Elternbildung

Wenn die Ehe einengt: Das verflixte siebte Jahr

Müssen Mütter und Väter ihre Träume aufgeben, um voll für die Familie 
da sein zu können? Nein – im Gegenteil.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ein Mutter fragt:

Ich bin 33 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern, 4 und 6 Jahre alt. Für meinen Mann und mich stehen die Kinder an erster Stelle, weil wir sie optimal und liebevoll in ihrem Heranwachsen begleiten ­wollen. Wir sind keine perfekten Eltern, wir machen Fehler, aber wir machen uns auch viele Gedanken, wie es für unsere Kinder am besten ist.

Seit Kurzem besucht unser jüngster Sohn den Kindergarten. Wir merkten, dass wir dadurch wieder etwas mehr Zeit für uns als Paar haben. Ich überlege mir, mein Studium wieder aufzunehmen. Ich freue mich auf diese Zeit und bin froh, dass die Babyjahre vorüber sind und ich wieder mehr Freiheit habe.

Vor ein paar Tagen hat mir mein Mann mitgeteilt, dass es ihm nicht gut geht. Er vermisst das Leben, wie es früher war, ohne Kinder. Klar, unser Alltag ist immer gleich, viel Routine und viel Anpassung wegen unserer Kinder. Er fragt sich, wie das weitergehen wird. Er sieht keine Möglichkeit, das, was wir früher hatten, mit unserem jetzigen Familienleben zu vereinbaren.
Ist es normal, wie sich mein Mann fühlt? Angekettet und eingesperrt?
Mich verletzt seine Aussage und ich suche den Fehler auch bei mir, weil ich ihm vielleicht keine gute Ehefrau war. Ich zweifle an seiner Liebe zu mir.

Diese Gedanken gehen mir nicht mehr aus dem Kopf und ich überlege, ob es nicht besser wäre, wenn wir uns trennen würden. Als mein Mann bemerkte, dass ich leide, sagte er, dass es ihm wieder besser gehe und dass er mich immer noch liebe und alles tun würde, um unseren Kindern eine glückliche Kindheit zu ermöglichen.

Ich habe Angst vor der Ungewissheit. Ich habe nicht bemerkt, dass es meinem Mann nicht gut ging. Wie wird es in fünf Jahren sein? Ist es normal, wie sich mein Mann fühlt, angekettet und eingesperrt? Gibt es eine Alternative zur Trennung?

Jesper Juul antwortet:

Was Ihr Mann ausdrückt, ist nicht ungewöhnlich. Es ist vergleichbar mit Ihren Gefühlen und dem, wie Sie Ihr Leben im Moment erfahren. Der Unterschied ist, dass Sie kons­truktiv und optimistisch vorgehen, wenn Sie etwa wieder studieren ­wollen – und er pessimistisch denkt und nur Hindernisse sieht.

Meiner Ansicht nach befinden Sie sich, wie manche Familientherapeuten es ausdrücken, in der ersten «Siebenjahreskrise». Wenn Ihre Beziehung lange genug dauert, werden Sie demnach drei grosse Krisen im Abstand von sieben Jahren erleben.

Die Inhalte dieser Krisen sind unterschiedlicher Natur. Bei der ersten geht es um die Erfahrung der eingeschlichenen Routine und die daraus resultierende Unzufriedenheit. Viele Paare erfahren zu dieser Zeit ein Abkühlen des erotischen Aspekts, der manchmal kleinere oder grössere Machtkämpfe auslöst. Als Folge davon gewinnt das Leben ausserhalb der Familie an Priorität oder einer der Partner verwickelt sich in eine Affäre. Sie beide können sich glücklich schätzen, dass Ihr Mann die Worte und den Mut findet, direkt mit Ihnen zu sprechen.

Die erste «Siebenjahreskrise» findet paradoxerweise ihren Ursprung in der Liebe: Je mehr wir einander lieben, desto mehr sagen wir Ja zueinander. Wir geben alles für die Gemeinschaft, für die Erwartungen des anderen, seine oder ihre Träume und Wünsche. Das bringt mit sich, dass wir immer weniger Ja zu uns als Individuum sagen und demzufolge weniger Nein zum anderen.

