Elternbildung
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Kinder kitzeln Gefühle wach

Eine Erklärung dafür hat Vivian Dittmar, Autorin und Gründerin der Stiftung Be the Change. «Wir haben in einem langjährigen Prozess, den man gemeinhin Erziehung oder Sozialisation nennt, gelernt, unsere Gefühle in Schach zu halten, zu zensieren und auch zu unterdrücken», schreibt sie in ihrem Buch «Kleine Gefühlskunde für Eltern». Kinder lassen dieses Kontrollsystem zusammenbrechen, weil sie in ihrem Verhalten selbst so unmittelbar und intensiv sind.

Sie sind geballte Ge­­fühlspakete, die in unser Leben knallen. «All das, was wir über Jahre verdrängt und zugedeckt haben, manchmal schon seit der ganz frühen Kindheit, wird nun wachgekitzelt und drängt mit grosser Wucht an die Oberfläche.» In vielen Familien beginnt damit ein Kampf, je nachdem, wie laut und emotional ein Kind seine Gefühle auslebt, und je nachdem, wie heftig Vater und Mutter darauf reagieren.
Kinder sind in ihrem Verhalten unmittelbar und intensiv.
Sie sind geballte Gefühlspakete, die in unser Leben knallen.
«Eltern ist es oft einfach unangenehm, schwierige Emotionen zu erfahren, sei es bei ihren Kindern oder bei sich selbst», lautet die Einschätzung von Irina Kammerer. Die Psychologin leitet den Bereich Beratung und Therapie für Kinder, Jugendliche und Familien am Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts der Universität Zürich. «Mütter und Väter können dann dazu tendieren, dass sie diese negativen Emotionen möglichst schnell unterbinden, ignorieren oder verleugnen wollen.» 
Verspielt: Ladina Meier im Stall der Eltern in Niederweningen.
Verspielt: Ladina Meier im Stall der Eltern in Niederweningen.
Genaueres Hinsehen lohnt sich allerdings. Denn die ungeliebten Gefühle verraten einiges über die Eltern selbst – auch wenn sie die Ausbrüche im Alltag oft den Kindern anlasten. Zu Caroline Märki kommen Familien, die, wie sie sagt, «am Anschlag sind und nicht weiterwissen». Die Eltern- und Erwachsenenbildnerin leitet seit zehn Jahren die Schweizer Zentrale der Familienberatungsstelle Familylab.

Die Gespräche, die sie dort führt, beginnen häufig mit der Annahme, dass mit dem Kind etwas nicht stimme, dass es vielleicht emotionale Regulationsprobleme habe oder falsch erzogen werde. Es sei so ag­­gressiv, heisst es oft. «Ich lenke dann das Thema zunächst auf die Eltern und frage sie, was bestimmte Situationen bei ihnen auslösen. Wie geht es ihnen damit? Und warum?»

Viele Eltern seien mit dem Blick zu sehr beim Kind, zu wenig bei den eigenen Emotionen. Sie achteten gar nicht darauf, was für Prozesse sich in ihrem Inneren ab­­spielten. Die Familienberaterin schlüsselt dann mit ihnen auf, warum sie sich irgendwann von den eigenen Gefühlen derart übermannt fühlen. Das ist der erste Schritt zu einer Entspannung der emotionalen Lage.
Negative Emotionen werden von Eltern oft möglichst schnell
unterbunden, ignoriert oder verleugnet. Dabei verraten sie einiges über einen selbst. 
«Ich habe grosse Angst», habe ich vor Kurzem zu unserer Erzieherin gesagt, als wir ein Entwicklungsgespräch über meinen fünfjährigen Sohn hatten. Der Satz fiel mir nicht ganz leicht, weil er meinem eigenen Selbstbild nicht entsprach. Eine ängstliche Mutter ist eine, die ihre Kinder bremst. Die ihren Kindern mitgibt, dass man sich vor dem Leben fürchten muss. Wer will das schon?
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Ich hatte meinen Sohn zum dritten Mal vom Schwimmbad-Ausflug abgemeldet: mal wegen einer Erkältung, mal wegen Müdigkeit, dann hatte ich die Badesachen vergessen. Die Pädagogin fragte: «Möchtest du vielleicht nicht, dass dein Sohn mitkommt?» Ich erzählte von dem Schwimmunfall, den meine Grosse mit sieben Jahren gehabt hatte. Ich hatte ihr erlaubt, mit einer befreundeten Familie an einen See zu fahren.

Am Ende des Tages kam sie nur deshalb wohlbehalten zu mir zurück, weil ein Rettungsschwimmer sie noch rechtzeitig aus dem Wasser gezogen hatte. Die Angst sass tief. Aber schon in dem Mo­­ment, in dem ich sie ansprach, hatte sie von ihrer Macht verloren.

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