Elternbildung
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16. Wie ist Erziehung ohne Streit möglich?

Gar nicht. Denn Kinder brauchen Konflikte. Das ist anstrengend und kann auch verletzend sein – aber es wäre ein Fehler, als Eltern Konflikte vermeiden zu wollen. Viele Eltern sind gefangen in einem Harmonieanspruch. Wir sind unseren Kindern einen Streit schuldig, selbst wenn sie uns dann ein «Ich hasse dich!» an den Kopf werfen. Das gilt es auszuhalten und sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Der hormonelle Sturm wird sich wieder legen.
 
René Borbonus, Redner, Rhetorik und Kommunikationstrainer

17. Sollen Eltern ihren Kindern Spielzeugwaffen verbieten?

Mein Sohn war als Kind sehr an Waffen interessiert, aber ich hatte sie ihm verboten, weil ich damals sehr friedensbewegt war. Da fing er an, alles zu einer Waffe umzubauen, was ihm in die Finger kam, und ich erkannte, wie sinnlos mein Verbot war. Heute ist er Arzt und kein bisschen aggressiv. Spielt ein Kind gerne mit Laserpistolen oder Waffen, sollte man sich fragen, woher dieses Interesse rührt. In der Regel verbirgt sich dahinter das Bedürfnis, respektiert und beachtet zu werden. Ein Kind, das sich bewaffnet, möchte sich einen Kopf grösser machen.
 
André Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg 

18. Müssen sich Eltern in der Erziehung immer einig sein?

Nein, überhaupt nicht. Aber man muss eine Routine entwickeln, wie man mit Unterschieden umgeht. Idealerweise definiert man die Gebiete in der Erziehung, in denen man selbst die Führung übernimmt, und diejenigen, in denen der andere Elternteil das tut.
 
Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

19. Wie stark müssen Eltern ihren Kindern Grenzen setzen?

Grenzen setzen ist zentral in der Erziehung und gehört zum Job der Eltern. Man muss es aushalten, dass ein Kind gegen die elterlichen Grenzen rebelliert, frustriert ist und seine Unlust an den Eltern auslässt. Verfügt man über diese Fähigkeit, benötigt man auch nicht das tausendste Ratgeberbuch zur Erziehung. Wichtig bei der Grenzsetzung ist allerdings eine gewisse Flexibilität – man sollte Grenzen nicht stur nach Excel-Tabelle festlegen.
 
Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe
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«Das Üben ist in manchen Familien ein Streitthema wie die Hausaufgaben.» 
Sibylle Dubs, Musikpädagogin in Zürich

20. Wie bringe ich mein Kind dazu, dass es sein Musikinstrument übt?

Das Üben ist in manchen Familien ein Streitthema wie die Hausaufgaben. Während Letztere von der Schule vorgeschrieben sind, hat das Üben eines Instruments eine Schuld-Komponente: «Du wolltest doch Harfe spielen!», «Weisst du, was die Miete des Klaviers kostet?», «Wir haben ein halbes Jahr Klarinettenunterricht bezahlt, jetzt halte so lange durch!». Von solchen Sätzen ist nicht viel zu halten. Sie zementieren die Ansicht, dass ein Instrument zu spielen etwas für besonders pflichtbewusste oder hochbegabte Kinder sei. Eltern sollten sich fragen: Warum soll unser Kind ein Instrument lernen?

Um Musik zu leben und zu erleben, wäre die Antwort der elementaren Musikpädagogik
. Um dem Kind die Möglichkeit zu geben, aus sich selbst heraus künstlerisch tätig zu werden. Wie wird also aus dem täglichen Üben Musik? Indem die Eltern selber diese Haltung einnehmen und das Kind unterstützen. Eltern sollten ihren musizierenden Kindern aktiv zuhören. Töne, und seien sie noch so wacklig und ungenau, werden zu Musik, wenn ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dadurch lauschen die Kinder selber von Beginn weg ihrem Spiel, welches einen ganz anderen Wert erhält. Befolgen Sie drei Maximen. Erstens: Setzen Sie sich zum Üben zu Ihrem Kind. Zweitens: Seien Sie ehrlich zum Kind. Drittens: Reduzieren Sie in Krisen Dauer und Inhalt beim Üben. Und: Das Üben muss nicht ausschliesslich mit dem Instrument stattfinden. Schauen Sie sich zusammen das Notenheft auf dem Sofa an, reden Sie über die Namen der Stücke.
 
