Elternbildung
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Unsicherheit kann gesund sein!

In diesen Situationen können wir uns nicht auf Instinkte verlassen, sondern höchstens auf Intuition. Mit Intuition ist in diesem Sinne aber Erfahrungswissen gemeint. Kompetent zu reagieren fällt denjenigen Menschen leichter, die oft Gelegenheit hatten, diesen Umgang mit Kindern bei anderen hautnah mitzuerleben. Sei es, weil ihre eigenen Eltern auf diese Weise reagiert haben, oder sie oft miterleben konnten, wie andere auf diese Weise mit Kindern umgehen.

Für alle anderen ist es harte Arbeit. Sie müssen nicht nur gegen ihre ersten Impulse angehen, es fühlt sich für sie auch unnatürlich an. Und immer, wenn sich etwas neu und nicht natürlich anfühlt, tauchen Unsicherheiten auf.

Wenn wir im Umgang mit unseren Kindern den Anspruch haben, zu einer eigenen Haltung zu finden, uns zu reflektieren und eigenen Werten Rechnung zu tragen, müssen wir uns auf die Suche machen und die eigene Unsicherheit aushalten. Erschwerend kommt hinzu, dass wir heute keine gültige Lehrmeinung mehr haben, was gute oder sogar richtige Kindererziehung ausmacht. Stattdessen finden wir zu scheinbar einfachen Themen wie Schlafen, Umgang mit Trotz oder Medienkonsum ein Meer von Empfehlungen, die zum Teil widersprüchlicher nicht sein könnten.

Dies ist deshalb der Fall, weil auch Experten ein bestimmtes Wertemodell vertreten und ein Ideal bzw. Zielvorstellungen in Bezug auf den Menschen und seine Entwicklung haben. Dabei stehen viele Werte in einem Spannungsverhältnis, beispielsweise Anpassung und Selbstbestimmung. Solche Werte bilden oft ein Kontinuum, wobei Fachpersonen insbesondere dann für die Medien interessant sind, wenn sie Extrempositionen vertreten und etwa fordern, dass sich Kinder anzupassen hätten oder man die Selbstbestimmung des einzelnen Kindes über alles stellen soll. Dabei wird selten transparent gemacht, auf welchem Wertesystem die jeweilige Meinung aufbaut. 
Kontrollfrage für Experten-Ratschläge: «Würde ich mir wünschen, dass diese Person Lehrperson meiner Kinder wird?»
Wenn wir Erziehungsratgeber lesen, werden wir keine abschlies­sende Antwort darauf erhalten, was richtig oder falsch ist. Stattdessen sollten wir in uns hineinhorchen und uns fragen, ob diese Autorin oder jener Experte Werte und Ziele vertritt, mit denen wir uns identifizieren können. Mir selbst hilft für eine grobe Einschätzung oft die Frage: «Würde ich mir wünschen, dass diese Person nächstes Jahr die Lehrperson eines meiner Kinder wird?»

Es ist nicht nur normal, dass wir uns oft unsicher fühlen. Es kann auch gesund sein!
Wir alle kennen Menschen, die auf alles eine einfache Antwort haben. Auffälliges Verhalten? Einfach mal hart durchgreifen! Klimawandel? Gibt es nicht, im April hat es geschneit. In der Psychologie spricht man vom Dunning-Kruger-Effekt und meint damit den Umstand, dass wir uns umso sicherer fühlen, je weniger Wissen und Kompetenzen wir in einem Bereich aufweisen. Wir überschätzen uns und registrieren nicht, dass andere besser Bescheid wissen.

Dieser Effekt lässt sich sogar in einzelnen Lebensbereichen feststellen: Der Arzt regt sich darüber auf, dass einzelne Patienten glauben, nach einer kurzen Google-Recherche die bessere Diagnose stellen zu können als er. Am Abend bei der Fussballübertragung ärgert sich derselbe Arzt über den Idioten von Trainer und meint, viel besser zu wissen, wie dieser seinen Job machen müsste.

Unsicherheit bedeutet oft einen Fortschritt. Sie kann ein Zeichen dafür sein, dass wir uns bewusst werden, dass die Realität komplex ist, es keine abschliessenden Antworten gibt und wir uns unseren Weg suchen müssen – Umwege und Irrwege inklusive. 

Der Mensch ist vielschichtig, die Frage, was er werden soll und wie man ihn auf diesem Weg begleitet, eine Frage, die so gross ist, dass es vermessen wäre, mehr als ein paar gute Vermutungen anzustellen. 

Über Fabian Grolimund:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 6, und einer Tochter, 3. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com

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