Erziehen ohne Schimpfen: Muss ich denn immer laut werden?
Elternbildung

Wie geht Erziehung ohne Schimpfen?

In den meisten Familien gehört es zum Alltag: Eltern schimpfen mit ihren Kindern, mal mehr, mal weniger heftig. Auslöser sind meist Stress und Überforderung. Doch Grenzen und Regeln lassen sich durch Anbrüllen nicht durchsetzen, sagen Erziehungsexperten. Und zu viele Wutausbrüche schaden langfristig der Entwicklung des Kindes. Erziehung ohne Schimpfen – wie geht das?
Text: Julia Meyer-Hermann 
Bilder: Fabian Hugo / 13 Photo
Manchmal werde ich laut. Unangenehm laut. Ich brülle meine Kinder an, schmeisse Dinge auf den Boden, knalle Türen zu. Vor Kurzem habe ich sogar mit dem Fuss aufgestampft. «Wie das Wutmonster in diesem Bilderbuch», schoss es mir durch den Kopf. Ich habe mich sofort ziemlich dämlich gefühlt. Unreflektiert. Unempathisch. Unkontrolliert. Das hat die Situation aber nicht besser gemacht. «Eigentlich könnte ich auch sofort rumschimpfen», habe ich meine beiden Kinder angeschnauzt. «Alles andere bringt ja doch nichts!»
Nach dem Schimpfen fühlte ich mich ­dämlich. Unreflektiert. ­Unempathisch. Unkontrolliert. Das hat die Situation aber nicht ­besser gemacht.
Was meinen Ausbruch ausgelöst hatte, war banal, die meisten Eltern kennen Ähnliches: Es ging um einen Berg Legosteine auf dem Wohnzimmerfussboden. Meine Bitten, Aufforderungen und Ermahnungen dazu waren stundenlang ungehört verhallt. Dabei war schon meine ­erste Ansage eindeutig gewesen: Ich brauchte noch eine halbe Stunde Ruhe, um ein paar wichtige Mails zu beantworten. Meine Kinder sollten in dieser Zeit das Spielzeug wegräumen, weil später Besuch kommen würde.

Nach dem mütterlichen Inferno verschwand die 12-Jährige beleidigt in ihrem Zimmer, ihr jüngerer Bruder versteckte sich weinend in seinem Bett. Und ich fühlte mich schlecht.

Elternalltag ist anspruchsvoll, nicht selten stressig. Das beginnt oft schon morgens mit der Diskussion über die richtige Bekleidung. «Nein, es regnet, keine Sandalen.» Und: «Bitte in die Schule keine Netzstrumpfhose.» Wir erklären, formulieren Wenn-dann-Sätze, versuchen es mit «Kannst du bitte ...?». Bis, ja, bis uns der Geduldsfaden reisst und wir laut werden, schreien, toben. Das passiert je nach eigenem Befinden mal früher, mal später. Aber es passiert. 

Schimpfen bringt familiären Unfrieden

Muss das sein?, frage ich mich. Was macht dieses Schimpfen mit den Kindern? Was sagt es über die Beziehung zu unseren Söhnen und Töchtern – über uns selbst? Erziehen ohne Schimpfen – geht das überhaupt?

Auf meiner Suche nach Antworten stosse ich schnell auf den Bestseller «Erziehen ohne Schimpfen» von Nicola Schmidt. Die Erziehungsexpertin und Wissenschaftsautorin glaubt, dass Eltern mit Schimpfen jedenfalls nicht das erreichen, was sie erreichen möchten: eine Verhaltensänderung bei ihren Kindern. «Alle Studien weisen darauf hin, dass Schimpfen, Schreien oder gar Strafen nicht funktionieren», schreibt Nicola Schmidt. «Wenn wir unseren Kindern soziale Regeln beibringen wollen, müssen wir es anders angehen.»

Seit zwölf Jahren bloggt die zweifache Mutter über ihren Elternalltag. Vor zehn Jahren hat sie das Projekt «artgerecht» gegründet, das Kurse und Treffen veranstaltet, um Eltern zu einem anderen Umgang mit ihrer Rolle und einer wertschätzenden Kommunikation mit ihren Kindern anzuregen. «Empathisch und klar» lauten dabei die Schlüsselbegriffe.

