Elternbildung

«Du solltest dich was schämen!»

Scham ist ein unangenehmes Gefühl, das jeder kennt. Wie Scham entsteht, warum das Gefühl wichtig ist und was man dagegen tun kann, weiss unser Kolumnist Fabian Grolimund.
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Kennen Sie den Begriff «Schamblitz»? Wahrscheinlich nicht – meine Kollegin Stefanie Rietzler und ich haben ihn erfunden. Schamblitze nennen wir das scheussliche Gefühl, das uns überfällt, wenn wir vor dem Einschlafen einen Vortrag nochmals Revue passieren lassen und denken: «Was habe ich auf diese Frage nur für einen unzusammenhängenden Quatsch geantwortet!» Wenn wir ein neues Video zum ersten Mal sehen und registrieren: «Wie grenzdebil guckst du da aus der Wäsche!» 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf dem Weg zu einem Vortrag im Juni bei fast dreissig Grad einen Berg hochwandern musste. Die fünfzehn Minuten vor der Begrüssung verbrachte ich damit, auf dem WC mein klitschnasses, dunkelblaues Hemd im Handtrockner zu föhnen und zu hoffen, dass es noch rechtzeitig trocken wird und niemand reinkommt. 
Wahrscheinlich kennen auch Sie solche Schamblitze. Sie durchzucken den gesamten Körper: Die Haut kribbelt, Hitze schiesst uns ins Gesicht und man würde sich am liebsten verstecken. Doch was ist Scham? Und wie können wir ihr begegnen?

Ein menschliches Gefühl

Scham entwickelte sich in der Geschichte der Evolution relativ spät. Sie setzt ein Bewusstsein voraus, dass andere Menschen uns bewerten, sowie eine Vorstellung davon, welchen Normen, Werten und Verhaltensregeln wir uns in bestimmten Kontexten unterwerfen sollten.

Scham ist somit ein sozial vermitteltes Gefühl und wird aktiviert, wenn wir fürchten, uns zu blamieren, aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden oder an Status und Wert zu verlieren.
Scham wird aktiviert, wenn wir fürchten, uns zu blamieren. Sie ist ein Warnsignal und schützt uns davor, Grenzen zu überschreiten.
Ist das Schamgefühl angemessen ausgeprägt, dient es uns als Warn­signal und schützt uns davor, Grenzen zu überschreiten. Wie schädlich es sein kann, wenn das Schamgefühl zu stark gedämpft oder praktisch ausgeschaltet ist, wird deutlich, wenn Menschen im alkoholisierten Zustand Dinge tun, die sie hinterher bereuen. 
Anzeige

Schamgefühle sind kulturabhängig

Scham findet sich in allen Kulturen. Allerdings ist es kultur- und zeitabhängig, wofür man sich schämt. In früheren Generationen war es eine Schande, wenn man ein uneheliches Kind hatte, sich scheiden liess, nicht zur Kirche ging oder Autoritäten widersprach. Die ganze Familie «hatte sich zu schämen», wenn ein Mitglied die Konventionen brach. 

Heute sind vielfältigere Lebensentwürfe akzeptiert, Konventionen weniger starr. Wir schämen uns nicht mehr dafür, nicht so zu sein wie die anderen. Wie die amerikanische Sozialforscherin Brené Brown sagt, schämen wir uns heute eher dafür, nur Durchschnitt zu sein: wenn wir Schwäche zeigen, berufliche Ziele nicht erreichen, Familie und Beruf nicht unter einen Hut bringen, durch Prüfungen fallen oder nicht schön, sportlich und leistungsfähig sind.

Was hilft gegen Scham?

1. Entgiftung:

Überlegen Sie für sich oder gemeinsam mit Ihren Kindern: Was tut uns gut? Wie fühlen wir uns, nachdem wir in den sozialen Me­­­dien unterwegs gewesen sind, einen Artikel in «Joy», «Shape» oder «Men's Health» gelesen oder Germanys Next Topmodel geschaut haben? Wenn man sich danach regelmässig unzulänglich, dick und wenig erfolgreich vorkommt, tut es gut, einen Bogen um diesen Mist zu machen.

Vielleicht treiben wir dann wieder Sport und achten auf unsere Ernährung, um uns wohl zu fühlen, gesund zu bleiben und aus Freude an der Bewegung.

