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Elternbildung
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Geht Hochsensitivität wieder zurück?

Dieselben Charakteristiken, die für negative Erfahrungen empfängliche Kinder überproportional verwundbar machten, liessen sie auch überproportional von positiven Erfahrungen profitieren, sagt Michael Plüss. Eine Metaanalyse der Universität Utrecht hat das bestätigt. So fanden die Forscher mehrere Belege dafür, dass Orchideenkinder zwar übermässig unter den negativen Auswirkungen schroffen elterlichen Verhaltens leiden, aber auch überproportional stark von elterlicher Fürsorglichkeit profitieren.

Hochsensitivität geht mit den Jahren nicht zurück und wird auch nicht schwächer.
Aber Eltern, die ein hochsensitives Kind oft loben und es ermuntern, auszutesten, ob sich seine Befürchtungen als begründet herausstellen, haben einen positiven Einfluss, darin sind sich Expertinnen und Experten einig. Elaine Aron formuliert es so: «Mit der Zeit wird die Vorstellung des Kindes von der Welt nicht mehr so beängstigend sein, wie sein Nervensystem es ihm in früheren Jahren übermittelt hat. Seine kreativen Wesenszüge und intuitiven Fähigkeiten werden sich entfalten und die schwierigen Seiten können etwas verblassen, sofern die richtigen Strategien im Umgang damit gefunden wurden.»
«Hochsensitivität ist eine Gabe.»
Brigitte Küster, Leiterin des Instituts für Hochsensitivität.
Hochsensitive weisen eine Vielzahl an Begabungen und Stärken auf, die mit diesem Begriff erst einmal nicht in Verbindung gebracht werden. Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sind nur zwei von sehr vielen Kriterien, die Hochsensitivität kennzeichnen. «Hochsensitive haben ein sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, analysieren sich und andere sehr genau und tief und werden für ihr Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sehr geschätzt», erklärt etwa Brigitte Küster. Hochsensitivität sei auch eine Gabe: «Ein Schatz von grosser Sinnhaftigkeit und Tiefe, wenn man ihn hebt.»

Weiter ist den Hochsensitiven eine hohe Gewissenhaftigkeit eigen, sie sind schnell im Aufspüren von feinen Unterschieden und haben eine ausgeprägte kreative Ader. In anderen Gesellschaften und Kulturen wie etwa Japan oder Schweden würden diese Eigenschaften sehr geschätzt, sagt Elaine Aron, die US-amerikanische Hochsensitivitätsexpertin. «Da in unserer Kultur Durchsetzungsvermögen und Stärke bevorzugt werden, wird das Persönlichkeitsmerkmal hochsensitiv als etwas angesehen, mit dem es sich schwer leben lässt oder das geheilt werden muss.»

Hinzu kommt: Hochsensitivität hat verschiedene Facetten oder Blendungen, wie es im Fachjargon heisst. Es gibt nicht das alleinige hochsensitive Merkmal, vielmehr äussert sich die Hochsensitivität in einer Häufung von bestimmten Kriterien, die von Mensch zu Mensch, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität, stark variieren können.

Wie kann mit der Besonderheit Frieden geschlossen werden?

«Nebst den schüchternen, introvertierten Hochsensitiven – sie machen rund 70 Prozent aus – gibt es auch die extrovertierten, also nach aussen gerichteten Hochsensitiven», erklärt Brigitte Küster. Besonders Letztere, mit etwa 30 Prozent eine Minderheit unter den Hochsensitiven, sind noch schwieriger zu erkennen als die Introvertierten. «Es sind Menschen, die sich gerne verausgaben, sich permanent überfordern, dabei aber schnell erschöpft sind», sagt Brigitte Küster. Jedoch: «Hochsensitiv zu sein, bedeutet nicht, kompliziert zu sein. Was wichtig ist, ist einzig und allein die Balance zwischen Energieverlust und Energiegewinnung zu finden.»
«Es ist normal, verschieden zu sein.»
Richard von Weizsäcker, ehemaliger deutscher Bundespräsident.
Denn: Hochsensitivität bedeutet nichts anderes, als verschieden zu sein. «Es gibt keine Norm für das Menschsein», sagte der ehemalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker. «Es ist normal, verschieden zu sein.» Noch fehlt für dieses sehr spezifische Verschiedensein ein breites Bewusstsein. Selbst Fachleuten – Ärztinnen, Psychologen und Pädagogen – mangelt es oft an fundierter Kenntnis dieses komplexen Phänomens. Manche Experten lehnen gar die Diagnose an sich ab.
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Ein öffentliches Bewusstsein für Hochsensitivität entwickelt sich erst langsam.
Ein öffentliches Bewusstsein für Hochsensitivität entwickelt sich erst langsam.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Diagnosestellung alles andere als einfach und die Studienlage noch nicht sehr gut ist. Texte, die sich mit dem Phänomen befassen, werfen oft mehr Fragen auf, als dass sie Anworten geben. Dennoch ist heute einiges über die Zusammenhänge und Auswirkungen von Hochsensitivität bekannt, und es gibt bereits Ansätze zu einem Leitfaden für den Umgang mit Hochsensitivität. Dies ist wichtig, damit sich Betroffene nicht mehr fragen müssen, was mit ihnen nicht stimmt – sondern sich damit auseinandersetzen können, wie sie ihre besonderen Fähigkeiten besser einbringen könnten.

