Eltern sollten sich am Kind orientieren
Elternbildung
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Es geht auch um die eigenen Bedürfnisse

Diese Worte kommen mir in den Sinn, als ich mit dem Achtjährigen zum x-ten Mal diskutiere, weshalb er das Haus bei einstelligen Temperaturen mit einer Jacke verlassen soll. Während er noch jammert: «Aber mir ist nicht kalt», sagt Mutter plötzlich: «Okay, entscheide selbst.» Worauf das verdutzte Kind glücklich die Chance ergreift und die Tür hinter sich zuschlägt. Ohne Jacke. Erziehung am Bedürfnis des Kindes orientiert – check! «Moment», würde Psycho- und Paartherapeutin Felizitas Ambauen hier einhaken. «Bedürfnisorientiert ist gut, aber wenn schon, sollte man alle Beteiligten im Blick haben.» In ihrer Nidwaldner Praxis stellt die Therapeutin fest: «Vor allem bei kleinen Kindern verwechseln Mütter Bedürfnisorientierung oft mit Aufopferung und kompletter Vernachlässigung eigener Bedürfnisse.» Dabei verhalte es sich hier wie mit Sauerstoffmasken im Flugzeug: «Erst wenn ich selbst genug Sauerstoff bekomme, kann ich mich um andere kümmern.» Ausserdem tue Kindern die elterliche Aufopferung nicht gut. 

«Sie verinnerlichen dadurch lediglich, dass andere ihnen alles abnehmen, und entwickeln keine Frustrationstoleranz», so Ambauen. Puh! Alles gar nicht so einfach mit dieser bedürfnisorientierten Erziehung! Doch Susanne Mierau hängt die Messlatte tief: «Es ist unmöglich, perfekt gewaltfrei und absolut bindungs- und bedürfnisorientiert mit Kindern umzugehen», beschwichtigt sie. Im Gegenteil: Fehler und Unsicherheiten seien normal (deshalb ist es wichtig, «tut mir leid» sagen zu können), Eltern müssten auch nicht immer sofort reagieren (bei einem Wutanfall des Kindes erst mal durchatmen) und sollten eigene Grenzen offenlegen («Ich kann heute nicht mit dir auf den Spielplatz, weil ich zu erschöpft bin»). 

Kurz: Eltern müssen nicht immer allwissend agieren. «Im Grunde», sagt die Berliner Pädagogin, «reicht es, die Gefühle des Kindes zu respektieren und es ernst zu nehmen.» Felizitas Ambauen ergänzt: «Begleiten wir Kinder doch so, wie wir uns das von Freundinnen oder Freunden und Partnerinnen und Partnern wünschen. Das fängt mit Tonfall und Wortwahl an.» Am Ende kommt es tatsächlich zu einem Sitzstreik – zu einem äusserst lustigen, an dem die ganze Familie teilnimmt. Anschliessend räumen alle unaufgefordert den Tisch ab. «Das machen wir jetzt immer so!», beschliesst die Tochter. Ihr Bruder wiederum liegt zwei Tage nach der Jacken-Episode mit Fieber im Bett. Und Mutter kann es sich nicht verkneifen, einen Zusammenhang aufzuzeigen – sehr unpädagogisch. Doch manchmal helfen alle guten Vorsätze nichts.

Zum Weiterlesen und -hören

  • Susanne Mierau: Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen. Beltz 2021, ca. 29 Fr.
  • Nicola Schmidt: Der Elternkompass. Gräfe und Unzer 2020, ca. 39 Fr.
  • Podcast Beziehungskosmos: Psychound Paartherapeutin Felizitas Ambauen und Journalistin Sabine Meyer besprechen alle zwei Wochen brennende Beziehungsfragen spreaker.com > Beziehungskosmos

Zur Autorin:

Kristina Reiss arbeitet als freie Autorin und lebt mit ihrer Familie am Bodensee.

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