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Elternbildung

«Bei Papa dürfen wir das aber!»

Unterschiedliche Erziehungsstile in einer Familie können ­Bereicherung und Belastung sein. Konflikte entstehen dann, wenn die Eltern Extrempositionen einnehmen.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Meine Kinder und ich sitzen im Bus. Nach einem Blick in die Einkaufstaschen gibt mir mein damals dreijähriger Sohn in voller Lautstärke den Tarif durch: «Papa! Das ist Weissbrot! Und Chips! Das ist schlecht für den Bauch! Das kaufst du nie mehr!» Während ich ziemlich verdattert dasitze, können sich die anderen Leute das Lachen nicht verkneifen. Danach fügt er hinzu: «Du kannst Mama sagen, dass ich schon mit dir geschimpft habe. Dann muss sie es nicht mehr machen.»
Das Essen sorgt bei uns immer wieder für Diskussionen. Während meine Frau auf die Gesundheit achtet, hat mein Essen oft mehr E-Nummern als Vitamine. Sagt mir je­­mand, ich sehe jünger aus, als ich sei, kann ich es mir nicht verkneifen, das den Konservierungsstoffen zuzuschreiben, die mir die Fertig-Lasagnen über die Jahre geliefert haben. 
Kinder haben kein Problem, sich auf unterschiedliche Beziehungspersonen einzustellen. Sie wissen, was bei wem gilt. 
Wahrscheinlich geht es Ihnen in Ihrer Partnerschaft ähnlich, und es gibt Dinge, die Sie im Umgang mit den Kindern unterschiedlich handhaben. Meist entzünden sich Diskussionen an Punkten wie Ernährung, Schlafenszeiten, Strukturen, Grenzen und Ritualen. Wie soll man mit diesen Unterschieden umgehen? Benötigen Kinder die oft beschworene «gemeinsame Front» oder darf die individuelle Persönlichkeit der Eltern auch in der Erziehung Ausdruck finden?

Kinder können mit Unterschieden umgehen

Generell lässt sich sagen, dass Kinder kein Problem damit haben, sich auf unterschiedliche Bezugspersonen einzustellen. Sie wissen, was bei Mutter und Vater, den Grosseltern oder der Lehrerin gilt, und können sich danach ausrichten.

Gleichzeitig sind Unterschiede eine Bereicherung. Sie sorgen dafür, dass Kinder verschiedene Modelle erhalten. Wenn Eltern diese Vielfalt zulassen können, erweitert sich der Erfahrungsspielraum des Kindes. Es kann mit Eltern, Grosseltern und weiteren Bezugspersonen unterschiedliche Erfahrungen sammeln und verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit entdecken. Dabei gestalten Kinder ihre Entwicklung aktiv mit, indem sie sich Modelle und Vorbilder suchen, die zu ihnen passen. 
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Unterschiede werden dann problematisch, wenn sie zu unüberwindbaren Konflikten zwischen Eltern führen. Wenn sich Mutter und Vater nicht mehr respektieren, sich gegenseitig abwerten oder ein Elternteil an den Rand gedrängt wird, weil seine Erziehungskompetenz scheinbar nicht genügt. Oft sind die Konflikte und Machtspiele und deren Folgen für die Partnerschaft für das Kind viel schwerer auszuhalten als die unterschiedlichen Erziehungsstile der Eltern.

Konflikte entstehen häufig, wenn die Eltern in der Erziehung Extrem­posi­tionen einnehmen. Wenn er spontan und chaotisch ist und sie auf klare Strukturen und Abläufe Wert legt. Wenn sie den Kindern vieles durchgehen lässt und er darauf beharrt, dass Kinder klare Grenzen brauchen und Konsequenzen spüren müssen. Wenn sie verantwortungsbewusst ist und den Kindern das Motto «ohne Fleiss kein Preis» mitgeben möchte, während er sein Leben nach dem Lustprinzip gestaltet.

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