Fabian Grolimund: Wut, Angst und Trauer haben keinen Ausschaltknopf
Elternbildung
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Ich will mich nicht schuldig fühlen

Auch Eltern, die sonst sehr einfühlsam reagieren, können Gefühle ihres Kindes zum Teil dann nicht aushalten, wenn diese bei ihnen Schuld­gefühle erzeugen. 
Vielleicht war die Scheidung für die Eltern die richtige Entscheidung und sie haben viele gute Gründe für diesen Schritt. Das Kind wird trotzdem darunter leiden. Wahrscheinlich ist es traurig, dass die Eltern nicht mehr zusammen sind, vielleicht hat es Angst, dass es auch verlassen wird, oder ist wütend, dass seine Eltern es nicht geschafft haben, ihre Konflikte zu lösen.

Oder die Eltern haben für sich gute Gründe gefunden, um mehr zu arbeiten und ihr Kind häufiger extern betreuen zu lassen. Das Kind kann trotzdem traurig sein, weil es die Eltern vermisst, wütend, weil es sich abgeschoben fühlt, müde und erschöpft, weil es am Mittagstisch und in der ausserschulischen Betreuung zu wenig Rückzugsmöglichkeiten findet.

Gerade in solchen Situationen empfinden Eltern die Gefühle ihrer Kinder oft als Kritik an ihrer Lebensführung. Um Schuldgefühle abzuwehren, begründen sie ihre Entscheidung dem Kind gegenüber: «Wir haben uns doch sowieso nur noch gestritten. So ist es besser für alle.» Oder: «Wir nehmen uns dafür am Wochenende Zeit und machen etwas Schönes.»
 
Doch damit signalisieren sie dem Kind: Deine Gefühle sind für uns eine Belastung. Sie sind nicht angemessen und wir erwarten von dir, dass du dich anders fühlst.

Kinder reagieren teilweise sehr feinfühlig auf diese Signale. Sie hören auf, den Eltern ihre Gefühle anzuvertrauen. Vielleicht ziehen sie sich zurück, werden aggressiv oder suchen Trost und Verständnis bei Freunden oder anderen Erwachsenen.
Je häufiger wir einander signalisieren, dass bestimmte Gefühle keinen Platz haben, desto mehr entfremden wir uns voneinander.
In solchen Situationen ist es wichtig, dass wir als Eltern zwischen den Gefühlen des Kindes und unseren Begründungen für unser Handeln unterscheiden. Wir können uns beispielsweise selbst verdeutlichen: Es war richtig, sich zu trennen – und unser Kind darf sich deswegen traurig, verunsichert und zornig fühlen. 
Wenn wir aufhören, die Gefühle des Kindes zu bekämpfen, und stattdessen annehmen, was es fühlt, entsteht wieder Nähe. Das löst nicht alle Probleme, aber es verhindert, dass sich das Kind mit seinen Sorgen alleine fühlt. Dazu reicht manchmal der einfache Satz: «Ich weiss, dass du es schwer hast.»

Manche Eltern sind ziemlich gute Problemlöser. Sie finden auf fast alles eine Antwort, für fast jedes Problem in ihrem Leben eine Lösung. Teilweise sind sie aber gerade deswegen ziemlich hilflos, wenn es für einmal einfach darum geht, gemeinsam etwas auszuhalten.

Ich weiss nicht, was ich tun soll

Rasch fallen dann Sätze wie «Es nützt ja nichts, darüber zu reden – wir können es eh nicht ändern» oder «Dafür weiss ich leider auch keine Lösung».

Es kann uns und unseren Kindern helfen, wenn wir den Druck von uns nehmen, für alles sofort eine Lösung finden zu müssen.

Manchmal hilft es uns bereits, wenn jemand sich mit uns zusammen hilflos fühlt oder uns sagt: Ich weiss gerade nicht, was ich für dich tun kann, aber ich bin da.

Fabian Grolimund

ist Psychologe und Buchautor («Mit Kindern lernen», «Vom Aufschieber zum Lernprofi»). Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 6, und einer Tochter, 4. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. Die besten dieser Kolumnen finden Sie im neuen Buch «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden».

www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com
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