Philosophin Barbara Bleisch
Elternbildung

«Frau Bleisch, ist es ethisch noch vertretbar Kinder in die Welt zu setzen?»

Die Philosophin Barbara Bleisch sagt, dass die Entscheidung für ein Kind eine der existenziellsten ist, die wir heute noch treffen können. Ein Gespräch über die Unumkehrbarkeit des Elternseins, das Recht auf eine offene Zukunft und die Frage, ob sich die Klimajugend überhaupt noch Kinder wünscht.
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Silvan Fessler / Ex-Press
Barbara Bleisch ist eine viel beschäftigte Frau, das merkt schnell, wer die Philosophin und TV-Moderatorin für ein Interview anfragt. Im August 2018 haben wir ihr die erste Mail geschrieben. «Sehr gerne!», antwortete Frau Bleisch und es folgten zahlreiche weitere Mails, in denen man irgendwann übereinkam, dass die Erscheinung ihres neuen Buches «Kinder wollen» ein guter Zeitpunkt wäre, um sich zu treffen. 27 Monate und 45 Mails später sitzt man sich endlich gegenüber und merkt ebenfalls bald: Barbara Bleisch ist sehr unkompliziert und umgänglich.

Frau Bleisch, warum entscheiden wir uns dafür, Kinder zu bekommen?

Das ist eine schwierige Frage. Die meisten, die Kinder haben, könnten darauf keine Antwort geben. Viele würden wohl sagen, sie hätten ein­fach den Wunsch nach einem Kind verspürt. Einige sehnen sich nach der spezifischen Lebensform, die Elternschaft mit sich bringt. Andere möch­ten für ein Wesen Verantwortung übernehmen, eigene Ideen und Werte weitergeben oder einen klei­nen Menschen bedingungslos lieben und auch von ihm geliebt werden. Der Kinderwunsch gleicht einer Ge­mengelage aus gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen, bio­logischen Ursachen, innigen Sehn­süchten und Vorstellungen vom geglückten Leben. Ihn auf den Fort­pflanzungstrieb zu reduzieren, ist nicht plausibel.

Aus welchem Grund?

Zu behaupten, der Kinderwunsch gleiche einer biologischen Notwen­digkeit und seine Erfüllung sei deshalb «natürlich», würde bedeu­ten, dass diejenigen Menschen, die diesen Wunsch nicht verspüren, irgendwie defizitär sind. Ausserdem würde man mit einem solchen Bio­logismus das Kinderbekommen in die Nähe des Sexualtriebs rücken. Wir können heute Sexualität aber unabhängig von der Frage der Zeu­gung leben. Ausserdem ist es mög­ lich, sich auch von «naturwüchsi­gen» Sehnsüchten zu distanzieren und anderen Wünschen den Vor­rang zu geben, beispielsweise den beruflichen.
Barbara Bleisch hat Philosophie studiert und am Ethik-Zentrum der Universität Zürich promoviert. Sie moderiert die Sternstunde Philosophie (SRF), ist Kolumnistin beim Tages-Anzeiger, schreibt Bücher und ist Dozentin für Ethik.
Barbara Bleisch hat Philosophie studiert und am Ethik-Zentrum der Universität Zürich promoviert. Sie moderiert die Sternstunde Philosophie (SRF), ist Kolumnistin beim Tages-Anzeiger, schreibt Bücher und ist Dozentin für Ethik.

Was unterscheidet denn das Elternwerden von anderen grossen «Lebensprojekten»?

Die Entscheidung für Kinder ist wohl eine der existenziellsten, die man treffen kann. Sie ist unumkehr­bar: Eltern bleibt man ein Leben lang. Und sie ist exklusiv: Nur ein bisschen Vater oder Mutter sein ist meist nicht möglich, vielmehr wird man zur ersten Ansprechperson für das Kind. Ausserdem betritt man unbekanntes Terrain: Man weiss nicht, wie das eigene Kind sein wird, man kann weder sein Temperament vorwegnehmen noch wissen, ob es vielleicht einmal auf Abwege gerät. Mit dem Bekenntnis zu einem Kind setzt man sich einer grossen eigenen Verletzlichkeit aus.
Anzeige

Ausserdem weiss man nicht, wie man sich selbst verändert.

Richtig. Viele sagen, dass sie, als sie Eltern wurden, selber neu geboren wurden. Tatsächlich ist Elternsein eine andere soziale Daseinsform. Elternschaft ist viel­ leicht sogar eines der grössten Abenteuer, auf das wir uns in unserer abgesicherten, durchorganisierten Welt noch einlassen können.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.