Stattdessen fügen wir uns den Regeln der Gemeinschaft. So verwickeln wir uns immer mehr ineinander und müssen uns deshalb wieder voneinander lösen – wenn wir eine Trennung vermeiden möchten.

Befreiung von der Selbstzensur

Dieser Loslösungsprozess dauert in der Regel ein bis zwei Jahre und bedarf einiger ehrlicher, neugieriger, erforschender Gespräche und individueller Reflexion. Dabei sollten sich beide gemeinsam und einzeln helfen, ihre momentane Frustration zu artikulieren und ihre Wünsche für die nächsten zehn Jahre zu definieren.

Viele Paare erleben diesen Prozess als emotionale, herausfordernde Reise, durchaus mit Tränen und Wut. Denn dabei wird ihnen klar, wie viele Kompromisse sie die letzten Jahre eingegangen sind und welche «Geschenke» sie einander gemacht haben – in der stillen Erwartung, diese in gleicher Währung zurückzubekommen.

Während dieser Unterhaltungen ist es wichtig, seine eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume offen auf den Tisch zu legen. Das wird helfen, sie von der Selbstzensur zu befreien. Man sollte bedenken, dass die Individualität des anderen keine Bedrohung für die Familie und Partnerschaft darstellt!

Im Gegenteil: Das Interesse an individuellen Bedürfnissen und Träumen ist die beste Garantie dafür, dass die Familie als starke Einheit überlebt. Das gilt auch für die Individualität der Kinder.
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Soll es so bleiben?

Ich erinnere mich an ein Paar, bei dem der Mann ein Jahr brauchte, um seiner Frau zu gestehen, dass er am liebsten wieder zurück zur Arbeit wollte, sobald er zu Hause ankam. Er schämte sich für seine Gefühle, weil er dachte, es seien «Anti-Familien-Gefühle». Er wollte um nichts in der Welt seine Familie verletzen.

Er begann, über seine Wünsche zu sprechen, die er für seine Familie aufgegeben hatte. Er erinnerte sich an Zeiten, in denen er ein Wochenende auf dem Motorrad verbrachte oder zweimal die Woche mit Freunden Tennis spielte.

Dabei sah er seine Frau an und meinte: «Das ist mit zwei Kindern unmöglich.» Sie blickte ihn liebevoll an und antwortete: «Aber das war doch der Mann, in den ich mich verliebt hatte.» Das hat ihn aus seinem selbstgebauten Gefängnis befreit und schliesslich auch die Beziehung gerettet. Kinder fordern eine Menge Aufmerksamkeit – aber glücklicherweise brauchen sie nicht so viel, wie sie fordern.
Das Beste was Sie für Ihre Kinder tun können, ist sich bestmöglich um sich selbst und um ihre Ehe zu kümmern.
Das Beste, was Sie und Ihr Partner von nun an für Ihre Kinder tun können, ist, sich bestmöglich um sich selbst und Ihre Ehe zu kümmern – jeder für sich und beide gemeinsam. So meistern Sie die erste Hürde in einer guten Atmosphäre und sind bereit für die nächste.

An diesem Punkt können Sie beide beginnen, Ihr Leben zu betrachten, und sich die Frage stellen: Wollen wir es so bis zum Ende unserer Tage? Ist das der Mann, die Frau, mit dem oder der ich alt werden möchte? Werde ich die nächsten 20 Jahre den gleichen Job haben? 

Wenn die Zeit gekommen ist, die Kinder aus dem Haus sind und 80 Prozent der Aufmerksamkeit, die den Kindern gegolten hat, plötzlich frei werden, was werden wir damit anfangen, ausser uns auf Enkelkinder zu ­freuen?

Jesper Juul: 

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer des Beratungsnetzwerks familylab und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») war zweimal verheiratet. Er hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Jesper Juul starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark.

Die Kolumnen von Jesper Juul entstehen in Zusammenarbeit mit familylab.ch

Mehr von Jesper Juul: 

  • Warum Kinder oft nicht machen, was wir wollen – und warum wir ihnen dann Zeit geben sollten. Machen Sie mal Pause 
  • Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen.Liebe Eltern, denkt mehr an euch!
  • Lesen Sie unser grosses Exklusivinterview mit Jesper Juul. Mit uns sprach er über seine Kindheit, seine Arbeit nach dem Schickssalschlag und erklärt, wer die wahren Pädagogik-Experten sind.

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