Eltern sollten sich am Kind orientieren
Elternbildung

Bedürfnisorientiert erziehen, aber wie?

Eltern sollten sich am Kind orientieren – nicht an den eigenen Vorstellungen. Doch wie geht bedürfnisorientierte Erziehung im Familienalltag? Und wie bleiben dabei die eigenen Bedürfnisse nicht auf der Strecke? 
Text: Kristina Reiss
Bilder: Catherine Falls
Ein durchschnittlicher Abend: Die Eltern räumen den Tisch vom Znacht ab, die Kinder machen Anstalten, sich zu verkrümeln. «Äh, helft ihr bitte?! », sagt die Mutter mit vorwurfsvollem Unterton. «Ich muss meine Fussballkarten sortieren», nuschelt der Achtjährige und verschwindet. «Ich will noch Paula anrufen», sagt die Elfjährige, und weg ist sie. Mutter und Vater verdrehen entnervt die Augen; jeden Tag das Gleiche. 

6 Tipps für die bedürfnisorientierte Erziehung


«Recherchierst du nicht gerade zu bedürfnisorientierter Erziehung?», fragt der Mann. «Tischabräumen gehört wohl nicht zu den Bedürfnissen unserer Kinder. » Tatsächlich, hier liegt es, das neue Buch der Berliner Pädagogin Susanne Mierau: «Frei und unverbogen: Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen». Unser Bild von Erziehung und Kindheit wurde von Generation zu Generation weitergereicht und dabei viel zu wenig hinterfragt, schreibt Mierau. Wir brauchen keine angepassten, folgsamen Kinder mehr, sondern flexible, kreative und global denkende, die mit den Anforderungen der Zukunft umgehen können. Deshalb müssen wir sie künftig anders begleiten. Mhmm, leuchtet ein. Auch der Satz «Viele Probleme ergeben sich, weil wir unsere Kinder nicht wirklich sehen und verstehen, sondern nur unseren Vorstellungen davon, wie ein Kind sein soll, nachgehen», klingt in der Theorie nachvollziehbar.

Alte Muster halten sich hartnäckig

In der Praxis stehen Eltern oft vor einem Dilemma: Sie wissen zwar, was sie sollen, fallen in Stresssituationen aber in Muster zurück, die sie überwunden glaubten – arbeiten mit Angst («Wenn du deine Zähne nicht putzt, muss der Zahnarzt bohren»), drohen mit Entzug von Liebe («In dein Zimmer, sofort!»), flunkern oder tricksen womöglich («Das darfst du nicht essen, da ist Alkohol drin»). Der Ausweg? «Statt auf alte Erziehungsmethoden zurückzugreifen, sollten wir lieber auf Beziehung setzen», findet Mierau: Das Kind bedingungslos annehmen, wie es ist, und keine Erwartungen haben, wie es sein soll. Kurz: bedürfnisorientiert erziehen. 

Der Ansatz leuchtet bei Babys und Kleinkindern ein, schliesslich sind deren Bedürfnisse von existenzieller Natur (hungrig, müde, volle Windel) und lassen sich in der Regel schnell befriedigen. Wie aber verhält Das entscheidest du selbst Eltern sollten sich am Kind orientieren – nicht an den eigenen Vorstellungen. Doch wie geht bedürfnisorientierte Erziehung im Familienalltag? Und wie bleiben dabei die eigenen Bedürfnisse nicht auf der Strecke? Text: Kristina Reiss es sich bei Schulkindern oder Teenagern, die offensichtlich kein Bedürfnis haben, im Haushalt mit anzupacken?

Kinder miteinbeziehen

Anruf bei der deutschen Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt, die gerade das Buch «Der Elternkompass » veröffentlicht hat, in dem sie sämtliche wissenschaftlichen Studien zum Thema Pädagogik auswertet. «Wollen wir, dass Kinder im Haushalt helfen, gilt es zunächst die Grundlagen dafür zu legen: Wir müssen ihnen Empathie beibringen, ihre Moral entwickeln und mit ihnen gemeinsam Konflikte lösen lernen», findet Schmidt. «Ups», durchzuckt es die Fragestellerin, «unsere Kinder sind augenscheinlich nicht empathisch – Erziehung missglückt.» 
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«Es reicht, die Gefühle des Kindes zu respektieren und es ernst zu nehmen»
Susanne Mierau, Psychologin 
Doch Schmidt weiss Rat: Sitzstreik! «Hilft beim Tischabräumen nächstes Mal niemand mit, setzen Sie sich einfach auf den Boden und sagen: ‹Ich kann nicht mehr!›», empfiehlt die Autorin. «Sie werden sehen, wie schnell sich Ihre Kinder dann beteiligen!» Es gehe darum, den Nachwuchs einzubeziehen, statt nur Leistung von ihm zu fordern. Bei ihren eigenen Kindern habe es geholfen, alle noch zu erledigenden Aufgaben aufzuschreiben mit dem Hinweis: «Wenn ich das alles alleine machen muss, bin ich heute Abend zu müde zum Vorlesen.» 

