Elternbildung
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Mehr erklären als schimpfen

Die Erzieherin versprach mir, meinen Sohn nicht aus den Augen zu lassen. «Du kannst mir vertrauen», sagte sie. Und das tat ich dann.
Barbora Gerny: «Ich bin stolz auf das Engagement meiner Kinder».
Barbora Gerny: «Ich bin stolz auf das Engagement meiner Kinder».
«Es ist wichtig, dass Eltern ihren Gefühlen Platz machen und auch den Kindern erklären, was ihnen Angst macht oder weshalb sie wütend sind», sagt Psychologin Irina Kammerer. Eltern sollen authentisch sein. Sich selbst zuliebe, aber auch damit ihr kindliches Gegenüber begreift, was Mutter und Vater bewegt. 

«Authentisch zu sein, bedeutet aber nicht, alle Emotionen zu 100 Prozent ungefiltert herauszulassen.» Statt «Das macht mich wahnsinnig wütend» oder «Deshalb bin ich traurig», zu sagen, werde häufig das Kind als Person abgewertet, manchmal auch beschimpft. «Sei nicht so blöd», «Du bist rücksichtslos», «Nie bekommst du es hin, dich normal zu benehmen» sind Beispiele für die verbalen An­­griffe. 
Experten raten: 
Eltern sollten authentisch sein.
Sich selbst, aber auch ihren Kindern zuliebe. 
Irina Kammerer ist selbst Mutter von vier Kindern. Sie weiss, dass es Kraft und viel Reflexionsvermögen kosten kann, sich in manchen Situa­tionen zurückzunehmen und mehr zu erklären als zu meckern. «Man kann so ein Gespräch auch verschieben und beispielsweise sagen: ‹Da geraten wir immer wieder aneinander, das müssen wir mal in Ruhe be­­sprechen.›» 

Rike Drust beschreibt in «Muttergefühle», dass ihr das nicht immer gelingt und sie ab und an rumbrüllt. «Danach entschuldige ich mich und erkläre, warum ich so sauer war. Meine letzte Frage ist: Sind wir wieder Freunde? Danach drücken wir uns und fangen wieder von vorne an.»
Lässt ihren Kindern den grösstmöglichen Spielraum: Pia Meier mit ihren Kindern Corsin und Ladina.
Lässt ihren Kindern den grösstmöglichen Spielraum: Pia Meier mit ihren Kindern Corsin und Ladina.
Dass Eltern ihre Gefühle verbalisieren, ist auch deshalb sinnvoll, weil Kinder dadurch Zugang zu ihren eigenen Gemütszuständen bekommen. Caroline Märki vom Familylab kommt selbst aus einer Familie, in der kaum über Emotionen gesprochen wurde. Ihre drei Kinder sind inzwischen schon beinahe erwachsen.

Aber die 48-Jährige erinnert sich noch gut an eine Spielplatzszene, in der ihr als junger Mutter dieser Mangel aufgefallen war. Sie beobachtete ein anderes Kind, das sich wehgetan hatte und daraufhin ganz genau erklären konnte, warum es traurig und auch wütend war. «Ich war so überrascht, wie gut dieses Mädchen seine Ge­fühle benennen konnte. Ich bin in einen Buchladen gerannt und habe einen Ratgeber gekauft, der meiner Tochter das auch beibringen sollte. Aber das hat natürlich so nicht funktioniert. Weil ich selbst nicht bei meinen Gefühlen war. Ich musste erst lernen, das vorzuleben.»
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Eltern sollten ihre Gefühle verbalisieren. Menschen, die mit ihren Gefühlen konstruktiv umgehen, haben es leichter im Alltag. 
Heute bringt Caroline Märki anderen bei: Erwachsene, die mit ihren Gefühlen konstruktiv umgehen können, haben es leichter im Alltag. Sie müssen sich nicht permanent dem inneren Druck beugen, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Kindern, die in einem emotional offenen Familienklima aufwachsen, fällt es leichter, sich selbst in allen Facetten zu mögen und anderen mit grösserer Offenheit zu begegnen
Tränen in der Öffentlichkeit sind mir persönlich trotzdem unangenehm. Als ich mich von meiner Tochter auf dem Bahnsteig verabschiedete und ihr eine gute Ferienzeit wünschte, lächelte ich. Weil das die Tränen zurückdrückte. Meine Tochter sollte doch nicht merken, dass mir ein wenig bang ums Herz war. Sie sollte fühlen, dass ich ihr das zutraute! Meine Grosse blickte mich prüfend an, umarmte mich, sagte «Du schaffst das schon, Mama». Und weg war sie. Ich habe dann doch kurz geschnieft. Aber nicht aus Angst. Nur vor Rührung.  

Julia Meyer-Hermann ist freie Journalistin und Mutter einer 11-jährigen Tochter und eines 5-jährigen Sohnes. Während der Recherche zu diesem Dossier hat sie sich auch mit eigenen Kindheitserfahrungen beschäftigt. Seitdem kann sie sich besser erklären, welche Situationen 
bei ihr heftige Emotionen auslösen. 

Buch-Tipps zum Thema Elterngefühle

  • Rike Drust: «Muttergefühle. Gesamtausgabe»
    C. Bertelsmann 2011, ca. 23 Fr.

  • Rike Drust: «Muttergefühle. Zwei: Neues Kind, neues Glück»
    C. Bertelsmann 2017, ca. 25 Fr.

  • Stefanie Stahl und Julia Tomuschat: «Nestwärme, die Flügel verleiht. Halt geben und Freiheit schenken – wie wir erziehen, ohne zu erziehen»
    Gräfe und Unzer 2018, ca. 28 Fr. 

  • Vivian Dittmar: «Der emotionale Rucksack. Wie wir mit ungesunden Gefühlen aufräumen»
    Kailash 2018, ca. 25 Fr.

  • Vivian Dittmar: «Kleine Gefühlskunde für Eltern. Wie Kinder emotionale & soziale Kompetenz entwickeln»
    VCS Dittmar, Edition Est 2015, ca. 20 Fr. 

Mehr lesen aus unserem Dossier Elterngefühle: 



  • Familienbericht: «In den Fantasiewelten meiner Kinder sehe ich mich selbst»
    Christian Meier, 50, ist Landwirt. Er hat zwei grosse Kinder, 17 und 15 Jahre alt, aus erster Ehe. Mit seiner Frau Pia, 40, und seinen beiden jüngeren Kindern Corsin, 6, und Ladina, 3, lebt er auf seinem Hof in Niederweningen ZH. Er teilt oft die kindliche Perspektive seiner jüngeren Kinder und freut sich über manchen Unsinn. Seiner Frau Pia, schulische Heilpädagogin, geht das manchmal zu weit. 
Weitere Familienberichte lesen Sie in der Printausgabe 07/08. Hier können Sie eine Einzelausgabe bestellen. 
Weitere Familienberichte lesen Sie in der Printausgabe 07/08. Hier können Sie eine Einzelausgabe bestellen. 

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