Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge: «Es gibt keine negativen Gefühle – das müssen Eltern ihren Kindern vermitteln»
Elternbildung
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In Ihrem Buch «So grosse Gefühle!» fordern Sie die Eltern auf, Mitgefühl statt Mitleid zu zeigen. Warum ist der Unterschied so wichtig?

Mitgefühl ist besser, weil es Hilfe zur Selbsthilfe anbietet. Manchmal überlegen Eltern, ob sie hartherzig sind, wenn sie kein Mitleid mit ihrem verzweifelten oder ängstlichen Kind zeigen. Aber mitzuleiden bestätigt das Kind in seiner Hilflosigkeit, das bietet ihm keine Perspektive in der Verzweiflung. Mitfühlende Eltern verstehen die Betroffenheit, vermitteln Trost und machen Mut: «Ich gebe dir Halt, wenn du ihn brauchst.» Dass diese Haltung wünschenswert ist, transportiert bereits ein uraltes Kinderlied: «Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein.»

Was erzählt dieses Lied über die ­emotionale Begleitung eines Kindes? Hänschen verlässt doch sein ­Elternhaus.

Richtig, das müssen Kinder ja auch. Eine der elterlichen Herausforderungen ist, ein Kind nicht in seinem Wunsch nach Bewegung und Entwicklung zu bremsen. Wenn ich meinem Kind ständig sage: «Pass bloss auf, sei vorsichtig», dann begrenze ich es durch meine Ängste. Die meisten Kinder sind aber ohnehin umsichtig und prüfen ihre Fähigkeiten, wenn sie etwas Neues beginnen. In dem Lied heisst es: «Stock und Hut, stehn ihm gut, ist gar wohlgemut». Hänschen bekommt einen Stock, damit er Halt spürt, und er bekommt einen Hut, mit dem er sich behütet fühlt. Und mit diesem Gefühl geht er allein in die Welt. Er wird nicht gefahren! Er bewegt sich selbst, macht in seinem Tempo Entwicklungsschritte. Dazu gehören gewisse Ängste, dazu gehört auch Aggression.

Ein aggressives Kind kann für seine Eltern und für alle anderen höllisch anstrengend sein.

Erwachsene sagen häufig: «Ein Kind ist aggressiv». Das ist eine fatale Bewertung, die ist nicht sinnvoll. Ein Kind handelt in bestimmten Situationen aggressiv. Als Erwachsener sollte ich dann gucken, was das Kind durch seine Handlung ausdrückt. Das bedeutet nicht, dass ich als Elternteil stillschweigend jedes Verhalten ertrage, aber eine veränderte Sichtweise wäre ein sinnvoller erster Schritt.

Was können Eltern dabei entdecken?

Der lateinische Wortstamm von Aggression verrät einiges über die Funktion dieses Gefühls. Das Verb «aggredere» bedeutet nämlich auch «auf etwas zugehen, losgehen, etwas anpacken». Die konstruktive Seite dieses Gefühls wird oft ausgeblendet. Wer zum Beispiel einen sportlichen Wettkampf gewinnen möchte, braucht diese Form von Energie und Selbstmobilisierung. Kinder müssen schreien, toben und raufen dürfen. Wer versucht, Aggressionen aus der Kindheit zu verbannen, legt die Entwicklung still. 
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Dass ein Kind andere schlägt oder mutwillig Dinge zerstört, kann man aber der Entwicklung zuliebe nicht einfach tolerieren. Wie setzt man als Vater oder Mutter Grenzen?

Aggressionserziehung – also eine Erziehung zum gesunden Umgang mit Aggressionen – ist wichtig. Kinder wollen Regeln überschreiten, Grenzen austesten. Eltern müssen alters- und situationsangemessen reagieren und Grenzen setzen. Dazu gehört, ein Kind in aggressiv aufgeladenen Situationen nicht wie einen kleinen Erwachsenen zu behandeln und Dinge zu diskutieren oder zu verhandeln. Eltern müssen sich aber auch überlegen, wann ein Nein sinnvoll ist. Zur Aggressionserziehung gehört auch, Kinder körperliche Erfahrungen machen zu lassen. Als ich vor 30 Jahren eine Umfrage gemacht habe, ob zu Hause gerauft wird, haben das 75 Prozent aller Familien bestätigt. Bei meiner letzten Befragung vor einigen Jahren wurde nur noch in 30 Prozent der Familien gerangelt und spielerisch gekämpft.

Was ist die Konsequenz?

Wir beobachten viel öfter als früher, dass Kinder gar nicht mehr wissen, wo beim spasshaften Raufen das Mass ist. Früheren Generationen war klar, wenn einer am Boden liegt und man spürt, der kann nicht mehr, hört man auf. Und man wusste auch, dass man zwar am Handgelenk fest zupacken oder auf den Oberarm schlagen darf, aber nicht den Hals zudrückt oder gegen den Kopf tritt. Heute ist bei vielen Kindern der Körper sozusagen stillgelegt worden. Sie wissen nicht, was ein Körper aushält und was zu gravierenden Verletzungen führen kann. Wenn diese Kinder die Wut packt, schlagen und treten ­einige deshalb mit erschreckender Heftigkeit. Oft sind sie danach selbst verstört über ihren Gefühlsausbruch.

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