mache auch kein Hehl daraus, dass ich möglicherweise eine von den Möglichkeiten bevorzuge. Sie dürfen dann entscheiden, ob und wie wir weiterarbeiten, denn der erste entscheidende Schritt ist, dass sie sich daran gewöhnen, selber Verantwortung zu übernehmen.

Im Dänischen kann man mit dem Wort «erziehen» zweierlei ausdrücken: «erziehen» im herkömmlichen Sinne von «korrigieren, massregeln», aber auch «erziehen» im Sinne von «grossziehen», und das heisst: jemandem helfen, erwachsen zu werden, ihn ins Leben «hineinziehen». Und diese zweite Bedeutung von «erziehen» ist mir sehr sympathisch.

Die Entwicklung begleiten

Ich bin keineswegs der Meinung, dass Kinder nicht erzogen werden sollten, aber ich meine damit nicht, dass Erwachsene Kinder dauernd korrigieren, sondern ich meine, dass Erwachsene sie ins Leben hinein begleiten können – und dafür brauchen Eltern sehr viel Geduld und Offenheit! Erziehung ist nicht nur aufbauend, sondern sie kann auch sehr zerstörerisch wirken, wenn sie in einem hierarchischen Sinne betrachtet wird: Ich als Vater bin oben und habe immer recht! So kann keine Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern gedeihen. 

Und wenn man Dinge verändern will, dann braucht man Zeit. Man muss Dinge loslassen können. Ein Beispiel: Wenn wir, meine Frau und ich, über das Benehmen unseres Sohnes erstaunt und entsetzt waren, haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, diesen Tag im Kalender rot anzukreuzen. Dann haben wir einen bestimmten Zeitpunkt festgelegt und uns gedacht: Wenn er sich bis dahin nicht verändert hat, dann müssen wir etwas unternehmen. Und es war tatsächlich jedes Mal so, dass sich immer etwas verändert hat – und eine Intervention überflüssig wurde. Dies hat sich bei uns öfters bewährt: nicht gleich handeln, geschweige denn mit Strafen drohen oder gar bestrafen, sondern erst mal abwarten. Im Deutschen gibt es ein Sprichwort, das hierzu gut passt: Gut Ding braucht Weile.

In einem gegenseitigen Prozess werden beide Seiten «erzogen»

Das merkt man auch bei Erwachsenen, die sich in therapeutischer Behandlung befinden. Klar gibt es Fälle, in denen sich eine echte Veränderung blitzartig einstellt, aber bei den meisten dauert der Prozess bis zu fünfzehn Jahre. Und deshalb ­finde ich es absurd, wenn Eltern die Vorstellung haben, ihre Kinder müssten sich sofort ändern, nur weil sie es sich so wünschen. Statt «Erziehung» – einem Begriff, der Einseitigkeit beinhaltet – müssten wir eine Terminologie finden, die sofort deutlich macht und klar anzeigt, dass es sich um einen gegenseitigen Prozess des Einwirkens aufeinander handelt, dass beide Seiten, die sich in Interaktion befinden, «erzogen» werden.

Beziehung ist insofern ein guter Begriff, als er die Gleichwertigkeit zwischen Eltern und Kindern betont – worauf es tatsächlich ankommt –, nur meine ich nicht, dass die Erwachsenen die Führung abgeben sollen: Kinder kommen mit sehr viel Weisheit, aber sehr wenig Erfahrung zur Welt, sodass sie der Führung durch die Erwachsenen bedürfen. Kinder, denen diese Führung nicht zuteilwird, sind sehr unglücklich, und sie bleiben es, wenn sie älter werden. 
Kinder kommen mit sehr viel Weisheit, aber sehr ­wenig Erfahrung zur Welt. Sie bedürfen der Führung, sonst werden sie unglücklich.  
Ich habe beispielsweise mit Menschen gearbeitet, die in einem Kibbuz gross geworden sind. Sie waren alle nicht besonders glücklich. Im Kibbuz ist es Müttern und Vätern nicht erlaubt, die Elternrolle zu übernehmen: Die Gemeinschaft tut das. In Kopenhagen habe ich mal mit einem Paar, beide Mitte 30, gearbeitet, das sich noch Jahre danach bei mir bedanken wollten, und ich wusste gar nicht, wofür. Sie haben mir erzählt, dass sie beide in einem Kibbuz aufgewachsen seien und überzeugt waren, keine guten Eltern sein zu können, sodass sie sich gegen Kinder entschieden hatten. Nach dem therapeutischen Prozess aber haben sie den Entschluss und den Mut gefasst, doch welche zu bekommen.

