Jesper Juul: Die Grenzen der Kinder achten
Elternbildung
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Kinder sollen Grenzen überschreiten

Unsere Grenzen als Eltern wollen übrigens ganz genauso respektiert werden. Zunächst überschreiten Kinder unsere Grenzen dauernd. Und es ist wichtig, dass sie dies tun, denn wie sollten Kinder sonst wissen, was Grenzen sind und dass ein jeder von uns Grenzen hat? Kinder unter acht Jahren wollen ihre Eltern am liebsten 24 Stunden am Tag besitzen. Also musst du ihnen Grenzen setzen und ihnen sagen: «Ich kann mich jetzt nicht mit dir beschäftigen!» Und sie werden nicht lockerlassen und wieder und wieder kommen: «Spiel mit mir!» – Und du musst dabei bleiben: «Ich kann jetzt nicht, aber ich spiele sehr gerne später mit dir!» Durch so eine Aussage verletzt man das Kind nicht, man verletzt es nur, wenn man es kritisiert. Die Kinder sind vielleicht enttäuscht oder gar geschockt, aber sie werden es aufnehmen und integrieren. Es ist anders, wenn du sie dafür verantwortlich machst und für schuldig erklärst: «Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Wie kannst du nur, du böser Junge!» So verletzt du sie in der Tat.

Ich erinnere mich noch an folgende Situation vor 50 Jahren: Mein Vater kommt von der Arbeit zurück, er setzt sich an den Tisch und liest seine Zeitung. Nun wollte ich aber als kleiner Junge, dass er mir aus meinem Märchenbuch vorliest. Ich gehe also zu ihm hin, bitte ihn darum, und was geschieht? Er schaut mich nicht einmal an, sondern meine Mutter. Und die weiss sofort, was seine Augen mitteilen: «Nimm ihn weg, er stört mich!» Als «gute Frau» hätte sie mich sogar auf dem Weg zu ihm aufgehalten und mir vorwurfsvoll gesagt: «Siehst du nicht, dass dein Vater Zeitung liest? Du darfst ihn nicht stören!» Solche Sätze verletzen!
Es ist wichtig, dass wir uns im Kontakt mit Kindern von einer sozialen Standardsprache in Richtung persönliche Sprache bewegen.
Früher war es gang und gäbe, dass Kinder dafür, dass sie mit den Erwachsenen Kontakt aufnehmen wollten, zurechtgewiesen wurden. Welch eine furchtbare Mitteilung – du hast deinen Vater zehn Stunden nicht gesehen, und jetzt gehst du auf ihn zu und wirst dafür auch noch beschimpft und zum «schlimmen Jungen» gemacht! Wie sollten Kinder da nicht verwirrt sein? Sind Erwachsene nicht widersprüchliche Wesen? Sie verlangen von dir, dass du fremde Menschen küsst, aber wenn du dich deinem eigenen Vater nähern willst, erlauben sie es nicht. Die Eltern verhalten sich kalt und distanziert und geben dem Kind das Gefühl, es sei fehl am Platz – und das ist das Schlimmste! Deshalb ist es so wichtig, eine persönliche Sprache zu entwickeln – statt «Du störst mich!» zu sagen: «Ich möchte dir jetzt nicht vorlesen!»

Aber auch Erwachsene haben untereinander Schwierigkeiten, eine persönliche Sprache zu sprechen, und werden sehr schnell unpersönlich. Wenn ein Mann das erste Mal mit einer Frau zusammen ist und mehr von ihr will, als sie geben kann, dann flüchtet sie sich hinter den Satz: «Du kannst das nicht tun.» – «Wieso? Wer bist du denn, dass du mir sagst, was ich machen darf?» Oder sie sagt: «Das macht man mit Frauen nicht so!» – «Welches ‹Man› macht das mit Frauen nicht so?» – In so einer Situation können sich Mann und Frau in endlosen Diskussionen verlieren. Wenn die Frau hingegen ganz persönlich sagen würde: «Ich will das nicht!», dann gibt es nichts zu diskutieren – keiner hat recht, ­keiner unrecht. Es ist so, wie es ist! Sie will nicht, und er muss es respektieren.

Es ist sehr wichtig, vor allem im Kontakt zu Kindern, die schliesslich von uns lernen, was Grenzen sind und was Empathie bedeutet, dass wir uns von einer sozialen Standardsprache in Richtung persönliche Sprache bewegen.

Mehr zum Thema Grenzen und Selbstwertgefühl: 



Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt.

Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch
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