Elternbildung
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Welches sind die Folgen für das benachteiligte Kind?

Das ist sehr unterschiedlich. Haben Kinder dauerhaft das Gefühl, nicht gemocht zu werden, kann das zu persönlichen Problemen führen, zu Minderwertigkeitskomplexen, in schweren Fällen zu Depression, Rückzug, psychosomatischen Beschwerden und Aggressivität. Andererseits haben Kinder Verständnis für Ungleichbehandlungen, solange diese sachlich erklärt werden und für sie verständlich sind, beispielsweise mit dem Altersunterschied oder einer Krankheit, unter welcher das Geschwister leidet. So gibt es Menschen, die als Kinder benachteiligt worden sind und damit umgehen können. Oder sie nehmen im Erwachsenenalter eine psychologische Beratung in Anspruch und klären das für sich. Oftmals können sie dann verstehen, warum die Eltern so gehandelt haben, und ihnen auch ein Stück weit verzeihen.

Das wäre der Optimalfall.

Das stimmt. Es gibt aber auch Menschen, die ihr ganzes Leben unter dieser Benachteiligung leiden. Im Extremfall kämpfen sie gegen die ganze Welt, indem sie die Ablehnung, die sie erlebt haben, auf alle anderen übertragen. Manche Betroffene sind nur am Jammern, sehen sich ständig als Opfer oder ziehen sich zurück. Sie tragen eine Art Brille mit einer starken Trübung – diese weicht massiv von der Realität ab. 

Was macht das mit dem Geschwister­verhältnis?

Eine andauernde Vorzugsbehandlung eines Kindes kann die Geschwisterbeziehung massgeblich und schwerwiegend beeinträchtigen: Von spitzen Bemerkungen über permanente Konkurrenz und Eifersucht bis zu jahrelangem oder lebenslänglichem Kontaktabbruch zwischen Geschwistern finden sich unzählige Varianten und Entwicklungen. Manche Betroffene, Bevorzugte und Benachteiligte, können das Erlebte aber auch später mit ihren Geschwistern thematisieren, sich darüber austauschen und hinterher besser verstehen, warum die Eltern so reagiert haben.

Ab einem gewissen Alter kann man seinen Geschwistern aus dem Weg gehen.

Das können Sie schon, aber Ihren Geschwisterkonflikt nehmen Sie mit. Solange Sie nichts dagegen unternehmen, beschäftigt Sie das weiterhin unterbewusst. Und spätestens wenn die Eltern Hilfe brauchen oder sterben, müssen sich die Geschwister wieder zusammensetzen und dann werden die alten, ungelösten Konflikte wie auf Knopfdruck wieder aktualisiert.
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«Wer als Kind bevorzugt wurde, denkt, die ganze Welt richtet sich nur nach ihm.»
Jürg Frick, Psychologe.

Gibt es auch Nachteile für das bevorzugte Kind?

Oh ja. Derjenige, der immer bevorzugt wird, lernt: Er ist der Privilegierte. Er erwartet diese Vorzugsbehandlung später auch in Beziehungen, Partnerschaft, im Beruf usw. im Sinne von: Die Welt richtet sich nach meinen Wünschen und Vorstellungen. Das schafft für ihn Probleme, er wird korrumpiert. Das ist später ein Nachteil, denn in der Regel tanzt eben nicht die ganze Welt nach meinen Vorstellungen. Oft haben diese Menschen eine grosse Unempfindlichkeit gegenüber Ungerechtigkeiten. Es geht bis zu narzisstischen Selbstüberhöhungen mit egomanen Vorstellungen.

Und im Kindesalter?

Es kommt darauf an. Es gibt Kinder, die diese Vorzugsbehandlung als unangenehm empfinden, weil sie dadurch auch Nachteile haben: Die Geschwister bilden Koalitionen gegen Mamis oder Papis Liebling. Jeder Fall ist individuell gelagert, aber in der Regel zahlt das ständig bevorzugte Kind später einen hohen Preis.

Sie machen einen grossen Unterschied zwischen gleicher und fairer Behandlung von Kindern. Was heisst das?

Nach der Vorstellung vieler Eltern und auch Lehrpersonen behandelt man Kinder gerecht, wenn man alle gleich behandelt. Aber dem ist nicht so. Man muss Kinder nicht gleich behandeln, sondern ihnen das geben, was sie brauchen. So behandelt man seine Kinder altersgerecht und fair.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir das engste Beispiel: Zwillinge. Der eine sagt beim Mittagessen: «Ich möchte nichts mehr essen.» Der andere hat noch Hunger. Dann isst der Hungrige eben weiter und sein satter Bruder leistet ihm Gesellschaft oder geht spielen. Aber ich koche als Vater oder Mutter für denjenigen, der meint, er sei satt, nicht 15 Minuten später ein neues Menü. Eltern sollen mehr von dem ausgehen, was ihre Kinder brauchen. Sie sollten primär von ihren Bedürfnissen ausgehen, nicht einfach nur von ihren Wünschen.

Was beim Nachwuchs oft Wut auslöst.

Eine natürliche Reaktion: «Du bist gemein», «du blödes Mami», «du hast mich nicht gern, sonst dürfte ich auch» ... Jetzt ist die Frage: Wie stabil bin ich als Mutter oder als Vater, komme ich innerlich in Aufruhr? Oder halte ich das aus und kann ruhig sagen: «Wie kommst du darauf ? Das ist gar nicht möglich, dass ich dich nicht gern habe. Ich habe dich gern.» Oder reagiere ich verunsichert und frage mich, ob ich überhaupt eine gute Mutter, ein guter Vater bin? Eltern müssen so etwas aushalten können. Dies ist für beide Seiten ein Konfliktlösungstraining! 

Ergänzen Sie für uns doch bitte folgenden Satz: Kinder brauchen Eltern, die ...

... Zeit haben und die ihre Kinder ermutigen, ihnen etwas zutrauen, sie unterstützen, und zwar nicht nur finanziell. Sie brauchen Eltern, die zuhören, mit ihnen etwas unternehmen und sich auch für ihre Probleme Zeit nehmen. Wissen Sie, es ist mir sehr wichtig, dass wir das Thema «Lieblingskind» moralfrei und ohne Schuldzuweisungen anschauen und nach einer pragmatischen Lösung suchen. Eltern sollten sich viel mehr anderen Eltern gegenüber öffnen und sich über ihre Probleme und Unsicherheiten austauschen. Dann wäre vielen geholfen.

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