Ich erzähle: «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
Elternbildung

Ich erzähle

«Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»

Lisa Briner und Noé Roy sind beide 28 Jahre alt. Die Buchhalterin und der Produktmanager leben mit ­ihren Töchtern Amélie, 4, und  Inès, 2, in Bern. Sie sind jung Eltern geworden und wussten, dass sie den autoritären Erziehungsstil ­ihrer eigenen Elternhäuser nicht übernehmen wollten.
Aufgezeichnet von Julia Meyer-Hermann
Bild:
Fabian Hugo / 13 Photo
«Noé und ich sind ziemlich jung und unge­plant Eltern geworden. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Amélie zu bekommen, und haben das auch als Chance für uns als Paar verstanden. Allerdings haben wir beide schnell gemerkt, dass wir eigentlich gar keine Ahnung haben, wie wir ein Kind grossziehen wollen.

Ich komme aus einem Elternhaus, das eher autoritär war. Ich erinnere mich an Strafen für das, was meine Eltern als zu frech, zu wild oder zu wenig folgsam empfanden. Mein Bruder wurde ab und zu in sein Zimmer gesperrt, wenn er zu laut gewesen war. Später gab es dann Fernseh- oder Handyentzug. Was heute viele Fachbücher und Studien erklären, weiss ich aus praktischer Erfahrung: Strafen bewirken überhaupt keine Einsicht oder Verhaltensänderung. Ich habe bestimmte Strafen einfach in Kauf genommen, wenn ich dafür etwas machen konnte, was ich wollte.
«Noé und ich müssen immer wieder darauf achten, dass wir mit unseren Energieressourcen nicht am Limit sind.»
Noé und ich haben beide gedacht, dass Erziehung doch auch anders möglich sein muss. Was bringt es denn, ein kleines Kind anzubrüllen – ausser dass es sich wahn­sinnig erschreckt und verunsichert ist?

Wir wollten ein anderes Familienmodell. Allerdings haben wir auch schnell festgestellt, dass es mit dem blossen Ideal nicht getan ist. Der Erziehungsstil wird oft durch das geprägt, was man selbst in seiner Kindheit erlebt hat, weil man im herausfordernden Familien­­alltag in erlernte Muster zurückfällt.

Noé und ich haben uns überfordert gefühlt und sind zur Familienberatung von Nina Trepp gegangen. Das hat uns sehr gutgetan. Wir haben uns dabei als Paar intensiver kennen­gelernt, und ich finde es wirklich wunderbar, dass wir uns so gut über solche Fragen austauschen können. Wir haben dabei auch viel über uns und unsere Reaktionen auf bestimmte Stresssituationen gelernt.

Vor Kurzem hat die Kleine unser Badezimmer so unter Wasser gesetzt, dass es bis ins Wohnzimmer gelaufen ist. Da hätte ich früher geschrien vor Wut. Jetzt habe ich bestimmte Strategien zur Hand, die mir helfen: zum Beispiel kurz durchatmen, mich irgendwo festhalten, kurz den Raum verlassen. Ich weiss jetzt auch, dass Noé und ich darauf achten müssen, dass wir mit unseren Energieressourcen nicht am Limit sind. ­Es kommen immer wieder herausfordernde Zeiten. Unsere Grosse ist jetzt gerade im Kindergarten gestartet. Sie fügt sich da gut ein, aber zu Hause ist sie oft müde und bockig. Das müssen wir abfedern. Das können wir auch, weil jeder von uns beiden dem anderen sagt, was er braucht, um seine Ressourcen aufzufüllen.»

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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/erziehen-ohne-schimpfen"><strong>Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. </strong></a>Lesen Sie mehr zum Thema, wie: <strong>Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts.</strong> Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts. Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?

Lesen Sie mehr zum Thema Erziehen ohne Schimpfen:

  • Erziehen ohne Schimpfen: Muss ich denn immer laut werden?
    In den meisten Familien gehört es zum Alltag: Eltern schimpfen mit ihren Kindern, mal mehr, mal weniger heftig. Auslöser sind meist Stress und Überforderung. Doch Grenzen und Regeln lassen sich durch Anbrüllen nicht durchsetzen, sagen Erziehungsexperten. Und zu viele Wutausbrüche schaden langfristig der Entwicklung des Kindes. Erziehung ohne Schimpfen – wie geht das?

  • «Die Wut auf meinen Ex-Mann überträgt sich manchmal auf die Kinder»
    Susanna*, 43, lebt mit ihren Söhnen Marco, 12, und Dominik, 9, in der Nähe von Chur. Die Lehrerin hat sich vor zwei Jahren vom Vater der beiden Jungen scheiden lassen.

