Jesper Juul: Aggressionen sind gesund
Elternbildung
Seite 2

Was Tränen bedeuten

Unabhängig von der Handhabung unserer Aggressionen gibt es zwei grundlegende Fähigkeiten, die der Aufrechterhaltung unserer psychischen Gesundheit dienen: Die eine besteht darin, unsere inneren Bedürfnisse wahrzunehmen und auf vielfältige Weise dafür zu sorgen, dass sie befriedigt werden. Die andere ist die Fähigkeit zu trauern oder zu weinen, wenn sich unsere Wünsche nicht erfüllen.

Kinder haben in der Regel kein Problem mit diesen Gefühlen – Erwachsene schon. Und da sie es nicht besser wissen, arbeiten sie in der Regel systematisch daran, diese Fähigkeit bei ihren Kindern zu zerstören. Nehmen wir ein alltägliches Beispiel: Eine Mutter schiebt ihren dreijährigen Sohn im Einkaufs­wagen durch einen Supermarkt. «Mama, darf ich ein Eis haben?», fragt der Junge. Die Mutter sagt Nein, woraufhin die meisten Kinder beginnen, um das Eis zu kämpfen. «Ich will aber ein Eis, bitte, bitte! Lukas hat gestern auch eins gekriegt.»

Solch eine Reaktion ist gesund. Die Argumentationstechnik des Jungen wird sich im Laufe der Jahre von allein verbessern. Unterdrückte Kinder, die schon tausend Mal gehört haben, wie lästig sie seien, erkennt man daran, dass sie nie aktiv um das Eis kämpfen, sondern stets von ihren Eltern hören wollen, warum sie keins haben dürfen. Sie nehmen also sogleich eine negative Haltung ein. «Warum denn nicht?», maulen sie, womit man in der Regel keinen Blumentopf gewinnt. Doch zurück zu den gesund argumentierenden Kindern. Zu irgendeinem Zeitpunkt reagieren die meisten Mütter mit einem Satz wie «Jetzt hör auf zu quengeln!».
Die meisten Eltern glauben, Kinder, die weinen, seien unglücklich. Deshalb stellen weinende Kinder eine so grosse Provokation für sie dar.
In vieler Hinsicht eine logische Reaktion. Eltern würden ihren Kindern ja im Grunde sämtliche Wünsche erfüllen wollen – wenn sie nur den emotionalen und ökonomischen Überschuss dafür hätten. Wenn wir also Nein zu unseren Kindern sagen und diese sich nicht gleich damit abfinden, empfinden wir uns schnell als schlechte Eltern. Und wenn wir uns nicht mehr als wertvoll für diejenigen empfinden, die uns am Herzen liegen, reagieren wir aggressiv.

Kinder reagieren fast immer mit Tränen, und das aus zwei Gründen: Die Formulierung «Jetzt hör auf zu quengeln!» bedeutet sehr direkt «Du bist lästig, nicht wertvoll». Worüber man zu recht weinen kann. Der ­zweite Grund ist ebenso wichtig. Durch das Weinen bearbeiten die Kinder ihren Verlust. Sie trauern.

Erwachsene wissen in der Regel, wie wichtig es ist, zu weinen und zu trauern, wenn man Tragödien, Scheidungen und Todesfälle erleidet. Doch auch bei geringeren Verlusten gilt: Tränen sind die einzige Möglichkeit, unser mentales Gleichgewicht wiederherzustellen. Ausserdem sollten wir uns klarmachen, dass der brennende Wunsch eines Dreijährigen, der soeben eine riesige Eisreklame gesehen hat, für ihn ­keine Kleinigkeit ist. Wird dieser Wunsch abgelehnt, beweint er seinen Verlust. Der Junge hat sich darauf eingestellt, dass er kein Eis bekommt – im Gegensatz zu der gängigen Meinung der Erwachsenen, er würde durch sein Weinen versuchen, seine Mutter doch noch herumzukriegen. 90 Prozent der Dreijährigen weinen aus Frustration.

Im Prinzip glauben die meisten Erwachsenen auch, weinende Kinder seien unglücklich. Deshalb stellen weinende Kinder so eine grosse Provokation für uns dar. Je heftiger sie weinen, desto mehr fühlen wir uns als schlechte Eltern. Die betreffende Mutter wird also fürchten, von allen anderen Menschen im Supermarkt als schlechte Mutter betrachtet zu werden. Je mehr wir uns aber als schlechte Eltern empfinden, ­desto aggressiver reagieren wir. Also wird die Mutter ihren Sohn vermutlich zurechtweisen: «Jetzt hör auf zu quengeln!» Und je deutlicher wir unserem Kind zu verstehen geben, dass es lästig sei, desto mehr fliessen die Tränen.