Schmidt ist nicht allein mit ihrem Wunsch nach weniger Schimpfen, Strafen und Druck im Familienalltag.
Lisa Briner und Noé Roy erzählen: «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
Lisa Briner und Noé Roy erzählen: «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
Zeitgleich mit ihrem Buch sind zwei weitere Erziehungsratgeber erschienen: «Die Schimpf-Diät» von Linda Syllaba und Daniela Gaigg sowie «Mama, nicht schreien» von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter. Alle Autorinnen sind Mütter und stellten sich irgendwann dieselben Fragen, die auch ich mir stelle. Sandra Teml-Jetter sagt: «Ich wünsche mir einen emotionalen Klimawandel in Familien.»

Doch ist der so grundlegend notwendig? Wir sind doch ohnehin alle wahnsinnig bewusst im Umgang mit unseren Kindern. Ohrfeige, Klaps auf den Po, an den Ohren ziehen: absolute No-Gos. Festhalten, ins Zimmer sperren, eine Auszeit verordnen: vermeiden wir. 
Anzeige

Verbale Prügel

«Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt gegen Minderjährige», sagt der Schweizer Psychologe und Kinderschutzexperte Franz Ziegler in einem Interview, das er vor einiger Zeit diesem Magazin gegeben hat. Sie betrifft auch Familien, die das selbst vermutlich gar nicht so wahrnehmen. Laut Zieglers Definition beginnt verbale Gewalt bereits mit einem Nebensatz wie «Kapierst du das eigentlich nie?». Eltern, die ständig etwas sagen wie «Lern du erst einmal vernünftig rechnen, so blöd wie du kann man doch gar nicht sein», unterwandern die gesunde Entwicklung eines ­Kindes. «Ein Kind kann unter diesen Umständen kein gesundes Vertrauen in sich selbst und in andere gewinnen. Das ist ja klar. Es hört permanent: Du bist nichts und du wirst auch nichts werden», sagt Franz Ziegler.

Seine Argumentation teilen auch die Autorinnen der drei Schimpf-Diät-Bücher. Sie berufen sich auf verschiedene Studien wie die der amerikanischen Universität Pittsburgh. Die Psychologen dort haben jahrelang über 1000 Familien begleitet und ihren Umgang mit ihren Kindern dokumentiert. Das Ergebnis: 90 Prozent der Eltern schimpften mit ihren Kindern, 50 Prozent taten dies auf verletzende Weise.
Psychische Gewalt beginnt ­bereits mit einem Nebensatz wie «Kapierst du das ­eigentlich nie?»
Eine Studie des Instituts für Familienforschung der Universität Fribourg hat 2017 das Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz untersucht und ist zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Rund 7 von 10 befragten Eltern gaben an, psychische Gewalt in der Erziehung anzuwenden. Am häufigsten kommt es vor, dass Eltern beabsichtigen, ihrem Kind mit Worten weh zu tun, und es heftig beschimpfen. Nicht selten kommt es aber auch zum Drohen mit Schlägen und zu Liebesentzug. Rund 12 Prozent der Eltern drohen ihren Kindern damit, sie wegzugeben. Die Studien zeigen auch, dass die Massregelungen nicht den erhofften Effekt hatten: Sie führten nicht zu mustergültigem Sozialverhalten, sondern im Gegenteil zu schlechtem Benehmen in der Schule, Lügen, Stehlen und Aggressivität.

«Wir wünschen uns doch heute kreative Kinder mit einem guten Selbstwertgefühl. Kinder, die Nein sagen zu Drogen und zu falschen Freunden. Kinder, die sich selbst bejahen. Aber der Selbstwert kann nicht wachsen, wenn man immer wieder seelisch verletzt wird», sagt Nina Trepp, Familienberaterin aus Bern. Die 39-Jährige hat Soziale Arbeit studiert und viele Jahre als Schulsozialarbeiterin gearbeitet, inzwischen ist sie selbständig als «artgerecht»-Coach und diplomierte Körperzentrierte Psychologische Beraterin.

Schimpfen kann einem Kind also so nachhaltig schaden wie körperliche Gewalt. Es sind verbale Prügel. Aber wie soll es anders gehen? Wie bringe ich ein Kind dazu, mitzumachen, wenn es bockig ist?

