Darf es in einer Familie zwei Erziehungsstile geben? 
Elternbildung

Darf es in einer Familie zwei Erziehungsstile geben? 

Vater und Mutter müssen vor dem Kind nicht immer an einem Strang ziehen. Eltern sollten sich aber darin einig sein, dass sie verschieden sind – und einander wertschätzen.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Ein Vater fragt:
«Welche Auswirkungen kann es für meine Kinder haben, wenn es zwei verschiedene Erziehungsstile in der Familie gibt? Können Kinder damit umgehen, wie sie es auch bei anderen Erwachsenen tun, etwa bei den Gross­eltern oder bei Lehrpersonen?»

Jesper Juul antwortet darauf:

Diese Frage beschäftigt viele Eltern. Darum möchte ich die Antwort möglichst allgemein halten. Vor gar nicht so langer Zeit wurde von Experten noch empfohlen, dass Eltern sich in Erziehungsfragen immer einig sein sollen. Ein Grund dafür war, dass für viele Eltern der tägliche Umgang mit den Kindern zu einem permanenten Machtkampf wurde. Deshalb, so der Rat, sollten Eltern gegenüber ihren Kindern als vereinte Front auftreten. Allerdings war es in diesem System den Kindern nicht erlaubt, diesen «Kampf» zu gewinnen.

Inzwischen sind wir klüger und beginnen zu verstehen, dass lediglich ein Aspekt Sinn macht – nämlich die elterliche Führung. Wenn Kindern die Führung überlassen wird, können sie nicht gedeihen und sich nicht zu gesunden Menschen entwickeln.

Die Meinung, dass Kinder Eltern brauchen, die sich in allem einig sind, ist veraltet. Es ist eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind. Auch Eltern haben unterschiedliche Geschichten, eigene Persönlichkeiten und in den meisten Fällen ein unterschiedliches Geschlecht.
 
Sie können sich grundsätzlich einig sein. Doch im täglichen Umgang mitei­nander zeigen sich ihre Eigenheiten. Das sollte auch so sein. Die einzige Alternative dazu wäre, einen «Chef» zu ernennen. Was zur Folge hätte, dass die andere Person zum Assistenten, zum Hausmädchen oder Bediensteten degradiert wird. So ist Gleichheit ­zwischen den Eltern nicht möglich.

Verschiedenheit verunsichert Kinder nicht

Kinder können auf wunderbare ­Weise mit der Verschiedenheit ihrer Eltern umgehen. Sie fühlen sich dadurch weder unsicher noch verwirrt, wie wir früher immer gedacht haben. Allerdings sollten sich Eltern darin einig sein, dass es in Ordnung ist, unterschiedlich zu sein.
Wenn Kindern die Führung überlassen wird, können sie nicht gedeihen und sich nicht zu gesunden Menschen entwickeln.
Es ist eine interessante Erfahrung für uns Erwachsene, dass wir automatisch viele Dinge von unseren Eltern übernehmen, die wir nicht wollten. Wir alle machen das bis zu einem gewissen Grad, auch wenn wir versuchen, es zu vermeiden. Erwach­sene sollten sich deswegen nicht gegenseitig beschuldigen oder sich schuldig fühlen. Allerdings sollten wir dieses Verhalten reflektieren und versuchen, damit aufzuhören.

Wenn die individuellen Unterschiede zwischen den Eltern zu Streit und Konflikten führen, ist das eine gute Gelegenheit, sich über ­seine eigene Kindheit Gedanken zu machen und diese mit dem Partner zu teilen. So lassen sich unfrucht­bare Diskussionen über die richtige Art, Vater oder Mutter zu sein, vermeiden. Stattdessen können Sie herausfinden, welche Art von Eltern Sie sind – und warum das so ist.
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