Elternbildung

«Herr Frick, gibt es das typische Lieblingskind?»

Das eine Kind den anderen vorzuziehen, ist für Mütter und Väter ein Tabu. Trotzdem kommt es sehr oft vor, sagt Jürg Frick. Der Psychologe über Lieblingskinder, zu hohe Ansprüche an die Elternschaft und ungeklärte Konflikte aus der eigenen Kindheit. 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Roshan Adhihetty / 13 Photo
Ein kalter Wintertag in Uerikon ZH. «Es ist gleich da vorne», sagt Jürg Frick und zeigt auf einen weissen Neubau. Dort angekommen, schliesst der Psychologe seine Haustür auf, führt Redaktorin und Fotografen die Treppe hinauf und durch die grosse Stube in sein Behandlungszimmer, wo er normalerweise seine Patienten empfängt. Heute erzählt er uns hier über seine Erkenntnisse aus der Geschwisterforschung.

Herr Frick, Eltern haben ihre Kinder alle gleich lieb, oder?

Das ist der Anspruch aller Eltern – die Realität sieht oft anders aus. 

Eine überraschende These.

Die von Studien belegt wird. Ein Kind steht Mutter oder Vater meist – oder zumindest vorübergehend – näher als das andere. Kinder sind individuelle Persönlichkeiten mit einer breiten Palette von Eigenschaf­ten, Verhaltensweisen, Neigungen und einem charakteristischen, unverwechselbaren Aussehen. Und all das trifft auf die unbewussten Erwartungen, Vorlieben, Abneigun­gen und Erfahrungen der Eltern. Die Tochter zum Beispiel verhält sich ähnlich wie die geliebte Mutter, während der Sohn dem verhassten Vater ähnelt. Durch solche Assoziationen lösen Kinder unbewusst starke Projektionen, Gefühle und Wünsche auf die vorgeprägten Eltern aus.
Zur Person: Jürg Frick ist Psychologe und Buchautor. Zwischen 2002 und 2016 war er Berater und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), seit 2017 ist er als freier Mitarbeiter tätig. Jürg Frick führt eine psychologische Praxis in Uerikon ZH.
Zur Person: Jürg Frick ist Psychologe und Buchautor. Zwischen 2002 und 2016 war er Berater und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), seit 2017 ist er als freier Mitarbeiter tätig. Jürg Frick führt eine psychologische Praxis in Uerikon ZH.

Gibt es das typische Lieblingskind?

Eltern bringen in der Regel für die­jenigen Kinder am meisten Sympa­thie auf, die ihnen am ähnlichsten sind. Aber nicht nur! Familienkon­stellationen sind immer ein kom­plexes Konstrukt, und es gilt genau hinzuschauen, wie die mütterliche und die väterliche Seite dort hinein­ spielen.
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Offen zuzugeben, dass man ein Kind lieber hat, gehört zu den Tabus des Elternseins.

Richtig. Und hängt mit der Vorstel­lung zusammen, dass Eltern immer gerecht und fair sein sollen, sonst ist man keine gute Mutter beziehungs­weise kein guter Vater. Aber sich immer in dieser Weise zu verhalten, ist schlicht unmöglich. Wenn man sich dennoch an diesem Anspruch misst, bekommt man schnell einmal Schuldgefühle.

In früheren Zeiten hat es doch viele Vernachlässigungen gegeben, beispielsweise weil man sich anstatt eines Mädchens einen Jungen als Stammhalter gewünscht hatte.

Und dorthin will keiner zurück. Mir geht es vielmehr um die Überhöhung der Elternschaft, die zu hohen Per­fektionsansprüche. Heutzutage muss ich meine Kinder permanent lieben, alle gleich behandeln, Zeit haben für sie und sie optimal fördern, und das alles 24 Stunden am Tag.

Eltern, die mehrere Kinder haben, wissen, wie schwer es ist, auf alle immer gleich stark einzugehen.

Ja, aber es ist gar nicht nötig und auch nicht möglich, diesen Anspruch zu erfüllen! Wenn man das machen würde, würde man dem Kind bei­bringen: alle meine Wünsche und Bedürfnisse werden immer sofort erfüllt! Das ist nicht sinnvoll. Natür­lich, je jünger ein Kind ist, desto eher muss man zeitnah seine Bedürfnisse befriedigen. Eine 2­-Jährige kann sich morgens ihr Konfibrot nicht selbst schmieren, eine 6­-Jährige schon. 
«Bevorzu­gungs-­ und Ablehnungsprozesse geschehen unbewusst.»
Jürg Frick, Psychologe.

Wie sehr schaden Eltern ihrem Kind, wenn sie das Geschwister vorziehen? 

Erst einmal: bewusste Benachteili­gungen sind sehr selten. Bevorzu­gungs-­ und Ablehnungsprozesse laufen in der Regel unbewusst ab. Nun kommt es darauf an, wie inten­siv meine Gefühle als Mutter bezie­hungsweise Vater sind, wie sehr sie mehr Probleme und dann wieder mit dem anderen – oder nur in bestimm­ten Situationen. Das ist ganz normal und erst einmal kein Grund zur Beunruhigung.

Online-Dossier Geschwister: 

Lesen Sie in unserem Dossier, ob Geschwister wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind, fünf Mythen über Geschwister und wie man mit dauerndem Streit zwischen Bruder und Schwester umgehen kann.

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