Vermutlich liegt Ihnen jetzt die naheliegende Frage auf der Zunge, ob Kinder denn jedes Mal ein Eis bekommen sollen, wenn sie danach fragen. Natürlich nicht. Eine unserer Funktionen als Eltern besteht darin, dass wir den Rahmen für unsere Kinder abstecken und ihnen ge­wisse Grenzen setzen. So brauchen Kinder fünf bis sieben Jahre, um sich daran zu gewöhnen, dass es in der Welt und bei ihren Eltern ein Ja und ein Nein gibt. Wir Eltern helfen ihnen bei diesem Prozess.
Wir sollten die gesunde Reaktion unseres Kindes aber auch anerkennen und wertschätzen. Wir können uns über die Vitalität freuen, mit der es seinen Wunsch zum Ausdruck bringt. Deshalb sollte man seine Anstrengungen nicht an sich kritisieren, sondern freundlich und gelassen am eigenen Nein festhalten. Falls das Weinen kein Ende nimmt, kann man dies stillschweigend akzeptieren oder sein Kind auf den Arm nehmen und zu ihm sagen: «Ich weiss, wie schlimm es ist, etwas nicht bekommen zu können, das man so sehr will.»

Damit gibt man ihm zu verstehen, dass sein Verhalten an sich gesund und berechtigt ist. In der Regel dauert es danach noch dreissig bis vierzig Sekunden, bis das Kind aufhört zu weinen.

Betrachten wir einmal folgende Episode: Die Eltern besuchen mit ihrem fünfjährigen Sohn Elias und dessen älterem Bruder ein Restaurant. Elias benimmt sich während des Essens geradezu vorbildlich, doch als seine Eltern beim Kaffee angelangt sind und über ihre eigenen Dinge reden, beginnt er sich zu langweilen. Zunächst steht er auf, geht ruhig zwischen den anderen Tischen umher und begrüsst freundlich die anderen Gäste. Danach zieht er in einem bestimmten Muster, das eine Acht beschreibt, zwischen zwei leeren Tischen seine Bahn. Er kooperiert also mit dem Bedürfnis seiner Eltern, als Paar zu fungieren, und hat eine ebenso harmlose wie ruhige Beschäftigung gefunden. Plötzlich steht der Vater auf und zieht Elias unsanft zurück an den gemeinsamen Tisch. Er sieht ihn ernst an und sagt: «Setz dich hin! Sonst nehmen wir dich nicht wieder mit in ein Restaurant!»

Würde der Vater die enorme Kooperationsbereitschaft seines Sohnes begreifen, könnte er sagen: «Wie schön, dass wir hier in Ruhe sitzen können, während du dir so ein schönes Spiel ausdenkst.» Oder: «Was für tolle Achten du da machst.»
Die unsinnige Zurechtweisung des Vaters bedeutet natürlich nicht, dass er bösartig wäre oder seinen Sohn nicht lieben würde. Auch dieser Vater möchte der bestmögliche Erzieher für seinen Sohn sein. Wir alle haben in aller Unschuld wohl schon ähnliche Dinge zu unseren Kindern gesagt.

Wie wir es gelernt haben

Für solche unangemessenen Reaktionen von Eltern lassen sich viele Entschuldigungen finden. Und natürlich ist es unmöglich, jederzeit gelassen und «perfekt» zu reagieren.

Was jedoch nicht heisst, dass man es nicht versuchen sollte. Eltern haben einen besseren Einblick in die Gesamtsituation als Kinder, deshalb sollten sie hin und wieder ihre eingeschliffenen Verhaltensmuster überprüfen und den Schmerz berücksichtigen, den sie ihren Kindern unweigerlich zufügen. Eltern sollten lernen, Grenzen zu setzen, ohne zu kritisieren.
Kinder brauchen fünf bis sieben Jahre, um sich daran zu gewöhnen, dass es in der Welt der Erwachsenen ein Ja und ein Nein gibt.
Kinder nehmen noch keinen Schaden, wenn sie fünf bis zehn Mal in der Woche Situationen erleben, in denen sie sich nicht wertvoll, sondern als Last für ihre Eltern empfinden. Doch gibt es ungeheuer viele Kinder, denen fünfzig bis hundert Mal am Tag diese Botschaft vermittelt wird, und daran nehmen sie Schaden. Zunächst leidet ihr Selbstgefühl darunter und damit das Fundament ihrer gesamten Stellung in der Welt.

Wir tun das, was wir gelernt haben, und handeln nach bestem Wissen und Gewissen. Wenn das Aggressivitätslevel in der Familie zu hoch wird, ist es an der Zeit, etwas Neues zu lernen.
Anzeige

Über Jesper Juul (1948 - 2019):

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer des Beratungsnetzwerks familylab und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») war zweimal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

Lesen Sie mehr von Jesper Juul:

  • Aggressionen in der Familie
    Aggressionen sind ein unerlässlicher Bestandteil menschlicher Beziehungen, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Familie. Sie sind kein Symptom dafür, dass eine Familie auseinanderbricht. Sondern ein Zeichen, dass sie lebt.

  • Das Kind wahrnehmen, statt es beurteilen
    Viele Eltern verlieren nach den ersten paar Monaten die Neugier auf ihr Kind und fangen an, es nur noch zu bewerten und zu korrigieren. Sie machen es dem Kind dadurch sehr schwer, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

  • Liebe Eltern, denkt mehr an euch!
    Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.