Online-Dossier

<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/erziehen-ohne-schimpfen"><strong>Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. </strong></a>Lesen Sie mehr zum Thema, wie: <strong>Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts.</strong> Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Schimpfen. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Kinder verlangen ihren Eltern viel Geduld ab. Ruhig zu bleiben lohnt sich, denn schimpfen bringt nichts. Wie aber funktioniert Erziehung, ohne laut zu werden?

Neue Erziehungsstile

Ich mache einen kurzen Test in meinem Umfeld und erzähle befreundeten Eltern von dem Konzept «Erziehen ohne Schimpfen». Dazu muss man sagen, dass diese Stichprobe lauter Menschen umfasst, die viel über ihre Erziehungsmethoden und darüber nachdenken, was das Beste für ihr Kind ist. Die Reaktion in meinem Bekanntenkreis ist dennoch immer die gleiche: Unverständnis.

Manche schmunzeln und sagen: «Ja, ja, in der Theorie klingt das super, aber im Alltagsstress ist das total unrealistisch.» Andere halten den Ansatz schlicht für fragwürdig, weil er überzogen klingt. «Wir wurden doch noch ganz anders dazu gebracht, zu spuren. Und hat es uns geschadet?» Wieder andere äussern Bedenken, was denn bei diesem Ansatz aus der viel gepriesenen authentischen Erziehung würde. Kinder bringen ihre Eltern oft zur Weissglut. Häufig unabsichtlich, manchmal aber auch gezielt. Kinder experimentieren. Ihre Erziehungsberechtigten reagieren darauf. Sie müssen vermitteln, wann eine ­Grenze überschritten wurde. Wie soll ein Kind sonst lernen, dass eine bestimmte Verhaltensweise andere verärgert?
Die Unterdrückung des ­elterlichen Wutgefühls ist nicht sinnvoll: Kinder ­spüren, dass ihre Eltern nicht authentisch handeln.
Zu Familienberaterin Nina Trepp kommen viele Eltern, die sich genau diese Fragen stellen. Die Mütter und Väter, die sie unterstützt, sind oft selbst mit Sanktionen wie Ohrfeigen und Hausarrest gross geworden. Sie haben gelernt, dass Kinder kleine Egoisten sind, die nur mit strenger Führung zu sozialen Erwachsenen herangezogen werden können. Sie kennen keine Vorbilder für einen anderen Erziehungsstil, sind aber nicht glücklich mit dem eigenen Verhalten.

Die Situation kritisieren, nicht das Kind

«Viele Eltern sind verzweifelt, weil sie weniger schreien und schimpfen wollen, aber keinen anderen Kanal für ihren Frust finden.» Nina Trepp vermittelt, dass es nicht darum geht, dass Eltern keine Wut mehr fühlen oder zeigen dürfen. Sie erklärt das am Beispiel eines wiederkehrenden Missgeschicks, etwa eines Glases, das umgestossen würde. «Da müssen Eltern dann nicht jedes Mal ‹Ist nicht schlimm, alles in Ordnung› säuseln, wenn sie innerlich explodieren.» Die Unterdrückung dieses elterlichen Wut­gefühls ist nicht sinnvoll: Kinder spüren, dass ihre Eltern nicht authentisch handeln, dass sie etwas anderes fühlen, als sie zeigen. Das verwirrt und verunsichert sie. Nina Trepp rät den Eltern, ihre Wut zu verbalisieren, aber nicht auf das Kind, sondern auf die Situation zu richten. «Mein Gott, nun stell das Glas endlich weiter weg, damit du es nicht ständig umstösst» ist okay. «Schon wieder umgestos­sen, was bist du doch für ein Löli!» tabu.
Karin Lerchi erzählt: «Bevor ich komplett ausraste, ziehe ich mich zurück»
Der Unterschied ist wesentlich: Die erste Aussage zeigt nur, dass man genervt ist. Die zweite wertet das Kind ab, vermittelt ihm ein Gefühl von Minderwertigkeit. 
«Um Zurechtweisungen kommen Eltern nicht herum», sagt Kinder- und Jugendpsychologe Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und Paare/Familien an der Universität Zürich. Kindern muss mitgeteilt werden, wenn sie eine Grenze überschritten haben. Wichtig ist laut Guy Bodenmann dabei das «Wie» der Zurechtweisung: Wie ist die Sprache, Gestik, Mimik? Drücken sich die Eltern altersgemäss und verständlich aus? Wurde klar signalisiert, was die Eltern vom Kind erwartet haben? Davon hängt ab, welchen nachhaltigen Eindruck die Zurechtweisung beim Kind hinterlässt.
 
