Elternbildung
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Eine Ihrer Kernthesen lautet: Erziehung funktioniert nicht.

Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv.

Reicht es als Eltern nicht, sich auf ihr Gefühl zu verlassen?

Das geht nur, wenn man Herz und Verstand gebraucht. Und zwar in dieser Reihenfolge. Sich nur auf das Gefühl zu verlassen, reicht nicht. 
Jesper Juul auf seiner Dachterrassse im dritten Stock eines Backsteinhauses in Odder im Osten Dänemarks.
Jesper Juul auf seiner Dachterrassse im dritten Stock eines Backsteinhauses in Odder im Osten Dänemarks.

Was brauchen Kinder heute?

Kinder brauchen Rückenwind von ihren Eltern. So sagt man es in Dänemark. Es bedeutet: eine liebevolle Begleitung, kein Zurechtweisen. Kinder brauchen so viel Selbstwertgefühl wie möglich. Das ist das Allerwichtigste.

Warum?

Es liegt daran, dass Erwachsene die Kinder von klein auf schubladisieren. Sie haben ein Bild von ihrem Kind und sagen: «So bist du!» Es ist hyperaktiv, schüchtern, sensibel oder aggressiv. Das Kind als solches, ohne Attribute und Schablonen, existiert nicht mehr. Aus Kindersicht braucht es sehr viel Kraft, sich dagegenzustemmen. Dazu wiederum ist es nicht fähig, wenn es sich nicht gut kennt.
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«Ich will nicht, dass Eltern ihre eigenen Maximen durch meine Werte und Prinzipien ersetzen.»
Jesper Juul

Was bedeutet ein gutes Selbstwert­gefühl im juulschen Sinne?

Es bedeutet: Ich kenne mich und nehme mich mit allen Ecken und Kanten an. Ein gutes Selbstwertgefühl ist wie ein soziales Immunsystem: Es wehrt Angriffe auf die eigene Persönlichkeit von aussen ab. Denn Eltern, Lehrpersonen und auch Therapeuten gehen oft von einem universalen Kind aus: So solltest du sein, und wenn du nicht so bist, bist du falsch. 

Sie halten nichts davon, Kindern Grenzen zu setzen?

Heute meinen alle, man müsse Grenzen setzen. Das hat für mich so einen halbreligiösen Touch. Kinder brauchen keine Grenzen. Sie haben doch schon überall Grenzen. Was wichtig ist: Jeder Mensch hat seine eigenenen  Grenzen, die er nach aussen hin wahren muss – auch gegenüber Kindern.  

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich habe gerade eine Familie in Deutschland mit einer fünfjährigen Tochter beraten. Das Mädchen war für die Eltern und die grosse Schwester sehr provozierend. Die Eltern haben immer Ja zu ihm gesagt, weil sie einem Konflikt aus dem Weg gehen wollten. Und manchmal haben sie versucht, Nein zu sagen. Aber Nein sagen kann man nicht versuchen. Man kann «Vielleicht» sagen oder «Bitte warte, ich muss darüber nachdenken» – aber ein Nein sagen, ohne es auch wirklich so zu meinen, geht nicht. 

Was haben Sie ihnen geraten?

Diese Eltern mussten lernen, dass sich das Kind abgelehnt fühlt und wütend oder traurig wird, wenn sie Nein sagen. Dass diese Gefühle in Ordnung sind und ihre Berechtigung haben. So ist das Leben eben, manchmal fühlt man sich abgelehnt. 

Wie war es für das Mädchen?

Wenn Eltern Nein sagen, bedeutet es einfach Nein. Das zu erkennen und es nicht als unangenehm zu empfinden, war für alle in der Familie eine grosse Erleichterung, weil die Mutter in der Familie eine Kultur definiert hatte, die eine Harmonie anstrebte.

Ist Harmonie unmöglich?

Sagen wir: Es ist möglich, aber es kostet uns alle viel. Nein sagen heisst, nicht immer Harmonie zu haben. Ich plädiere dafür, sich zu fragen: Will ich in ständiger Harmonie leben oder mit ganz normalen, lebenden Menschen aufwachsen? 

Welche Motivation gibt es, sich von diesem Harmoniezwang zu befreien? Ist es der Leidensdruck?

Die Anregung kann aus einer Frustration kommen. Wenn Eltern oder das Kind frustriert sind, kommt ein Impuls, etwas anderes zu probieren. Meine eigene Motivation und auch die von meiner damaligen Frau war, es nicht so machen zu wollen wie unsere eigenen Eltern. Wir wollten modern sein. Aber was das heissen soll, wussten wir nicht. Das gilt auch für Lehrpersonen. Sie sollten sich fragen: Fühle ich mich erfolgreich und zufrieden damit, wie ich die Konflikte mit meinen Schülern löse? Wenn man diese Frage mit Ja beantworten kann,  muss man nichts ändern.

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