Irina Kammerer: «Strafen haben keinen positiven Effekt auf die schulische Mitarbeit»
Elternbildung

«Strafen haben keinen positiven Effekt auf die schulische Mitarbeit»

Die Kinder- und Jugendspychologin Irina Kammerer weiss, dass Fleisskärtchen und Strafaufgaben an Schulen nach wie vor üblich sind als Reaktion auf gute Leistungen oder unerwünschtes Verhalten. Sie erklärt, was Kindern besser hilft zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
Interview: Julia Meyer-Hermann
Bild:
Max Fischer / Pexels

Frau Kammerer, lange Zeit ging man davon aus, dass Kinder in der Schule zu Disziplin und Gehorsam erzogen werden müssten, notfalls auch mit körperlicher Züchtigung. Das ist zum Glück passé. Welche Rolle spielen Belohnungen und Bestrafungen heute im schulischen Kontext?

Bestrafungen sind nach wie vor allgegenwärtig, wenn auch in anderer Form als noch vor 100 oder 50 Jahren. Bis in die 1980er-Jahre galten Körperstrafen als entschuldbar, das war in der Volksschulverordnung extra so festgehalten. Inzwischen sind Züchtigungen ausdrücklich untersagt. Das ist wichtig, weil diese Strafen das Selbstwertgefühl eines Kindes extrem schädigen. Leider ist es aber immer noch alltäglich, dass Schüler harsch vor der Klasse angegangen werden. Wenn Kinder regelmässig verbal erniedrigt oder lächerlich gemacht werden, ist das fatal für die Entwicklung. Diese Abwertungen schaden ausserdem der Lehrer-Schüler-Beziehung.

Wo verläuft die Grenze zwischen ­sinnvoller Kritik und verletzendem Tadel?

Wenn ich als Erwachsene deutlich zeige, dass ich das Kind als Person wertschätze, verletze ich seine Integrität nicht, wenn ich es auf einen Fehler aufmerksam mache. Ich kann sagen: «Dein Lösungsweg ist falsch.» Ich darf aber nicht so etwas äussern wie «Wenn du besser aufpassen würdest, stündest du jetzt nicht so dumm da» oder «Wie kann man nur so begriffsstutzig sein?».
Irina Kammerer leitet den Bereich Beratung und ­Therapie für Kinder, Jugendliche und Familien am ­Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen ­Instituts der Universität Zürich. Die Psychologin hat vier Kinder und hat sich intensiv mit Belohnung und Bestrafung im erzieherischen Kontext auseinandergesetzt.
Irina Kammerer leitet den Bereich Beratung und ­Therapie für Kinder, Jugendliche und Familien am ­Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen ­Instituts der Universität Zürich. Die Psychologin hat vier Kinder und hat sich intensiv mit Belohnung und Bestrafung im erzieherischen Kontext auseinandergesetzt.

Erreicht eine Lehrperson durch ­Strenge und ­Strafen vielleicht die Ruhe, die sie im Klassenzimmer braucht?

Aus der Forschung wissen wir, dass das nicht der Fall ist. Wenn eine Lehrperson ein Kind oder einen Jugendlichen abmahnt, also zum Beispiel Strafaufgaben aufgibt oder einen Störenfried vor die Tür setzt, hat das langfristig gesehen überhaupt keinen positiven Effekt. Möglicherweise gibt es eine kurze Ruhephase, solange das Kind nicht im Klassenzimmer ist. Auch das ist aber nicht garantiert, viele Kinder wüten vor der Tür weiter. Häufig kommt es zu einem beziehungsschädigenden Pingpong-Effekt, weil das Verhalten der Lehrperson beim Kind neue Aggressionen auslöst.

Was sollen Lehrer denn machen, wenn Kinder sich nicht an Regeln ­halten und den Unterricht gezielt ­stören? Das erfordert doch eine disziplinarische Reaktion.

Vom amerikanischen Kinderpsychologen Ross Greene stammt das Zitat: «Kids do well, if they can.» Wenn Kinder über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, machen sie es gut. Ich finde diese Annahme hilfreich für die eigene Herangehensweise. Sie hält uns Erwachsene dazu an, zunächst einmal zu überlegen, welche Kompetenz einem Kind vielleicht fehlt, um sich angemessen zu verhalten.
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Wie meinen Sie das?

Es gibt zum Beispiel Kinder, die in einem sozial schwierigen Elternhaus aufwachsen und ihre Eltern nicht als verlässliche Fürsorgepersonen erleben. Die übertragen ihre unsicheren Bindungsmuster auf den schulischen Kontext und erwarten, dass sich die Lehrer ihnen gegenüber genauso destruktiv verhalten, wie sie es kennen. Wenn ich auf deren ­Provokationen mit harter Strafe reagiere, bestätige ich sie und es ändert sich nichts. Es wäre viel hilfreicher, sich zu überlegen, wie man mit so einem Kind ein Bündnis ­aufbauen und ihm helfen kann, fehlende Kompetenzen zu erwerben.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/belohnen-und-bestrafen"><strong>Online-Dossier </strong>«<strong>Belohnen und Bestrafen</strong>»<strong>.</strong></a><strong><br></strong>Bedingungslos formulierte Kritik und Wünsche kommen beim Kind besser an.<strong> Wie Erziehung ohne Manipulation gelingt, erfahren Sie in </strong><a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/belohnen-und-bestrafen"><strong>diesem Dossier.</strong></a></div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Belohnen und Bestrafen».
Bedingungslos formulierte Kritik und Wünsche kommen beim Kind besser an. Wie Erziehung ohne Manipulation gelingt, erfahren Sie in diesem Dossier.

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