Die Zurechtweisung ist zudem kontextabhängig. Bei einer Gefahr im Strassenverkehr beispielsweise kann ein barscher Zuruf mitunter Leben retten. Aber auch dann ist eine Formulierung wie «Was bist du für ein doofes Kind. Ich habe dir das schon hundert Mal gesagt, aber du kapierst das nicht» eine Persönlichkeitsverletzung. Solche Aussagen bezeichnet Guy Bodenmann als «dysfunktionales Schimpfen».

Familiencoach Nina Trepp rät den Eltern, von ihren eigenen Gefühlen zu reden, wenn sie am Rande der Verzweiflung sind. «Mütter und Väter dürfen sich überfordert fühlen und das auch zeigen. Sie dürfen auch laut etwas rufen wie ‹Ich kann nicht mehr! Das ist mir einfach zu viel! Das macht mich wahnsinnig!›. Das Kind erschrickt dann vielleicht. Aber das sind keine Aussagen, die seinen Selbstwert angreifen.»

Regeln so vermitteln, dass sie ankommen

«Das habe ich dir schon tausend Mal gesagt!» Wenn wir in diesem Ton auf die Einhaltung von Regeln pochen, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Kinder augenblicklich auf Durchzug schalten. Was können wir stattdessen tun? Hier ein paar Ideen:

  • Statt zu schimpfen: «Was bist du nur schon wieder für ein Faulpelz!», sagen wir, was wir sehen: «Deine Kleider von gestern Abend liegen noch überall herum.» Wenn das Kind nicht reagiert, können wir noch hinterherschicken, was wir uns wünschen: «Ich möchte, dass das hier ordentlich aussieht, wenn gleich Besuch kommt. Bitte bring deine Sachen weg.»

  • Statt zu rufen: «Warum schenke ich dir überhaupt etwas?», informieren wir die Kinder darüber, welche Konsequenzen ihr Verhalten hat: «Wenn das Brettspiel auf dem Balkon stehen bleibt, wird der Regen es heute Nacht durchweichen – das wäre schade.»

  • Statt uns zu ärgern: «Jetzt hör auf, im Supermarkt ­herumzurennen!», bieten wir den Kindern eine ­Alternative: «Du kannst für uns fünf Zitronen ­aussuchen.»

  • Statt zu meckern: «Nie hilfst du mir», sagen wir, was uns wirklich helfen würde: «Wenn du jetzt vier Teller und vier Gläser auf den Tisch stellst, können wir früher essen. Das wäre mir eine grosse Hilfe.»

  • Statt zu rufen: «Kleckere nicht!», sagen wir, was wir wollen und was nicht: «Ich möchte, dass du über deinem Teller isst, damit die Sauce nicht auf deine Hose tropft.»

  • Statt zu bestimmen: «Du ziehst jetzt die Hose an und basta!», lassen wir dem Kind eine Wahl: «Ohne Hose kannst du nicht auf die Strasse. Welche möchtest du, die blaue oder die rote?»

  • Statt auszurasten und zu brüllen, ziehen wir rechtzeitig eine Grenze: «Mir ist das hier zu laut. So geht das nicht.» Und dann halten wir das Auto an oder steigen aus dem Bus aus oder verlassen das Café.

Schuld ist tragisch, Verantwortung ist magisch

Und was, wenn das nicht gelingt? Wir lauter geworden sind, als wir es sein wollten? Und vor allem beleidigend?

