Geschwister-Mythen: Unzertrennlich
Elternbildung
Seite 3

Zweieiige Zwillinge haben eine tiefere Beziehung als Nichtzwillinge

Neyer fand ausserdem heraus, dass erwachsene monozygote Zwillinge sich häufiger miteinander verabreden und näher beieinanderwohnen als dizygote. Zudem standen sich eineiige Zwillingsschwestern der Untersuchung zufolge am nächsten. Frauen mit identischem Erbgut hätten damit die innigste Beziehung. Zweieiige männliche Zwillinge bildeten das Schlusslicht – gemischtgeschlechtliche Paare wurden allerdings nicht betrachtet.
Forscher fanden heraus: Zwillinge gleichen Geschlechts streiten häufiger.
Ein ähnliches Muster findet sich schon bei Kleinkindern. Psychologen von der Hebräischen Universität Jerusalem erkundeten die Beziehung von dreijährigen Zwillings- und Geschwisterpaaren, indem sie Mütter zu Nähe, Abhängigkeit, Rivalität und Konflikten zwischen ihren Sprösslingen befragten. Wie sich herausstellte, hatten die zweieiigen Zwillinge eine tiefere Beziehung als Nichtzwillinge – ein möglicher Hinweis darauf, dass das gemeinsame Heranwachsen im gleichen Alter Geschwister enger zusammenschweisst. Bei Streitigkeiten und Wettbewerb lagen Zwillinge mit dem gleichen Geschlecht vorne. Sie müssen möglicherweise stärker um die Aufmerksamkeit der Eltern kämpfen, da sie sehr ähnliche Bedürfnisse haben, und werden zudem eher miteinander verglichen.Eineiige standen sich aber wie erwartet noch näher als zweieiige Zwillinge und waren zudem stärker voneinander abhängig. Das machten die Forscher daran fest, dass die Kinder laut der Mutter traurig reagierten, sobald sie voneinander getrennt waren oder der andere krank oder verstimmt war. «Da eineiige Zwillinge tendenziell ein engeres Verhältnis haben als zweieiige, die wie normale Geschwister nur 50 Prozent ihres Erbguts gemeinsam haben, muss die genetische Ähnlichkeit die Qualität der Beziehung entscheidend beeinflussen», so Rainer Riemann, Professor für differenzielle Psychologie an der Universität Bielefeld. «Wir wissen aus Untersuchungen, dass der Tod des anderen für eineiige Zwillinge einschneidender ist als für andere Geschwister. Ausserdem leiden sie mehr darunter, wenn es zu Konflikten mit dem anderen kommt. Möglicherweise steckt dahinter der Gedanke: Wenn wir uns doch so ähnlich sind, muss hier etwas grundlegend schiefgelaufen sein.» Für soziale Beziehungen spielt die biologische Verwandtschaft also eine wichtige Rolle. Wer sich genetisch so stark gleicht, hat sehr wahrscheinlich auch eine ähnliche Persönlichkeit, teilt zentrale Einstellungen und Interessen, landet in vergleichbaren Lebenssituationen und ist somit eher auf einer Wellenlänge. Diese Gemein­samkeiten bilden das Fundament für die besondere Beziehung zwischen eineiigen Zwillingen.

Dieser Artikel erschien zuerst in «Spektrum Psychologie», 4/2018
Bild: Aurelia Frey / Plainpicture
Bild: Aurelia Frey / Plainpicture

<div><strong>Corinna Hartmann </strong>ist Psychologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Saarbrücken. Ihr jüngerer Bruder biss ihr als Kind<br>&nbsp;einmal so ins Bein, dass der Zahnabdruck noch<br>&nbsp;wochenlang zu sehen war. Inzwischen hat sie ihm verziehen.</div>
Corinna Hartmann ist Psychologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Saarbrücken. Ihr jüngerer Bruder biss ihr als Kind
 einmal so ins Bein, dass der Zahnabdruck noch
 wochenlang zu sehen war. Inzwischen hat sie ihm verziehen.

Die Serie «Geschwister-Mythen»in der Übersicht:


Lesen Sie mehr zum Thema Zwillinge: 

  • Zwillinge zusammen in den Kindergarten oder getrennt?
    Trennen oder nicht trennen: Diese Frage stellen sich Zwillings-Eltern spätestens bei der Anmeldung für den Kindergarten. Was sind Vor- und Nachteile vom gemeinsamen Schulbesuch von Zwillingen?

  • Bekommen deine Zwillinge die gleichen Geschenke?
    In unserer neuen Serie «Wir fragen uns ...» stellen wir uns in der Redaktion gegenseitig Fragen aus dem grossen Familienuniversum. Auf die Frage von Chefredaktor Nik Niethammer antwortet Redaktorin Florina Schwander:

  • Schnelle Zwillinge
    Blond, zielstrebig, sportlich: Die elfjährigen Leuthold-Zwillinge gehören zu den besten Schweizer Nachwuchs-Leichtathletinnen. Lena und Lisa über Ehrgeiz, Konkurrenz und die Rolle ihrer Eltern.
Anzeige

1 Kommentar

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Andrea am 10.11.2020 14:28

Ich habe ZwillingsMädchen und die sind sehr verschieden im Charakter und Aussehen. Es sind Zweieiige

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.