Elternbildung
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Und wenn Eltern ein Kind lieber haben oder eines gar ablehnen?

Dann ist das natürlich ein Problem. Das Kind bekommt nicht das, was es braucht, dass man es akzeptiert und gern hat. Die grosse Aufgabe für Eltern ist in dem Fall, sich dies bewusst zu machen und ihre Gefüh­le nicht zu verdrängen – und sich vielmehr zu fragen, warum man sich einem Kind weniger nah fühlt als dem anderen und was das mit einem selbst zu tun hat. Und sie sollten unbedingt versuchen, auch einen Zugang zu diesem Kind zu finden. Entscheidend ist weniger die Frage, ob man diese Gefühle hat, sondern wie man mit ihnen umgeht und dar­an arbeitet.

Und wenn diese Gefühle anhaltend sind? Soll ich mit meinen Kindern darüber sprechen?

Ich halte es für sinnvoll, erst einmal selbst über die Bücher zu gehen und sich gegebenenfalls professionelle Hilfe zu holen. Das Kind versteht ja nicht, wenn ich sage: «Ich ärgere mich über dich, weil du mich an deine Grossmutter erinnerst, die hatte auch nie die nötige Geduld, etwas zu Ende zu bringen.» Besser wäre: «Ich merke, ich habe mich gestern nicht fair verhalten, aber das hat nichts mit dir zu tun.»

Eine Freundin hat mir einmal erzählt, dass sie ihre beiden Kinder liebe, sich aber ihrer älteren Tochter etwas näher fühle als der jüngeren. Die Grosse sei ihr vom Wesen ähnlicher. Um nicht unge­recht zu werden, führe sie deshalb eine Art innere Buchhaltung: Hat gestern die Grosse die Kerze vor dem Abendessen anzünden dürfen, ist heute die Kleine dran.

Ich finde es sehr gut, dass Ihre Freundin so bewusst mit dem Thema umgeht.

Aber Kinder haben feine Antennen für Vorlieben und Ungerechtigkeiten, spü­ren sie diese Gefühle nicht trotzdem?

Mitunter schon, ja. Kinder «lesen» auf einer intuitiv-vorbewussten Ebene die Gefühle der Eltern, die Mimik und Gestik der Elternteile jedem einzelnen Kind gegenüber – und sie ziehen daraus ihre persönlichen Schlüsse. Für die Auswirkungen auf das kindliche Fühlen, Denken und Handeln spielt es eine geringere Rolle, ob die Mutter oder der Vater das Geschwister tatsächlich vorgezogen hat. Entscheidend ist, wie das Kind das Ganze wahrnimmt. Mit anderen Worten: manchmal haben Kinder das Gefühl, etwas zu spüren, was dann gar nicht so ist.
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Kinder beklagen sich häufig: «Du hast mich nicht lieb, sonst dürfte ich dieses oder jenes ... der andere durfte es auch.»

Kinder schliessen aus der Erziehungshaltung der Eltern, dass man sie nicht gern hat. Aber natürlich sind klare Bevorzugungen beziehungsweise Benachteiligungen ein Problem.

Wie reagiert man auf solche kindlichen Vorwürfe?

Das hängt vom Alter des Kindes und vom Kontext ab. Und natürlich von den eigenen Gefühlen. Man könnte zum Beispiel fragen: «Wie kommst du darauf ?» Dann antwortet das Kind wahrscheinlich so etwas wie: «Weil ich das nicht bekomme.» Oder: «Weil ich jetzt schon ins Bett muss und der/die andere nicht.» Dann würde ich entgegnen: «Ja natürlich, du bist auch jünger. Als deine Geschwister so alt waren, mussten sie auch früher ins Bett. Und ich habe dich lieb.»

Gesetzt den Fall, das Kind irrt sich nicht. Kann der andere Elternteil dies auffangen?

Ja, das geht ein Stück weit. Wenn derjenige sich nicht vom Kind ausspielen lässt, sondern versucht, ihm den Standpunkt des anderen Elternteils verständlich zu machen: «Ja weisst du, Mama hat dich lieb, aber sie hatte es gerade eilig ...» Wichtig ist auch, dieses Kind zu bestärken, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass man es mag, stolz auf es ist. Besonders tragisch wird es, wenn beide Elternteile das Kind ablehnen, es zum Sündenbock abstempeln, dann wird es nicht selten zu dem, was in es hineinprojiziert worden ist: Es wird schliesslich launisch, aggressiv, frech und überempfindlich.
Jürg Frick forscht seit Jahren zum Thema Geschwisterbeziehung.
Jürg Frick forscht seit Jahren zum Thema Geschwisterbeziehung.

Ist es eher der Erstgeborene, der von den Eltern bevorzugt wird, oder doch das Nesthäkchen? Und was ist mit dem Sandwichkind?

In unseren Breitengraden spielt diesbezüglich die Geschwisterfolge oder das Geschlecht keine entscheidende Rolle mehr. Anders ist das in patriarchalisch geprägten Gesellschaften. Dort geniesst der männliche Stammhalter in der Familie noch immer einen Sonderstatus. Ebenso wenig kann man sagen, ob es eher Mütter oder Väter sind, die ein Kind dem anderen vorziehen. Präferenzen hängen vielmehr von den biografischen Erfahrungen ab, die Eltern im Laufe ihres Lebens machen.

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