Ich muss an eine Szene denken, die sich kürzlich vor unserer Schule abgespielt hat. Am Schultor wartete ein Vater mit einer blütenweissen Jeans auf seine Tochter. Die 7-Jäh­rige rannte ihm freudestrahlend entgegen, sprang an ihm hoch und verdreckte seine Hosenbeine. «Du bist doch bescheuert! So eine ­Scheisse», brüllte der Vater mehrfach. Wenig später kniete er auf dem Boden neben seiner weinenden Tochter und entschuldigte sich. «Weisst du, ich habe gleich ein Meeting. Ich habe mich erschreckt, weil ich da jetzt mit schmutziger Hose hin muss. Aber so wichtig ist das nicht. Ich habe ganz doof reagiert.»
Dominique Eichenberger erzählt: «Meine Wutausbrüche hatten viel mit meiner Kindheit zu tun»
Macht eine Entschuldigung die bösen Worte wieder ungeschehen? Trotz bester Vorsätze passiert das schliesslich den meisten von uns. «Ich empfinde eine Aussage des Pä­dagogen Jesper Juul da als sehr hilfreich», sagt Familienberaterin Nina Trepp. «Schuld ist tragisch, Verantwortung ist magisch.» Wenn Eltern sich für ihre Fehler entschuldigen, falle ganz viel Belastung weg. Den Kindern gehe es besser, weil sie sich wertgeschätzt fühlten. Ausserdem wachse bei Kindern und Eltern das Verständnis füreinander und für die Streitauslöser.
  
In vielen, vielleicht sogar in den meisten Fällen heisst der Auslöser «Stress» beziehungsweise «Dauerstress».  Die Eltern sind müde, angespannt, mit den Gedanken bei unerledigten Aufgaben – und dann macht auch noch das Kind nicht das, was es in den Augen der Eltern soll.  «Chronischer Stress schadet oder zerstört Beziehungen», sagt der Psychologe und Paarberater Guy Bodenmann. Das gelte für Paarbeziehungen und auch das Eltern-Kind-Gefüge. Die Kinder von stark beanspruchten Eltern seien nicht etwa stressresistenter oder besonders gut darauf vorbereitet, in einem eng getakteten Alltag zu funktionieren. «Der Stress der Eltern überträgt sich immer auf das Kind, das geht bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen.» Dauergestressten Eltern fällt es schwerer, auf ihre Kinder einzugehen, ihr Mitgefühl bleibt unteraktiviert. Sie verlangen deshalb oft mehr von ihren Kindern, als diese leisten können. Ein typischer Satz lautet: «Jetzt stell dich nicht so an.»

Verheerender Mikrostress

Obwohl die Lebensumstände sicherer geworden sind und der existenzielle Stress abgenommen hat, ist der Stresslevel gestiegen. «Der Zeitdruck, der Leistungsdruck, das ­Multitasking haben erheblich zugenommen», sagt Guy Bodenmann. «Und dieser Mikrostress ist für uns vom Gefühl her noch verheerender.» Für die Alltagsbelastungen gebe es von der Aussenwelt beinahe kein ­Verständnis. Die Reaktion darauf ist oft: «Hey, ich habe auch viel um die Ohren.» Daraus resultiere, so Bodenmann, bei vielen das Gefühl, ein Versager zu sein.
Wenn man als Vater oder Mutter ständig zu laut und verletzend wird, sagt das oft mehr über einen selbst als über seine Kinder.
Wenn man als Vater oder Mutter also ständig zu laut und verletzend wird, sagt das oft mehr über einen selbst aus als über seine Kinder. Wenn ich rekapituliere, wann zwischen mir und meinen Kindern Streit ausbricht, sind das fast immer Momente, in denen ich das Gefühl habe, Alltagsabläufe nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Momente, in denen ich befürchte, zu spät zu kommen. Meinem Erziehungsauftrag nicht zu entsprechen. Erwartungen nicht zu erfüllen. Ich höre mich dann manchmal Sätze sagen, die ich aus meiner Kindheit kenne und die ich eigentlich ablehne. So als ob in diesen Stressmomenten mein rationales Lösungswissen von alten Mustern überlagert wird. «Wenn du immerzu nur auf dein Handy starrst, macht dich das nicht schlau.» «Wenn es immer so ein Theater gibt vor dem Aufbruch, dann lassen wir das halt mit dem Schwimmverein.»
 
Ein Teil unseres Stresses liesse sich reduzieren, wenn wir unsere Haltung verändern würden, sagt Psychologe Guy Bodenmann: «Das Kind muss Musikunterricht haben, Tennisstunden, einen Sprachkurs belegen. Muss es das? Oder gehört das zu einem gesellschaftlichen Ideal, dem wir entsprechen wollen?»