Sibylle Dubs, Musikpädagogin in Zürich

21. Sollen Eltern einschreiten, wenn die Geschwister unablässig streiten?

Geschwister streiten im Schnitt alle 20 Minuten. Gründe gibt es viele, etwa Eifersucht, die Angst, benachteiligt zu werden oder etwas zu verlieren, beispielsweise die Zuwendung der Eltern. Daneben spielen Temperament, Besitzverhältnisse zwischen den Kindern, die Position in der Familie und die Frustrationstoleranz eine grosse Rolle. Einschreiten sollten Eltern, wenn die Kräfteverhältnisse stark auseinandergehen und eines der Kinder ernsthaft physisch oder psychisch verletzt werden könnte. Einen Streit fair zu schlichten, ist oft unmöglich, da man ja als Elternteil nicht alles mitbekommen hat.

Wichtiger ist, den Streit angemessen zu beenden. Grundsätzlich lohnt es sich, mit den Kindern Lösungen zu üben und die Kritik so zu formulieren, dass die andere Person nicht in ihrer Integrität verletzt wird: Spielzeug tauschen statt wegnehmen oder eine Spielzeugkiste einrichten, die Dinge für beide enthält. Daneben darf jedes Kind eigene Dinge haben, die es nicht teilen muss. Streiten ist ein wahres Lernfeld, weil Kinder dabei lernen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und anzumelden, mit Frust umzugehen und Lösungen zu finden – alles Kompetenzen, die man auch in Schule, Beruf und Partnerschaft braucht. Kindern das Streiten zu verunmöglichen hiesse, sie den Umgang mit Konflikten nicht lernen zu lassen. Oder lassen Sie Ihr Kind niemals mit Schere und Messer hantieren, nur weil es sich verletzen könnte?
 
Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin

22. Welches ist der häufigste Erziehungsfehler?

Dass die Eltern die Kinder und deren Bedürfnisse aus den Augen verlieren. Ein Beispiel: Beide Eltern müssen morgens zur Arbeit, die Kinder müssen in die Krippe, in den Hort oder in die Schule. Also müssen alle frühstücken, Zähne putzen und rechtzeitig angezogen sein. Je nachdem, wie schnell das geschieht, gibt es Probleme mit den Kindern: Sie trödeln herum, weigern sich zu kooperieren oder schreien herum. Eigentlich geht es darum, dass die Kinder sich dem hohen Funktionsrhythmus der Familie verweigern, weil sie frühmorgens mehr Zeit brauchen. Dass die Eltern nicht über Veränderungen an diesem System nachdenken, erzeugt bei den Kindern Angst und Ohnmacht, denn es bedeutet, dass die Eltern das Problem nicht wahrnehmen. Also schreien die Kinder herum.
 
Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

23. Die Kunst in der Erziehung sei, so heisst es, das Verhalten des Kindes nicht persönlich zu nehmen. Wie schafft man das?

Betitelt das Kind oder der Teenager Vater oder Mutter mit Schimpfworten, ist das grundsätzlich nicht okay. Eltern sollten das dem Kind auch ruhig und unmissverständlich sagen. Das bedingt aber, dass wir mit gutem Vorbild vorangehen und uns nicht zum gleichen Verhalten hinreissen lassen. Schimpftiraden sind immer auch ein Vertrauensbeweis Ihres Kindes, so paradox dies klingen mag. Ein Wutausbruch des Kindes bedeutet, dass es intuitiv weiss, dass Sie ihm wegen seiner verbalen Attacke nicht die Liebe kündigen werden.

Zum Vergleich: Stellen Sie sich vor, Sie kommen abends müde und verärgert von der Arbeit nach Hause. Nun lassen Sie Ihre schlechte Stimmung an Ihrer Partnerin, Ihrem Partner aus. Kurze Zeit später klingelt es an der Tür: Es ist ein Bekannter von Ihnen. Bestimmt werden Sie mit dieser Person freundlich oder zumindest höflich umgehen. Dass Sie Ihren Ärger nur an Ihrem Mann oder Ihrer Frau ausgelassen und Ihre wahren Gefühle gezeigt haben, war eben nur möglich, weil Sie auf die Liebe Ihres Partners zählen können. Das ist beim eigenen Kind genau gleich. Haben Sie einen Teenager zu Hause, kommt hinzu, dass sein Gehirn gerade einen Entwicklungsprozess durchläuft. Das heisst: Sein Sozialverhalten macht grad Pause. Ihr Teenager kann also nichts dafür, dass er ziemlich egoistisch und wenig einfühlend unterwegs ist. Haben Sie also bitte Geduld!
 
Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin

24. Wie viel Erziehung brauchen Kinder?

Kinder brauchen keine Erziehung. Sie werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten. Jede Methode ist nicht nur überflüssig, sondern kontraproduktiv. Kinder brauchen Rückenwind von ihren Eltern – so sagt man es in Dänemark. Es bedeutet: eine liebevolle Begleitung, kein Zurechtweisen. Kinder brauchen so viel Selbstwertgefühl wie möglich. Das ist das
Allerwichtigste.
 
Jesper Juul, Familientherapeut

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