Ihr zehnjähriger Sohn kümmert sich übrigens selbständig um das Katzenklo – «aber nicht, weil ich gesagt habe ‹du musst›», sagt Schmidt lachend. Zum Erfolg geführt habe der Hinweis: «Schau mal, die Katze muss ganz dringend, aber ihr Klo ist so dreckig. Was meinst du, wie sie sich fühlt?» «Wow», denke ich, «das klingt gut», und erwäge für einen kurzen Moment, eine Katze anzuschaffen. Da schiebt Nicola Schmidt hinterher: «Das Ganze ist reine Übungssache! Ich kenne durchaus auch Erwachsene, die nicht von sich aus helfen – wie können wir es da von Kindern erwarten?»

Spielkonsolen wirken wie Koks

Ganz ähnlich verhält es sich beim Medienkonsum: Wenn selbst Erwachsene bis nachts um 4 Uhr vor dem Fernseher versumpfen, wie soll dann ein Kind nach 30 Minuten Spielkonsole klaglos den Absprung schaffen? «Meine Rede!», ruft Nicola Schmidt. «Diese Geräte sind wahnsinnige Dopaminschleudern – wie Koks, da kann man auch nicht einfach sagen: Hör halt auf damit!» Was tun nun aber Eltern, die bedürfnisorientiert auf ihren Achtjährigen eingehen wollen, der wiederum ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bildschirmzeit an den Tag legt? «Der Trick ist, das Bedürfnis hinter dem Wunsch ‹Ich will Tablet spielen› zu erspüren», sagt Schmidt. Dieses könnte auch lauten: «Bring mir bei, wie ich aus dieser Welt wieder rauskomme.» 
Also doch Bildschirmsperren installieren? Nein, findet die Autorin. Sonst lerne das Kind lediglich: «Das Gerät verfügt über mich», und spätestens mit 14 könne es der Nachwuchs ohnehin überlisten. Stattdessen sollten Eltern lieber mit ihren Kindern trainieren: Wie schaffe ich den Absprung aus der Onlinewelt? Gesagt, getan. Mutter setzt sich also die letzten zehn Minuten zum gamenden Sohn und fragt: «Kannst du jetzt aufhören?» – «Nein, ich muss erst noch ein Tor schiessen.» – Drei Minuten später: «Okay, aber jetzt?» – «Neeeiiinnn! Pssst, du bringst mich durcheinander!» 
Eltern sollten in ihren Wünschen eindeutig sein und die Reaktionen auf ein Nein aushalten.
Weitere fünf Minuten später loggt er sich tatsächlich aus. «Das war cool, Mama, hast du gesehen, wie ich den abgezogen habe?» – «Mhm.» – «Können wir das jetzt immer so machen?» – «Was?» – «Dass du zum Schluss zuschaust?» 

«Grenzen und Leitlinien funktionieren am besten, wenn Kinder sie nachvollziehen können und diese gemeinsam ausgehandelt sind», sagt Susanne Mierau im Skype-Gespräch. Tönt anstrengend? Die Berliner Pädagogin ist anderer Meinung: «Gelingt es uns, auf Beziehung statt auf Erziehung zu setzen, ist dies der einfachere und entspanntere Weg.» Gleichzeitig sollten Eltern in ihren Gedanken und Wünschen eindeutig sein – und notfalls die Reaktion des Kindes auf ein Nein aushalten.

«Zwischen Kindern und Eltern bleibt immer ein Machtgefälle»

Philipp Ramming ist ebenfalls ein Verfechter von klaren Ansagen. «Ein deutliches Nein ist entlastend für Kinder», sagt der führende Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe, der auch mit Familien arbeitet. «Sie brauchen diese Freiheit der gesetzten Grenzen.» Zudem sparten sich Eltern viel Zeit, wenn sie nicht stundenlang auf ihren Nachwuchs einreden müssten. Emotional sei ein klares Nein für Mutter und Vater natürlich der anstrengendere Weg. 

Doch für Ramming ist klar: «Zwischen Kindern und Eltern bleibt immer ein Machtgefälle.» Susanne Mierau wiederum plädiert dafür, den Nachwuchs auf Augenhöhe zu begleiten. Dafür müssten sich Eltern jedoch ein Stück weit von eigenen Vorstellungen und Plänen distanzieren, um wirklich im Interesse des Kindes zu handeln. Kurz: seine Gefühle berücksichtigen und es ernst nehmen. Aber auch Loslassen und auf die immer grösser werdende Eigenständigkeit des Nachwuchses vertrauen. Während ich noch überlege, wie wir das eigentlich bei unseren Kindern handhaben, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das haben wir ja auch schon gemacht! Sogar im grossen Stil! Vor zwei Jahren nämlich, als die damals Neunjährige plötzlich die Schule wechseln wollte, von der hundsgewöhnlichen, durchmischten Quartierprimarschule um die Ecke auf eine katholische Mädchenschule, fast eine Stunde mit dem Bus entfernt. «No way», dachten wir Eltern, «das sitzen wir aus, meint sie eh nicht ernst.» Doch das Kind biss sich fest. 

