späte Elternschaft - Mutter mit Kind
Elternbildung

«Frau Isengard, was bedeutet späte Elternschaft?»

Dass viele Frauen und Männer die Geburt des ersten Kindes hinauszögern, hat verschiedene Ursachen. Die Soziologin Bettina Isengard spricht über die fehlende Unterstützung junger Eltern, Mängel in der Schweizer Familienpolitik und erklärt, warum sich eine berufliche Tätigkeit oft nur für höher gebildete Frauen lohnt. 
Interview: Yvonne Kiefer-Glomme
Bild: Joël Hunn

Frau Isengard, mit welchen Vorurteilen werden späte Eltern konfrontiert?

Je nach Alter wird ihnen zum Teil unterstellt, dass sie die biologischen Grenzen nicht respektieren würden, dass sie egoistisch, zu karriereorientiert und zu wählerisch bei der Partnersuche seien. Die betroffenen Paare hingegen haben das Gefühl, dass ihre Lebensumstände nicht ernst genommen werden, die zu dem späten Nachwuchs geführt haben. 

Warum bekommen denn immer mehr Männer und Frauen später Kinder?

Zu den relevanten Faktoren gehört die hohe Lebenserwartung. Diese liegt in der Schweiz bei derzeit 85 Jahren für Frauen und 82 für Männer. Dadurch steigt die Zahl an möglichen Lebensentwürfen. Ein weiterer zentraler Grund ist der bessere Zugang der Frauen zu höheren Schulen, Ausbildungs- und Studiengängen. Je nach Ausbildungsstufe starten junge Frauen erst mit Anfang oder Ende 20 in den Berufsalltag. 

... wo ihnen Arbeitgeber oft nur einen befristeten Vertrag oder ein Praktikum anbieten.

Ja. Eine Frau, die erst spät eine gesicherte Arbeitsstelle hat, kann nicht gleich wieder pausieren, das ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. Mit Anfang 20 verfügen heute nur wenige Jugendliche über ein Einkommen, mit dem sie eine eigene Existenz aufbauen können. Daher sind sie länger von ihren Eltern abhängig als biologisch vorgesehen.
Bettina Isengard ist Privatdozentin am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Sie studierte und promovierte an der Universität Mannheim. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Familiensoziologie, Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung, soziale Indikatoren und Methoden der empirischen Sozialforschung.
Bettina Isengard ist Privatdozentin am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Sie studierte und promovierte an der Universität Mannheim. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Familiensoziologie, Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung, soziale Indikatoren und Methoden der empirischen Sozialforschung.

Welche Auswirkung hat der Lohn-Gap der Frauen auf die Familienplanung? 

Laut dem Bundesamt für Statistik BFS befürchten drei Viertel der Frauen mit einem Hochschulabschluss oder einer höheren Berufsbildung und 62 Prozent mit einem tieferen Bildungsstand, dass sich die Geburt eines Kindes negativ auf ihre Berufsaussichten auswirken könnte. Frauen möchten heute finanziell unabhängig von ihrem Partner sein und sich eine für ihren Lebensunterhalt ausreichende Rente erwirtschaften. Sie wollen sich erst beruflich etablieren in der Hoffnung, mit mehr Berufserfahrung leichter den Wiedereinstieg zu finden und wenn möglich eine Teilzeitstelle zu bekommen. Denn Mütter, die über das gesetzlich zugesicherte Mass hinaus eine Elternpause einlegen, verfügen über ein niedrigeres Einkommen. Kommt es zu einer Scheidung, riskieren viele Mütter, in die Altersarmut abzurutschen.
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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/spate-eltern"><strong>Online-Dossier Späte Eltern. </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Warum Frauen und Männer das Kinderhaben hinauszögern und was das für Erziehung und Familienleben bedeutet.</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Späte Eltern. Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Warum Frauen und Männer das Kinderhaben hinauszögern und was das für Erziehung und Familienleben bedeutet.

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