Elternbildung
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10. Wie wichtig ist meine Intuition als Mutter oder Vater?

Intuition ist ein Ausgangspunkt für Handlungen. Mit Intuition allein kommt man allerdings nicht weit: Man muss sie in Worte fassen und mit Fakten ergänzen.
 
Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

11. Was können Eltern tun, wenn das Kind zu Hause nichts mehr erzählt?

Da empfehle ich zwei Dinge. Erstens: Sie erzählen von sich. Das Kind soll im Gespräch selbst die Initiative ergreifen können. Erzählen Sie beispielsweise beim Ins-Bett-Bringen von Ihrem eigenen Tag, anstatt nach den Erlebnissen Ihres Kindes zu fragen. Ihr Sohn oder Ihre Tochter wird von alleine beginnen zu berichten. Zweitens: Haben Sie keine Angst vor der Stille. Nicht jeder Augenblick muss mit Kommunikation und Aktion gefüllt sein, Pausen sind gut für die Atmosphäre.

Fürchten Sie also weder Pausen noch «leere Zeit» – beides ist gut für die Entwicklung einer persönlichen Beziehung. Statistisch gesehen dienen nur etwa 30 Prozent von dem, was Eltern zu Kindern sagen, dem Kindeswohl. Die anderen 70 Prozent dienen dem eigenen Selbstbild als Mutter beziehungsweise Vater. Dieses egozentrierte Verhalten ist bis zu einem gewissen Grad in Ordnung. Man muss sich einfach bewusst sein, dass es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen gibt, und darf nicht enttäuscht sein, wenn Kinder dann nicht so reagieren, als wäre alles, was wir ihnen zu geben versuchen, aus purem Gold. Oder anders gesagt: Kinder sollen auch mal ungehorsam sein dürfen. Das ist normal – in allen Ländern und Kulturen der Welt.
 
Jesper Juul, dänischer Familientherapeut und Bestsellerautor

12. Familientherapeuten raten gerne zu mehr Gelassenheit. Wie schaffen Eltern das?

Indem sie sich so annehmen, wie sie sind, mit allen Ecken und Kanten. Fehler machen ist erlaubt. Kindern schaden diese Fehler nicht, solange die Eltern dafür die Verantwortung übernehmen. Das ist aber einfacher gesagt als getan – weil unsere Gesellschaft so aufgebaut ist, dass Fehler machen unerwünscht ist. Eine Person, die ein gesundes Selbstwertgefühl hat, kann viel gelassener mit herausfordernden Situationen im Leben umgehen. Leider wird diesem Selbstwertgefühl in unserer Gesellschaft
nicht viel Sorge getragen.
 
Caroline Märki, Elterncoach und Familienberaterin bei FamilyLab
«Einen Geschwisterstreit fair
zu schlichten, ist oft unmöglich. Wichtiger ist es, ihn angemessen zu beenden.»
Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin

13. Wie spricht man mit seinen Kindern über die Not und das Elend auf der Welt?

Kinder bekommen heute schon sehr früh viel vom Weltgeschehen mit – über digitale Geräte, über Zeitungen, Radio oder Fernsehen. Dabei erfahren sie oft mehr, als gut für sie ist. Verhindern kann man das als Eltern kaum. Eltern sollten sich aber dafür interessieren, was ihr Kind umtreibt, und nachfragen. Kinder brauchen Begleitung, oft auch erklärende Hinweise von Papa oder Mama, damit sie verstehen, was sie sehen oder hören. Viele Themen wie Tierquälerei, Krieg, Krankheit oder Armut sind gerade für jüngere Kinder emotional schwer zu verdauen.

Ebenso wichtig ist es, die individuelle Sensibilität des Kindes zu berücksichtigen. Was für das eine Kind problemlos verdaubar ist, kann bei einem anderen Angst auslösen. Manche Kinder geben sich betont cool und ungerührt angesichts des Elends und Schreckens in der Welt – dies kann aber auch ein psychischer Schutz sein. Kinder zeigen sich oft betroffener, wenn etwas Schlimmes auch sie selbst betreffen könnte, wie zum Beispiel Naturkatastrophen, ein Brand oder ein Einbruch.
 
Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin
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14. Wie können Eltern mit den Kindern über Gott reden, wenn sie nicht religiös sind?

Eltern können durchaus über Gott reden und gleichzeitig dazu stehen, dass sie sich nicht sicher sind, ob es ihn wirklich gibt. Je offener Eltern sich dieser Thematik stellen, desto freier kann sich ihr Kind eine eigene Meinung bilden und sich für seinen eigenen Glauben entscheiden. Meist wird das Kind den Glauben oder Nichtglauben seiner Eltern übernehmen. Dennoch sollte es die Möglichkeit haben, selber zu entscheiden, wie es über Gott denkt. Dafür sollte es auch die Erfahrung machen können, einen Gottesdienst zu besuchen oder zu beten.

Irgendwann wird es die Eltern auch mit Fragen über den Tod und das, was danach ist oder sein könnte, konfrontieren. Statt gleich die eigene Meinung preiszugeben, könnten Eltern ihre Kinder erst einmal nach deren Vorstellungen fragen. Erwachsene sind oft überrascht, welche philosophischen Gespräche sich daraus ergeben können. Grundsätzlich ist die Diskussionslust bei Kindern und Jugendlichen sehr gross, wenn es um diese Themen geht – sie sind sehr offen, interessiert und auch kritisch. Kinder gehen die Sache oft sehr viel spielerischer und entspannter an als Erwachsene und haben es deshalb verdient, dass wir uns mit ihnen darüber auseinandersetzen.
 
Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin

15. Wie lernen Kinder den Umgang mit Geld?

Indem sie Sackgeld bekommen, und zwar in bar. Viele Kinder kommen kaum noch mit Bargeld in Berührung. Sie sehen, dass die Eltern alles mit Karte oder mit Paypal bezahlen, und können so kein Gefühl dafür entwickeln, dass Geld endlich ist und man für grössere Investitionen sparen muss. Wenn Kinder ihr Sparziel erreicht haben, schlage ich vor, dass sie das Sparschwein physisch zur Bank bringen oder das Gewünschte bar bezahlen – nur so entsteht wirklich eine Verbindung im Kopf.
 
Natascha Wegelin, Unternehmerin und Bloggerin

1 Kommentar

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Von Stefanie am 15.07.2019 22:27

Bezüglich der Frage Nr. 22 "grösster Erziehungsfehler" habe ich einen Einwand:
Herr Ramming schreibt, dass "die Eltern nicht über Veränderungen an diesem System nachdenken und dies bei den Kindern Angst und Ohnmacht auslöst und somit zum Schreien beginnen".
Es ist nicht ein Fehler der Erziehung der Eltern, sondern ein Fehler der Gesellschaft und der fehlenden Unterstützung von Seiten des Staates. Auf den Schultern der Eltern lastet viel Druck: Geld verdienen, Arbeiten müssen, die Bedürfnisse des Kindes erfüllen.... Dies meist ohne grosse Unterstützung (finanziell durch Elterngeld beispielsweise, fehlende Grossfamilie, fehlende Anerkennung, fehlende Unterstützung durch den Arbeitgeber etc).
Als Eltern sieht man das Kind sehr wohl schreien und keine Mutter und kein Vater möchte dies! Alle Eltern würden ihr Verhalten (z.B. der Stress in der Früh) gerne ändern, aber der Druck ist doch viel grösser! Zudem muss sich das Kind schon früh (ab Krippenalter) den äusseren Rahmen anpassen: Ein Morgenkreis in der Krippe beginnt morgens um 9.00 Uhr. D.h. dass das Kind um 7.15 Uhr spätestens aufstehen muss.

Ich glaube, dass der grösste Erziehungsfehler der Eltern ist, alles perfekt machen zu wollen und die eigenen Bedürfnisse zu vergessen.

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