Zur Autorin:

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Claudia Landolt, leitende Autorin von Fritz+Fränzi, hat erst als Erwachsene Frieden mit ihrer Feinfühligkeit schliessen können. Heute ist sie sehr geerdet. Hochsensitivität ist für sie persönlich kein Leiden, sondern eine zweite Haut, die nur besonders gut geschützt werden muss.

Hängen Hochsensitivität und Hochbegabung zusammen?

Der Eindruck, Hochsensitive seien gleichzeitig auch immer hochbegabt, würden also über eine überdurchschnittliche Intelligenz (IQ grösser als 130) verfügen, ist nicht belegbar. Die Zahl der Überschneidung dürfte sehr gering sein, schreibt der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e. V. auf seiner Webseite.

Dennoch vertreten einige Fachleute, darunter die Frankfurter Psychologin Andrea Brackmann, die These, dass Hochsensitivität eine besondere Form von Hochbegabung sei. Brackmann beschreibt in ihrem Buch «Jenseits der Norm – hochbegabt und hochsensibel?» (2005) die zwei Ausprägungen mit nahezu identischen Worten; beide Personengruppen fühlten sich «anders», beide Ausprägungen würden grösstenteils vererbt.

Der Unterschied liegt im Umgang mit den Informationen. Hochsensitive erfassen und interpretieren diese nicht in sachlicher Art, sondern in ihrer vielfältigen Bedeutung, während Hochbegabte eher kognitiv und sachlich-analytisch orientiert sind. Hingegen seien laut Elaine Aron Hochsensitive oft besonders begabt im musischen, künstlerischen oder zwischenmenschlichen Bereich.

Hochsensitivität – nur ein Konstrukt?

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron definiert Hochsensitivität als grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal, das genetisch bedingt sei. Diese Aussage ist wissenschaftlich nicht unumstritten. «Hochsensitivität ist alter Wein in neuen Schläuchen», sagt der Zürcher Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik, Willibald Ruch, über Arons Definition der Hochsensitivität. Ruch hält Hochsensitivität für eine Ausprägung von Neurotizismus.

Neurotizismus ist eine Dimension der «Big Five», fünf Merkmale, die einem verbreiteten und gut untersuchten Modell zufolge die wesentlichen Charakterzüge des Menschen erfassen. Personen mit höheren Neurotizismuswerten werden oft als emotional weniger stabil bezeichnet, sind tendenziell eher ängstlich, nervös und unsicher und können weniger gut mit Stress umgehen als andere.

Ein anderer wichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf die inhaltlichen Kriterien von Elaine Arons Hochsensitivitätstest. Während Aron von der Annahme ausgeht, dass ihr Fragebogen eine in sich geschlossene Eigenschaft messe, monieren Forscherkollegen, dass die Fragen Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen erfassen und verschiedene Typen von Empfindsamkeit messen. 

Die US-Temperamentsforscherin Mary Rothbart kommt in einer Untersuchung zum Schluss, dass Arons Test zwei voneinander getrennte Merkmale erfasst: zum einen den «negativen Affekt», sprich die generelle Neigung zu Gefühlen wie Angst, Ärger oder Traurigkeit; zum anderen die Dimension der «ästhetischen Sensitivität», also die Empfänglichkeit oder Feinfühligkeit in Bezug auf neue Eindrücke, wie etwa von einem Film besonders berührt zu werden.

Infos, Links, Bücher

  • www.ifhs.ch (Brigitte Küster): Infos, Vorträge, Bücher, Beratungen und Kurse
  • www.hochsensibilitaet.ch
    (Marianne Schauwecker): Tests, Tipps
  • www.hsperson.com (Elaine Aron)
  • www.michaelpluess.com
  • www.hsu-hh.de, Stichworte: Sandra Konrad, Forschung, Kongresse
  • www.zartbesaitet.net: Infos, Tests, nützliche Antworten, Abgrenzungen
  • Georg Parlow: Zart besaitet. Verlag Festland, 247 S.
  • Elaine Aron: Das hochsensible Kind. mvg-Verlag, 488 S.
  • Brigitte Schorr: Hochsensible Mütter. SCM Hänssler, 208 S.
  • Mira Mondstein, Deva Wallow: Alle Antennen auf Empfang. Empfindsame Kinder besser verstehen. Humboldt, 192 S.

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