Kinder brauchen eine Führung, aber nicht die, die wir ihnen bislang angeboten haben. Sie brauchen eine kontinuierliche Begleitung und keine militärische Oberaufsicht.

Ich habe mit meiner ersten Frau und meinem Sohn bis zu seinem achten Lebensjahr in einer Kom­mune gelebt. Und ich werde den Tag, an dem wir ausgezogen sind, nie vergessen: Mein Sohn war so froh, obwohl er sich bis dahin nie beklagt hatte.
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Es gibt keine Alternative zur Familie

In einer solchen Gemeinschaft haben Kinder zwar mehr Gesprächspartner. Aber ich weiss nicht, ob sie sich schneller entwickeln. Es ist sicher für Erwachsene, die keine Verantwortung übernehmen wollen, sehr bequem, aber das, was die Familie dem Kind gibt, kann weder eine Kommune noch ein Nachbar ersetzen. Es gibt zur Familie ­keine Alternative.

In der Familie entwickelt sich der innere Halt des Kindes – das heisst: das Selbstwertgefühl, jene Stimme in uns, die sagt: «Okay, die Welt ändert sich, die Menschen auch, aber zumindest weiss ich, was ich mir selbst bedeute!» Wenn dem so ist, können wir getrost in die Zukunft blicken und nicht jeden Tag aufs Neue schockiert, sondern jeden Tag aufs Neue überrascht sein.

Wenn wir zum Beispiel in einer Partnerschaft leben, können wir uns sagen: «Ich bin gespannt, wer sie heute ist!» Das bedeutet: offen sein. Mit dieser Haltung lädst du jeden in deiner Umgebung ein, sich auch zu öffnen, und schaffst eine Atmosphäre, in der sich jeder frei entfalten kann – und das wiederum ist für Kinder sehr wichtig. Viele Eltern behaupten nämlich, sie würden ihre Kinder kennen, aber damit meinen sie nur: «Ich kenne sie besser, als sie sich selbst kennen, deshalb darf ich sie bevormunden!» Im Grunde kennen sie nur ihre äussere Seite, und auch die besteht zu 80 Prozent aus Projektionen der Eltern.
Viele Eltern sagen, sie würden ihre Kinder kennen und ­meinen: «Ich kenne sie ­besser als sie sich selbst, daher darf ich sie bevormunden.»
Sicher kennt man ein Kind gut, mit dem man jahrelang zusammengelebt hat. Zu sagen, du würdest es ganz und gar kennen, ist aber falsch. Du kennst es so, wie es sich dir gegenüber verhält, aus familiären Situationen, du kennst seine spontanen Reaktionen auf bestimmte Dinge, aber du kennst es nicht in seiner Ganzheit, das ist unmöglich, und es wäre vermessen, dies zu behaupten oder es zu beraten.

Eltern können zwar durchaus Ratgeber für ihre Kinder sein, aber nicht indem sie sich aufs Podest stellen und sagen: «Du musst dies oder das tun, denn ich kenne dich! Niemand kennt dich so gut wie ich!» Wäre es nicht angemessener zu sagen: «Schau, so wie ich dich kenne, meine ich, dass dies oder das nicht sehr zu dir passt»? Mit so einem Satz habe ich ausgedrückt, dass ich einen persönlichen Bezug zu meinem Kind habe und dass ich es aufgrund unserer Beziehung kenne und nicht, weil ich über ihm stehe. Das entspricht überhaupt nicht der Wahrheit und muss auch total unpersönlich auf es wirken, sodass ihm nichts anderes übrig bleiben kann, als zu protestieren.

Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, schrieb über 40 Bücher («Dein ­kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung»). Er war zweimal ­verheiratet und Vater eines Sohnes.

Mehr lesen von Jesper Juul: 

  • Das Kind wahrnehmen, statt es beurteilen
    Viele Eltern verlieren nach den ersten paar Monaten die Neugier auf ihr Kind und fangen an, es nur noch zu bewerten und zu korrigieren. Sie machen es dem Kind dadurch sehr schwer, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

  • Liebe Eltern, denkt mehr an euch!
    Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen. 


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