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt eine Studie, die untersuchte, wie sich Kommentare von Fitnesstrainern auf Frauen auswirken. Solche, die auf Kraft und Ge­­sundheit abzielten, wie «diese Übung stärkt besonders die obere Beinmuskulatur», sorgten dafür, dass sich die Frauen fit und wohl fühlten. Betonten die Trainer hingegen, dass eine Übung «zur Reduktion von Fett oder Cellulite» beiträgt, waren die Frauen eher beschämt.

2. Austausch mit anderen:

Scham macht uns einsam und gibt uns das Gefühl, die einzige Person zu sein, die mit Unzulänglichkeiten und Schwächen kämpft. Entsprechend heilsam ist es, sich mit anderen darüber auszutauschen.

Nach einem Seminar zum Thema ADHS meinte eine Mutter: «Es tut so gut, zu wissen, dass andere die gleichen Kämpfe austragen und man nicht alleine ist.»
3. Bedingungslose Wertschätzung:

In einer Studie der niederländischen Psychologin Eddie Brummelman erhielten Jugendliche drei Wochen vor der Zeugnisvergabe die Aufgabe, an Menschen zu denken, «die sie immer akzeptieren und wertschätzen, unabhängig davon, wie man sich verhält oder wie gut man in etwas ist». Anschliessend sollten sie sich eine konkrete Situation vor Augen führen, in der sie von anderen akzeptiert und wertgeschätzt wurden, obwohl sie selbst einen Fehler gemacht hatten. Diese Übung führte dazu, dass sich diese Jugendlichen bei einem schlechten Zeugnis weniger selbst verurteilten und schämten.

4. Schuld statt Scham:

Forscherinnen wie Brené Brown (2012) betonen, dass wir mit Schuld oder Scham auf eigene Fehler reagieren können. Menschen, die sich in erster Linie schämen, denken: Ich bin falsch! Sie fühlen sich unzulänglich und nicht liebenswert. Ihr Selbstwertgefühl leidet und sie neigen zu Rückzug, Vertuschung und entwickeln eher psychische Störungen.
Fragen Sie sich zuerst, ob Scham angebracht ist. Denn oft schämen sich die Falschen, diejenigen, die gar nichts falsch gemacht haben.
Menschen, die sich bei Fehlern vorwiegend schuldig fühlen, denken: Ich habe mich falsch verhalten! Das Gefühl ist unangenehm, aber es motiviert uns dazu, uns zu entschuldigen, Verantwortung zu übernehmen und unser Verhalten zu ändern. Es ist sozial adaptiv.

Als Eltern können wir Kinder auf diese Weise durch das Gefühl von Schuld begleiten und gemeinsam überlegen, wie sie sich entschuldigen und die Sache wiedergutmachen können. Vielleicht mit Fragen wie:

  • Was ist passiert?
  • Was meinst du, wie geht es dem anderen Kind jetzt?
  • Wie geht es dir dabei?
  • Wie könntest du es wieder in Ordnung bringen?
Das Kind spürt: Ich habe einen Fehler gemacht, aber meine Eltern stehen zu mir und nehmen mich trotzdem an.

5. Sich fragen, ob Scham angebracht ist:

Oft schämen sich die Falschen. Diejenigen, die gar nichts falsch gemacht haben. Ich kann mich an einen Jungen erinnern, der einen krummen Schneidezahn hatte, weswegen er gehänselt wurde. Seine Mutter meinte: «Wir haben darüber gesprochen, wie man mit der Situation umgehen könnte. Er wollte mit der Klasse reden und sagte seiner Lehrerin, dass er etwas loswerden müsse. Er sagte zu seiner Klasse, dass er so gerne so schöne Zähne hätte wie sie und dass es für ihn sehr schlimm sei, dass das nicht so sei. Und dass er einfach nicht verstehen könne, warum sie deswegen so gemein zu ihm seien. Es war totenstill, gab rote Köpfe.»

Danach habe die Klasse ihren Sohn sogar verteidigt, wenn andere Schüler auf dem Pausenplatz dumme Sprüche machten, so die Mutter.

Über Fabian Grolimund:

Fabian Grolimund ist Psychologe und Autor («Mit Kindern lernen»). In der Rubrik «Elterncoaching» beantwortet er Fragen aus dem Familienalltag. Der 40-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes, 6, und einer Tochter, 3. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg. www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com

Keinen Text von Fabian Grolimund verpassen? 
Fabian Grolimund schreibt in jeder Ausgabe fürs Elternmagazin Fritz+Fränzi. Sichern Sie sich ein Abo, damit Sie keinen seiner Texte verpassen!

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.