Lieferte in endlosen Diskussionen erstaunlich gute Argumente und debattierte wie eine Grosse. Nach «Es ist gemein, wenn ihr das entscheidet – ich muss ja zur Schule gehen» knickten wir ein. Mittlerweile besucht das Kind den Unterricht auf eigenen Wunsch wieder am Wohnort, hat die kurzen Wege zu schätzen gelernt, das viel spätere Aufstehen, die Jungs in der Klasse. «Das hätte sie auch leichter haben können», sagte neulich eine Bekannte, «eine Neunjährige kann so was doch gar nicht überblicken.» Nein, kann sie wohl nicht; Mutter und Vater allerdings auch nicht unbedingt. Was sich aber enorm gelohnt hat, war das Ausprobieren – unglaublich, was das Kind dabei alles gelernt hat. Und die Eltern erst! Dem Nachwuchs gewisse Felder zu überlassen und seinem Wunsch nach Selbständigkeit nachzugeben, könne also sehr gewinnbringend sein – auch schon bei kleinen Dingen, findet Susanne Mierau. «Glauben Eltern stets besser zu wissen, wie ihr Kind handeln soll, lernt dieses lediglich, dass Abwertung und das kompromisslose Durchsetzen seiner Meinung in Ordnung sind.»

Es geht auch um die eigenen Bedürfnisse

Diese Worte kommen mir in den Sinn, als ich mit dem Achtjährigen zum x-ten Mal diskutiere, weshalb er das Haus bei einstelligen Temperaturen mit einer Jacke verlassen soll. Während er noch jammert: «Aber mir ist nicht kalt», sagt Mutter plötzlich: «Okay, entscheide selbst.» Worauf das verdutzte Kind glücklich die Chance ergreift und die Tür hinter sich zuschlägt. Ohne Jacke. Erziehung am Bedürfnis des Kindes orientiert – check! «Moment», würde Psycho- und Paartherapeutin Felizitas Ambauen hier einhaken. «Bedürfnisorientiert ist gut, aber wenn schon, sollte man alle Beteiligten im Blick haben.» In ihrer Nidwaldner Praxis stellt die Therapeutin fest: «Vor allem bei kleinen Kindern verwechseln Mütter Bedürfnisorientierung oft mit Aufopferung und kompletter Vernachlässigung eigener Bedürfnisse.» Dabei verhalte es sich hier wie mit Sauerstoffmasken im Flugzeug: «Erst wenn ich selbst genug Sauerstoff bekomme, kann ich mich um andere kümmern.» Ausserdem tue Kindern die elterliche Aufopferung nicht gut. 

«Sie verinnerlichen dadurch lediglich, dass andere ihnen alles abnehmen, und entwickeln keine Frustrationstoleranz», so Ambauen. Puh! Alles gar nicht so einfach mit dieser bedürfnisorientierten Erziehung! Doch Susanne Mierau hängt die Messlatte tief: «Es ist unmöglich, perfekt gewaltfrei und absolut bindungs- und bedürfnisorientiert mit Kindern umzugehen», beschwichtigt sie. Im Gegenteil: Fehler und Unsicherheiten seien normal (deshalb ist es wichtig, «tut mir leid» sagen zu können), Eltern müssten auch nicht immer sofort reagieren (bei einem Wutanfall des Kindes erst mal durchatmen) und sollten eigene Grenzen offenlegen («Ich kann heute nicht mit dir auf den Spielplatz, weil ich zu erschöpft bin»). 

Kurz: Eltern müssen nicht immer allwissend agieren. «Im Grunde», sagt die Berliner Pädagogin, «reicht es, die Gefühle des Kindes zu respektieren und es ernst zu nehmen.» Felizitas Ambauen ergänzt: «Begleiten wir Kinder doch so, wie wir uns das von Freundinnen oder Freunden und Partnerinnen und Partnern wünschen. Das fängt mit Tonfall und Wortwahl an.» Am Ende kommt es tatsächlich zu einem Sitzstreik – zu einem äusserst lustigen, an dem die ganze Familie teilnimmt. Anschliessend räumen alle unaufgefordert den Tisch ab. «Das machen wir jetzt immer so!», beschliesst die Tochter. Ihr Bruder wiederum liegt zwei Tage nach der Jacken-Episode mit Fieber im Bett. Und Mutter kann es sich nicht verkneifen, einen Zusammenhang aufzuzeigen – sehr unpädagogisch. Doch manchmal helfen alle guten Vorsätze nichts.

Zum Weiterlesen und -hören

  • Susanne Mierau: Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen. Beltz 2021, ca. 29 Fr.
  • Nicola Schmidt: Der Elternkompass. Gräfe und Unzer 2020, ca. 39 Fr.
  • Podcast Beziehungskosmos: Psychound Paartherapeutin Felizitas Ambauen und Journalistin Sabine Meyer besprechen alle zwei Wochen brennende Beziehungsfragen spreaker.com > Beziehungskosmos

Zur Autorin:

Kristina Reiss arbeitet als freie Autorin und lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

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