Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge: «Es gibt keine negativen Gefühle – das müssen Eltern ihren Kindern vermitteln»
Elternbildung
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Wie gut gelingt es Eltern eigentlich, die Ursachen für solche und andere Gefühlsausbrüche zu erkennen?

Darauf möchte ich zwei Antworten geben. Die erste lautet: Eltern haben immer mit zwei Generationen Kindern zu tun. Dem Kind vor ihnen und dem Kind in ihnen, also dem Kind, das sie selbst waren. Je mehr sich ein Erwachsener mit seinen kindlichen Erfahrungen auseinandergesetzt hat, desto unbelasteter und offener kann er sein eigenes Kind annehmen und erkennen, was es umtreibt und braucht. Kinder wollen nicht, dass man an ihnen auslebt, was die Eltern gerne gehabt hätten. Ein schüchterner Junge muss nicht ins Wildniscamp, weil seine Mutter als Kind gerne mehr Freiheit gehabt hätte.

Ist Eltern das bewusst?

Darauf zielt der zweite Teil meiner Antwort ab: Ein Grossteil der Eltern denkt heutzutage ziemlich pädagogisch. Gerade was bestimmte Erziehungstechniken und Massnahmen angeht, sind Eltern heute viel kompetenter als frühere Generationen. Was sich nicht im gleichen Masse entwickelt hat, ist allerdings das ­Wissen über bestimmte Entwicklungsphasen. Das ist eher unterentwickelt und daraus resultieren dann einige Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir die Aggressionsthemen, die zwischen dem sechsten und dem zehnten Lebensjahr auftauchen. ­Viele Eltern nehmen bei diesen ­Wutausbrüchen an, dass sie in der Erziehung des Kindes etwas falsch gemacht und vielleicht Regeln zu soft vermittelt haben. Oder sie glauben, dass ihr Kind ein ungünstiges Temperament hat, ein «Wüterich» ist. Dabei ist der Widerwille nur eine Unabhängigkeitserklärung des Kindes. Es geht – wie auch vorher bei den Trotzanfällen oder später in der Pubertät – um die Abgrenzung von den Eltern. Um die Welt zu entdecken, müssen Kinder sich losreissen. Sie entdecken gleichaltrige Bezugspersonen. Sie entdecken andere Wertvorstellungen, andere Denkweisen. Das öffnet den Horizont, macht aber auch Angst. Bei diesen Entdeckungen treten deshalb oft widersprüchliche Gefühle auf. Wenn Eltern das wissen, können sie damit entspannter umgehen. Kinder ­brauchen in dieser Zeit unbewachte Freiräume, aber klare Regeln und Abläufe, die ihnen Sicherheit geben.

Im Alltagsstress klappt das mit der entspannten Reaktion trotz aller Erkenntnis oft nicht. Auf den ­Tobsuchtanfall des Kindes folgt der Wutanfall der Eltern. Schlimm?

Nein. Ein Vater oder eine Mutter ist keine pädagogische Maschine. Man ist selbst auch ein Mensch mit allen Gefühlen, die das Menschsein ausmachen. Das für sich zu akzeptieren, ist wichtig. Man kann am Ende eines Tages ja auch mit dem Kind in einer Art Gute-Nacht-Ritual über den Tag reden und fragen: Wie war es für dich heute? Dann kann man auch artikulieren, was man selbst empfunden hat, was gut war und was man vielleicht gerne anders gehandhabt hätte.
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Viele Eltern sagen sich in kritischen Situationen zur Beruhigung den Satz «Es ist nur eine Phase, das geht ­vorbei».

Wobei das nur bedingt richtig ist. Entwicklung ist keine stete Aufwärtsbewegung. Nehmen wir das Beispiel der Trennungsangst: Wenn ein Kind in die Welt hinausgeht und etwas Neues entdeckt, sei es, dass es Laufen lernt, in den Kindergarten kommt oder auch die erste Ferienfreizeit mitmacht, muss es sich von Vertrautem trennen. Da kommen oftmals Unsicherheitsgefühle und Ängste hoch, von denen Eltern dachten, sie seien schon passé. Plötzlich weint das Kind an der Schwelle zum Kindergarten wieder, auf einmal kommt der Schulanfänger nachts wieder ins Elternschlafzimmer.

Ist das problematisch?

Als ich in den 1970er-Jahren ausgebildet wurde, galt Regression als etwas Problematisches. Inzwischen weiss man, dass solche vermeintlichen Rückschritte völlig normal sind. Trennungsängste tauchen im Trotzalter, in der Pubertät und auch im Erwachsenenalter auf. Natürlich sucht man dann die Nähe zu den Menschen und der Umgebung, die einem bislang Kraft gegeben haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Kinder in kritischen Entwicklungsphasen den Kontakt zu den Grosseltern suchen. Das sind ihre Wurzeln. Die geben auch Halt in Gefühlsstürmen.

Buchtipp:

Jan-Uwe Rogge und Anselm Grün: So grosse Gefühle!  Gräfe und Unzer 2020, 208 Seiten, ca. 30 Fr.
Jan-Uwe Rogge und Anselm Grün: So grosse Gefühle!
Gräfe und Unzer 2020, 208 Seiten, ca. 30 Fr.

<div><strong>Julia Meyer-Hermann </strong>schreibt seit vielen Jahren über entwicklungs­psychologische Themen – und entdeckt nach wie vor bei jeder Recherche und jedem Interview etwas, das sie fasziniert. Die Journalistin lebt mit ihrer Tochter, 13, und ihrem Sohn, 7, in Hannover.</div>
Julia Meyer-Hermann schreibt seit vielen Jahren über entwicklungs­psychologische Themen – und entdeckt nach wie vor bei jeder Recherche und jedem Interview etwas, das sie fasziniert. Die Journalistin lebt mit ihrer Tochter, 13, und ihrem Sohn, 7, in Hannover.

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