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Elternbildung

Haben Sie mehr Verständnis – für sich selbst! 

Ich bin nur noch am Brüllen, Schimpfen und Streiten – mein Kind treibt mich zur Weissglut!
Text: Fabian Grolimund
llustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren 
Das Zusammenleben mit Kindern kann für Eltern zeitweise frustrierend sein. Manchmal «beichten » mir Eltern, dass sie sich das Familienleben so schön vorgestellt hatten und sich jetzt kaum wiedererkennen. Sie schreien ihr trotziges Kleinkind an und verachten sich selbst dafür. Sie machen bei der Elfjährigen massiv Druck bei den Hausaufgaben, obwohl sie sich geschworen hatten, genau das nicht zu tun. Sie erleben sich im Umgang mit dem Fünfzehnjährigen überhaupt nicht als die entspannte Mutter oder den gesprächsbereiten Vater, die sie gerne sein würden. Doch wie lässt sich das ändern?

Haben Sie etwas mehr Verständnis

«Warum habe ich das gemacht?», «Jetzt bin ich schon wieder ausgetickt – ich habe es einfach nicht im Griff!», «Warum schaffe ich das nicht? Andere Eltern können es doch auch!». Viele Eltern, insbesondere Mütter, machen sich nach einem Wutausbruch richtiggehend selbst fertig. Ein schlechtes Gewissen führt aber nur zu noch mehr Druck und Stress und macht es Ihnen nicht leichter, sich in Zukunft anders zu verhalten. Haben Sie deshalb etwas mehr Verständnis – und zwar für sich selbst! 
Statt nachzudenken, was wir «falsch» gemacht haben, könnten wir überlegen, wie wir das nächste Mal reagieren möchten.
Das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Verhalten rechtfertigen. Zeigen Sie Mitgefühl, wenn Sie mit sich selbst sprechen. Sie könnten etwas in der folgenden Art zu sich sagen: «Okay, es ist nicht in Ordnung, sein Kind anzuschreien. Jetzt ist es passiert, und es nützt nichts, wenn ich mich dafür selbst fertigmache. Ich glaube, ich bin einfach müde und gestresst. Im Moment hängt wirklich alles an mir.» Sie können sich vorstellen, Sie wären Ihre beste Freundin, die Sie einfach mal in den Arm nimmt und Ihnen zeigt: Ich kann das nachvollziehen!

Schreiben Sie sich Ihren Frust von der Seele

Es gibt eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass es uns deutlich besser geht, wenn wir uns ein Blatt Papier oder den Laptop schnappen und alles aufschreiben, was uns quält. Versuchspersonen, die über einige Wochen hinweg zweimal pro Woche 15 Minuten über Ihre Belastungen und negativen Gefühle geschrieben haben, wurden zufriedener und ausgeglichener. Der Stress nahm ab und es konnten sogar positive Effekte auf das Immunsystem und eine Abnahme von Arztbesuchen verzeichnet werden. Wenn wir Belastendes aufschreiben, gewinnen wir Distanz dazu. Wir sehen, dass vieles weniger gravierend ist, als wir im Moment annehmen. Wir können uns auch besser davon lösen, aus den Gedankenkreisen ausbrechen und uns mit dem, was da steht, auseinandersetzen. Oft fallen uns dadurch Lösungen für Probleme ein, auf die wir sonst nicht gekommen wären.
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Überlegen Sie sich, wie Sie in Zukunft reagieren möchten

Viele Situationen, die uns den letzten Nerv rauben, tauchen immer wieder auf. Dies hat den grossen Vorteil, dass man sich darauf vorbereiten kann. Anstatt darüber nachzudenken, was wir wieder «falsch» gemacht haben, könnten wir darüber nachdenken, wie wir in dieser Situation das nächste Mal reagieren möchten. Als Mutter oder Vater ist man nicht selten müde, frustriert und unter Zeitdruck. Dieser Cocktail macht es wahrscheinlicher, dass Sie ins Schreien kommen. Gleichzeitig verfügen Sie in diesem Zustand nicht über die nötige Denkkapazität, um sich etwas Kluges einfallen zu lassen. Weil wir müde und gestresst so schlecht denken können, spulen wir immer das gleiche Programm ab und schämen uns danach, weil es uns schon wieder nicht gelungen ist, uns anders zu verhalten. Warten Sie daher einen Moment ab, in dem Sie sich gut, entspannt und energievoll fühlen. Machen Sie einen Spaziergang oder gehen Sie in Ihr Lieblingscafé etwas trinken und nehmen Sie einen Stift und Papier mit.
Haben Sie den Mut, in der Erziehung zu experimentieren. Es gibt nicht die eine richtige Lösung.
Schreiben Sie zuerst auf, wie Sie momentan reagieren – vielleicht sind darunter bereits einige gute Lösungen. Beginnen Sie dann mit dem Brainstorming und suchen Sie zusätzliche Möglichkeiten. Was könnten Sie zu sich selbst sagen, um ruhig zu bleiben? Wie könnten Sie dem Kind gegenüber reagieren? Achten Sie darauf, dass Sie auch einige verrückte Lösungen zu Papier bringen. Zum Beispiel: Wenn mein Sohn bei den Hausaufgaben richtig mies gelaunt ist und mich anschnauzt, dann …
  • drohe ich ihm damit, dass er ohne gute Noten später keine Chance hat! 
  • sage ich: «Meinst du eigentlich, ich habe nichts Besseres zu tun, als dir bei den Hausaufgaben zu helfen?»
  • sage ich in ruhigem Ton: «Jetzt wird es unproduktiv – ich gehe meine E-Mails erledigen. Ruf mich, wenn wir weitermachen können.» 
  • denke ich: «Drohen und Schimpfen nützt nichts. Lass ihn mal machen, koch dir einen Tee und komm runter!» 
  • sage ich: «Gut, dann machst du es halt nicht, zerreiss seelenruhig das Aufgabenblatt» und lächle ihn an.
Oft wird Eltern bereits nach ein paar Minuten des Aufschreibens bewusst, dass sie unter Druck die allerschlechteste Option wählen (etwa die ersten beiden Beispiele). Wählen Sie aus Ihren Vorschlägen einen aus, den Sie ausprobieren möchten. Schreiben Sie ihn auf und stellen Sie sich in Gedanken die Situation vor. Wenn die neue Lösung hilfreich ist, behalten Sie sie bei – und sonst probieren Sie es mit einem anderen Vorschlag. Erziehen macht mehr Spass, wenn man etwas experimentiert.

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