Jesper Juul hat die These aufgestellt, dass Eltern zwanzig Fehler pro Tag im Umgang mit ihren Kindern machen können, ohne dass diese Schaden nehmen. Guy Bodenmann sagt: «Ein Kind, das in einem Klima von Liebe und Wohlwollen aufwächst, verkraftet es, wenn die Eltern auch mal aus der Haut fahren.» Ein Schlüsselfaktor dabei sei der Umgang mit Zeit in der Familie. «In der griechischen Mythologie gibt es Kronos, den Gott der Lebenszeit, und Kairos, den Gott des rechten Augenblicks. Wenn man so will, spielen diese beiden Götter im Familienleben eine wichtige ­Rolle. Es geht darum, wie viel Zeit ich meinen Kindern und meiner Partnerschaft insgesamt zur Verfügung stelle. Und es geht darum, den richtigen Augenblick zu nutzen und für mein Kind da zu sein, wenn es mich braucht. Es gibt Momente, da muss ich sofort verfügbar sein und meinem Kind Aufmerksamkeit schenken.»

Eine Frage der generellen Haltung

Die Lösung lautet also: Den Druck aus dem Alltag nehmen. Achtsamer mit sich selbst sein. Zeit für ein bewusstes Miteinander einplanen. Das ist natürlich leichter gesagt, als es in der Praxis umgesetzt ist. In den Anti-Schimpf-Ratgebern gibt es daher Programme zur Stressreduktion und Tipps, wie man sich im Alltag entlasten kann.

Die Wahrheit ist aber auch: Es geht nicht nur darum, wie entspannt Eltern ihren Erziehungsauftrag wahrnehmen. Es geht auch um die generelle Haltung gegenüber Kindern. Viele Eltern organisieren wie ich ihren Alltag nach einem straffen Zeitplan. Das Berufsleben mit Kindern funktioniert sonst nicht. Wenn mein Job-Ich auf mein Mutter-Ich trifft, kommt es allerdings zu Komplikationen. Ich erwarte oft, dass meine Kinder sich in meine Zusammenreissen-und-Weitermachen-Haltung einfügen und wie kleine Erwachsene agieren. Tun sie aber nicht. Warum sollten sie auch?
 
Daraus folgt aber nicht, dass ein Kind unsozial ist oder Probleme mit Regeln hat, sagt Nicola Schmidt. Sie widmet ein Kapitel dem wohlwollenden Blick auf Konflikt­­situationen. Ein Beispiel: Das Kind soll ­helfen, hilft aber nicht. Die «artgerecht»-Gründerin erklärt: «In dieser Situation sollen wir daran denken: Ein Kind will eigentlich kooperieren. Aber momentan ist eine andere Kraft stärker, vielleicht ist es müde oder einfach zu träge. Wir können das Kind nun unter Druck setzen, indem wir schimpfen.» Das, so die Familienberaterin, hilft aber höchstens, den elterlichen Druck abzubauen. Nicola Schmidt findet es sinnvoller, Verständnis für das müde Kind zu zeigen. Und sie ist überzeugt, dass Kinder, die sich so ernst genommen fühlen, dann auch eher kooperieren. Sie schlägt etwas vor wie: «Mein Magen knurrt. Ich habe auch keine Lust, aber komm, wir müssen Essen machen. Hilfst du mir?» 
Und wenn wieder ein Nein kommt? Muss man das vielleicht einfach akzeptieren. 
Wenn meine Kinder mich ansprechen und etwas von mir wollen, sage ich ziemlich oft: «Kann das kurz warten? Ich brauche noch einen Moment.» Das gleiche Recht sollte ich den Kindern zusprechen, meint Familiencoach Nicola Schmidt. Eltern sollten sich selbst bewusst machen, wie dringlich ein Anliegen ist und ob man beispielsweise ein Gespräch oder einen Auftrag verschieben kann, bis das Kind eine Spielpause macht.