  • «Meine Wutausbrüche hatten viel mit meiner Kindheit zu tun»
    Dominique Eichenberger lebt mit ihrem Mann Jan und den beiden ­Kindern ­Yannick, 5, und Sophie, 3, in der Nähe von Bern. Vor zwei Jahren hat die 30-jährige Pflegefachfrau eine Familien­beratung begonnen, weil sie das Gefühl hatte, bei der Erziehung von Yannick zu oft laut und grob zu werden. Auch ihr Mann hat sich beraten lassen.

  • «Bevor ich komplett ausraste, ziehe ich mich zurück»
    Karin Lerchi, 50, ist selbständige ­Catering-Unternehmerin. Die allein­er­ziehende Mutter lebt mit ihrer ­13-jährigen Tochter Alva in Zürich. Wegen Corona ist ihre berufliche ­Situation angespannt. Gleichzeitig fordert der Teenager Freiheiten – das provoziert Konfliktsituationen.

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Von Simone am 15.11.2020 17:35

Wenn Eltern ihre Gefühle hinter einer perfekten Fassade verstecken, ist das für das Kind sehr verunsichernd. Das Kind hat selber alle möglichen und auch schwierigen Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Trauer, Unsicherheit etc. Wenn Eltern "Perfektion" vorleben, erlebt es sich selber als minderwertig und unfähig. Gesünder scheint mir ein offener Umgang mit eigenen Schwächen, dazu gehört auch, sich für begangene Fehler beim Kind zu entschuldigen. Basis dafür ist die Aufarbeitung der eigenen Verletzungen aus Kindheitstagen. Ausserdem gibt es einen zweiten wichtigen Punkt, der mir am Herzen liegt: Wenn Eltern ihre schwierigen Gefühle unterdrücken, zeigen sie sie dennoch - einfach verschlüsselt: zB durch Schweigen, Mimik, Körpersprache, Nichtübereinstimmung von Handeln und Reden, Liebesentzug. Dadurch senden sie dem Kind paradoxe Doppelbotschaften, die das Kind weder verstehen noch erfüllen kann. Solche Worte sind nicht laut, klingen womöglich sogar nett. Für das Kind ist diese Art der Kommunikation hochgradig verwirrend und schädlich - viel schädlicher als ein authentischer Wutausbruch (vorausgesetzt er ist verbal nicht herabsetzend oder verletzend). Über offene Aggression kann immerhin diskutiert werden, über verdeckte Aggression hingegen nicht, da die darunter liegenden Motive maskiert sind. Emotionale Gewalt unter dem Deckmantel friedlicher Kommunikation ist meines Erachtens noch weitgehend unbekannt, kann aber psychische Traumata verursachen. Darum bin ich gegenüber dem Ruf nach plakativem "Erziehen ohne Schimpfen" sehr vorsichtig.

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Von Frau am 05.11.2020 13:37

Ich mag Frutz und Fränzi, oft sogar segr. Doch dieser Artikel stimmt mich etwas traurig. Klar gehe ich mit Ihnen einher, dass zu viel, bzw. vor all erniedrigendes schimpfen nicht gut tut.
Dieses mal gleicht der Artikel ein wenug den Facebook-predigten von selbsternannten Profimüttern, welche in jeder Handlung einen psychischen Langzeitschaden bei den Kindern befürchten. Der ganze Artikel ist für mich so dargestellt, als ob nicht geschumpfen werden dürfte. Nur in ein kleinen Nebensatz kommt dann die Aussage, dass authentisches genervtsein auf die Situation durchaus wichtig ist.(mit dem Beispiel DAS KIND soll das Glas etwas weiter stellen).
Ich (selbst Pädagogin) bin überzwugt, dass schimpfen dazu gehört. Ich schrei dann lieber mal rum ("gopfetamminomal, ich hasse usgleerte Sirup butze, wäh isch das chlebrig"- laut, ausser mir, aber wirklich nicht aufs Kind bezogen, auch nicht darauf, was es hätte besser machen sollen.). Manchmal schrei ich sogar das Kind an, so richtig. Stolz drauf bin ich nicht. Aber: erreichbar! Die meisten Kinder oruentieren sich an ihren Eltern, möchten genauso sein und fühlen sich nahe, wenn auch wir Eltern mal falsch reagieren, was dummes machen. Denn das passiert den Kindern ebenso. Es gibt nichts, was mich meinen Kindern näher bringt, als auch mal wütend loszuschrein, traurig ränen zu vergiessen und mich aus jux Tisch mal daneben zu benehmen. Dann sind wir uns nahe, das gibt Beziehung, da kann man vorbildluch einen Umgang mit d Gefühl vorleben. Das kontrollierte, selbstbeherrschte Mutterbild schafft Distanz. Meine 6jährige sagt von selbst: " ja logo wetti nöd dass mit mer schimpfsch, das isch nöd cool. Aber du wettsch au nöd dass ich dich amotze und trotzdem passierts mängisch. Das isch doch normal. Und wenn ich gsee, dass sogar du mami schimpfsch, denn weissi au sicher, dass es normal isch, au wenn ich mal wüetig bin."

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