Eltern sollten sich am Kind orientieren
Elternbildung
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Spielkonsolen wirken wie Koks

Ganz ähnlich verhält es sich beim Medienkonsum: Wenn selbst Erwachsene bis nachts um 4 Uhr vor dem Fernseher versumpfen, wie soll dann ein Kind nach 30 Minuten Spielkonsole klaglos den Absprung schaffen? «Meine Rede!», ruft Nicola Schmidt. «Diese Geräte sind wahnsinnige Dopaminschleudern – wie Koks, da kann man auch nicht einfach sagen: Hör halt auf damit!» Was tun nun aber Eltern, die bedürfnisorientiert auf ihren Achtjährigen eingehen wollen, der wiederum ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bildschirmzeit an den Tag legt? «Der Trick ist, das Bedürfnis hinter dem Wunsch ‹Ich will Tablet spielen› zu erspüren», sagt Schmidt. Dieses könnte auch lauten: «Bring mir bei, wie ich aus dieser Welt wieder rauskomme.» 
Also doch Bildschirmsperren installieren? Nein, findet die Autorin. Sonst lerne das Kind lediglich: «Das Gerät verfügt über mich», und spätestens mit 14 könne es der Nachwuchs ohnehin überlisten. Stattdessen sollten Eltern lieber mit ihren Kindern trainieren: Wie schaffe ich den Absprung aus der Onlinewelt? Gesagt, getan. Mutter setzt sich also die letzten zehn Minuten zum gamenden Sohn und fragt: «Kannst du jetzt aufhören?» – «Nein, ich muss erst noch ein Tor schiessen.» – Drei Minuten später: «Okay, aber jetzt?» – «Neeeiiinnn! Pssst, du bringst mich durcheinander!» 
Eltern sollten in ihren Wünschen eindeutig sein und die Reaktionen auf ein Nein aushalten.
Weitere fünf Minuten später loggt er sich tatsächlich aus. «Das war cool, Mama, hast du gesehen, wie ich den abgezogen habe?» – «Mhm.» – «Können wir das jetzt immer so machen?» – «Was?» – «Dass du zum Schluss zuschaust?» 

«Grenzen und Leitlinien funktionieren am besten, wenn Kinder sie nachvollziehen können und diese gemeinsam ausgehandelt sind», sagt Susanne Mierau im Skype-Gespräch. Tönt anstrengend? Die Berliner Pädagogin ist anderer Meinung: «Gelingt es uns, auf Beziehung statt auf Erziehung zu setzen, ist dies der einfachere und entspanntere Weg.» Gleichzeitig sollten Eltern in ihren Gedanken und Wünschen eindeutig sein – und notfalls die Reaktion des Kindes auf ein Nein aushalten.

«Zwischen Kindern und Eltern bleibt immer ein Machtgefälle»

Philipp Ramming ist ebenfalls ein Verfechter von klaren Ansagen. «Ein deutliches Nein ist entlastend für Kinder», sagt der führende Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe, der auch mit Familien arbeitet. «Sie brauchen diese Freiheit der gesetzten Grenzen.» Zudem sparten sich Eltern viel Zeit, wenn sie nicht stundenlang auf ihren Nachwuchs einreden müssten. Emotional sei ein klares Nein für Mutter und Vater natürlich der anstrengendere Weg. 

Doch für Ramming ist klar: «Zwischen Kindern und Eltern bleibt immer ein Machtgefälle.» Susanne Mierau wiederum plädiert dafür, den Nachwuchs auf Augenhöhe zu begleiten. Dafür müssten sich Eltern jedoch ein Stück weit von eigenen Vorstellungen und Plänen distanzieren, um wirklich im Interesse des Kindes zu handeln. Kurz: seine Gefühle berücksichtigen und es ernst nehmen. Aber auch Loslassen und auf die immer grösser werdende Eigenständigkeit des Nachwuchses vertrauen. Während ich noch überlege, wie wir das eigentlich bei unseren Kindern handhaben, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das haben wir ja auch schon gemacht! Sogar im grossen Stil! Vor zwei Jahren nämlich, als die damals Neunjährige plötzlich die Schule wechseln wollte, von der hundsgewöhnlichen, durchmischten Quartierprimarschule um die Ecke auf eine katholische Mädchenschule, fast eine Stunde mit dem Bus entfernt. «No way», dachten wir Eltern, «das sitzen wir aus, meint sie eh nicht ernst.» Doch das Kind biss sich fest. 

Lieferte in endlosen Diskussionen erstaunlich gute Argumente und debattierte wie eine Grosse. Nach «Es ist gemein, wenn ihr das entscheidet – ich muss ja zur Schule gehen» knickten wir ein. Mittlerweile besucht das Kind den Unterricht auf eigenen Wunsch wieder am Wohnort, hat die kurzen Wege zu schätzen gelernt, das viel spätere Aufstehen, die Jungs in der Klasse. «Das hätte sie auch leichter haben können», sagte neulich eine Bekannte, «eine Neunjährige kann so was doch gar nicht überblicken.» Nein, kann sie wohl nicht; Mutter und Vater allerdings auch nicht unbedingt. Was sich aber enorm gelohnt hat, war das Ausprobieren – unglaublich, was das Kind dabei alles gelernt hat. Und die Eltern erst! Dem Nachwuchs gewisse Felder zu überlassen und seinem Wunsch nach Selbständigkeit nachzugeben, könne also sehr gewinnbringend sein – auch schon bei kleinen Dingen, findet Susanne Mierau. «Glauben Eltern stets besser zu wissen, wie ihr Kind handeln soll, lernt dieses lediglich, dass Abwertung und das kompromisslose Durchsetzen seiner Meinung in Ordnung sind.»
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