Ich beherzige das in den Wochen nach dem letzten heftigen Streit. Tatsächlich wird nicht mehr aufgeräumt und auch die Aufbrüche zu Terminen sind immer noch hektisch. Aber ich bin weniger angestrengt. Ich schimpfe weniger. Und gerade mein jüngerer Sohn kooperiert mehr.
Die Lösung lautet: Den Druck aus dem Alltag nehmen. Achtsamer mit sich selbst sein.
Als der nächste Besuch ansteht, plane ich Zeit und Aufgaben zusammen mit den Kindern. Ich stelle einen Timer über 30 Minuten. So lange sitze ich am Computer, so lange sollen die beiden ihre Sachen wegräumen. Die Kinder dürfen währenddessen ein Hörbuch hören, was ihre Effektivität stark einschränkt. Meine übrigens auch, denn die Geschichte ist gut. Am Ende der vereinbarten Zeit sieht ein Teil des Bodens immer noch aus wie eine Legolandschaft. Ich habe ­meine Arbeit nicht ganz fertig. Aber als der Besuch in unserem Chaos eintrifft, ist die Stimmung gut.

Literatur

Nicola Schmidt: Erziehen ohne Schimpfen. 
Gräfe und Unzer 2019, 176 Seiten, ca. 24 Fr. 

Linda Syllaba und Daniela Gaigg: Die Schmipf-Diät.
Beltz 2019, 268 Seiten, ca. 25 Fr. 


<div><strong>Julia Meyer-Hermann </strong>ist freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Hannover.&nbsp;</div>
Julia Meyer-Hermann ist freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Hannover. 

Lesen Sie mehr zum Thema Erziehen ohne Schimpfen:

  • «Die Wut auf meinen Ex-Mann überträgt sich manchmal auf die Kinder»
    Susanna*, 43, lebt mit ihren Söhnen Marco, 12, und Dominik, 9, in der Nähe von Chur. Die Lehrerin hat sich vor zwei Jahren vom Vater der beiden Jungen scheiden lassen.

  • «Meine Wutausbrüche hatten viel mit meiner Kindheit zu tun»
    Dominique Eichenberger lebt mit ihrem Mann Jan und den beiden ­Kindern ­Yannick, 5, und Sophie, 3, in der Nähe von Bern. Vor zwei Jahren hat die 30-jährige Pflegefachfrau eine Familien­beratung begonnen, weil sie das Gefühl hatte, bei der Erziehung von Yannick zu oft laut und grob zu werden. Auch ihr Mann hat sich beraten lassen.

  • «Bevor ich komplett ausraste, ziehe ich mich zurück»
    Karin Lerchi, 50, ist selbständige ­Catering-Unternehmerin. Die allein­er­ziehende Mutter lebt mit ihrer ­13-jährigen Tochter Alva in Zürich. Wegen Corona ist ihre berufliche ­Situation angespannt. Gleichzeitig fordert der Teenager Freiheiten – das provoziert Konfliktsituationen.

  • «Strafen bewirken keine Verhaltensänderung»
    Lisa Briner und Noé Roy sind beide 28 Jahre alt. Die Buchhalterin und der Produktmanager leben mit ­ihren Töchtern Amélie, 4, und  Inès, 2, in Bern. Sie sind jung Eltern geworden und wussten, dass sie den autoritären Erziehungsstil ­ihrer eigenen Elternhäuser nicht übernehmen wollten.

1 Kommentar

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Franz Josef am 04.11.2020 11:43

Schimpfen ist nicht ErZIEHung sondern ErDRÜCKung.
Da wir nur nach vorgegebenen Schablonen er"zieh"en lernen, ist unsere Er"zieh"ung praktisch immer ErDRÜCKung - und bewirkt folglich auch das Gegenteil.
Durch die Übernahme neuer Techniken, Strategien und Trick erhöhen wir nur den DRUCK und bringen die gesamte Kommunikation auf ein immer noch erbärmlicheres Niveau herunter. DRUCK erDRÜCKT.
Durch Schimpfen wird der Fehler wenigstens noch hörbar.
Mit DRUCK ist man immer in der verkehrten Richtung unterwegs.
DRUCK komprimiert Mensch + Problem. Das ist das exakte Gegenteil von LÖSUNG.
Für echte Lösungen brauchen wir das SOG-Problem, das Grundprinzip der neuen Ich-kann-Schule. Dort finden sich viele praktische Beispiele.
SOG löst.
SOG richtet auf.
SOG macht wachsen.
Mit SOG kann man die Kräfte mühelos punktgenau lenken. .....
Wir sollten also schleunigst lernen, uns was einfallen zu lassen, was ZIEHT.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.