Elternbildung
Seite 3

11. Dürfen Eltern vor ihren Kindern streiten?

Natürlich. Die Kinder gehen von allein ins Zimmer, wenn es ihnen zu viel wird. Oder sie ermahnen die Eltern, aufzuhören. Dass man sich nicht einig ist, ist normal. Wichtiger ist: Wie verträgt man sich wieder? Grosse Streitereien trägt man allerdings besser aus, wenn die Kinder nicht da sind. Ein Streit geht für alle auf, wenn die Eltern danach emotional wieder spürbar sind und zusammenhalten.

Philipp Ramming, Psychologe

12. Wann schadet Elternstreit den Kindern?

Die Studienlage ist eindeutig. Kinder leiden unter chronischem dysfunktionalem Streiten der Eltern, unabhängig davon, ob die Konflikte laut und heftig ausgetragen werden oder schwelend und passiv-aggressiv. Destruktive Konflikte der Eltern lösen bei Kindern starke Verunsicherung, Ängste, Traurigkeit und auch Schuldgefühle aus. Häufig gehen sie auch mit psychosomatischen Beschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit und Kopfweh einher. 

Da Eltern häufig abends streiten, beobachtet man bei den Kindern häufigere Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Oft sind auch Verhaltensauffälligkeiten wie aggressives oder oppositionelles Verhalten. Studien geben zudem Hinweise auf Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule und daraus resultierende Leistungseinbrüche. Kinder, deren Eltern häufig destruktiv streiten, isolieren sich auch stärker, da sie sich schämen, Freunde mit nach Hause zu nehmen. Kinder leiden entsprechend sowohl psychisch als auch sozial unter destruktivem Streiten der Eltern. Dies umso stärker, je häufiger die Konflikte sind und je intensiver sie ausgetragen werden. 

Eine Rolle spielt ebenfalls, ob sie in Hörweite des Kindes stattfinden. 70 Prozent der Kinder versuchen, sich einzumischen und zu schlichten, womit sie häufig erst recht zwischen die Fronten geraten. 

Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie und Direktor der Praxisstelle für Paartherapie und Kinder- und Jugendpsychotherapie an der Universität Zürich

13. Wie ist es für Kinder, deren Eltern nie streiten?

Keine Konflikte in der Partnerschaft zu haben, widerspiegelt in aller Regel eine problematische Konfliktscheue. Eine solche den Kindern zu vermitteln, ist ungünstig, da sie dadurch in ihrer späteren Partnerschaft nicht auf Konflikte vorbereitet sind und keine Fertigkeiten gelernt haben, wie man Konflikte angemessen und zielorientiert lösen kann.

Streiten vor den Kindern ist jedoch in Ordnung, wenn es konstruktiv geschieht. Kinder lernen so, dass Konflikte zum Leben gehören, dass sie nichts Schlimmes sind, dass es dabei jedoch um gegenseitigen Respekt, Anstand und wechselseitige Wertschätzung gehen sollte. 

Guy Bodenmann, Kinder- und Jugendpsychologe

14. Welche Wohnform ist für Kinder von geschiedenen Eltern am besten geeignet?

Meine Erfahrungen zeigen, dass die meisten Kinder das Gefühl haben, eine Regelung, bei welcher der Wohnort nur wöchentlich wechselt, also sieben Tage beim Vater, sieben bei der Mutter, sei das optimale Arrangement für sie. Das gilt, bis sie in die Pubertät kommen und ihren Zeitplan besser ihren persönlichen Bedürfnissen anpassen können.

Das Problem für Eltern besteht darin, dass Kinder zu viel Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Eltern nehmen, sich anpassen und deswegen dazu neigen, zu «lügen», wenn wir sie fragen, ob die Situation für sie stimme. Da kann es helfen, einen oder zwei alternative Zeitpläne zu erarbeiten und das Kind zu bitten, zwischen diesen zu wählen.

Bitten Sie das Kind aber nicht um alternative Vorschläge, das ist Ihr Job als Eltern. Geben Sie ihm auf jeden Fall genug Zeit. Denn Kinder betrachten Dinge viel langsamer als wir Erwachsene. Oft ist es daher besser, ihnen ein paar Tage Zeit für die Entscheidung zu geben.

Jesper Juul, Familientherapeut
Anzeige

15. Ist es normal, sich ab und zu für sein Kind zu schämen?

Ich finde, niemand sollte sich schämen müssen. Scham wie auch Schuld stammen aus der autoritären Erziehungskultur. «Du bist schuld, du sollst dich schämen!» – solche Maximen bedeuten nichts anderes als: Gewisse Teile deiner Persönlichkeit sind schlecht und falsch.

Diese Scham- und Schuldgefühle kleben ein Leben lang an einem. Eltern schämen sich für ihre Fehler, Kinder schämen sich für ihr Verhalten oder ihr Dasein. Noch immer wird in der Erziehung sehr stark beschämt und beschuldigt. Das ist für mich psychische Gewalt, die heute leider noch vielerorts toleriert und angewendet wird, auch in Schulen. 

Gerne zitiere ich hier die wunderbare US-amerikanische Schriftstellerin Maya Angelou, die sagt: «Die Menschen werden vergessen, was du gesagt hast. Die Menschen werden vergessen, was du getan hast. Aber die Menschen werden nie vergessen, wie sie sich in deiner Gegenwart gefühlt haben.»

Caroline Märki, Elterncoach

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.