Thomas Feibel: Pädophile treten online in Kontakt mit Kindern
Elternbildung

«Schick mir ein Foto. Gerne im Bikini!»

Das Internet bietet Pädophilen Idealbedingungen, um unbeobachtet nach Opfern zu suchen. Wie Cybergrooming abläuft und was Eltern zum Schutz ihrer Kinder beitragen können.
Text: Thomas Feibel
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Unternahm ein Pädophiler früher Annäherungsversuche bei Kindern, bestand für ihn ein erhebliches Risiko, beobachtet zu werden. Zum Beispiel von Passanten auf der Stras­se. Heute bietet das Internet Tätern Idealbedingungen. Es erlaubt ihnen, sich auf der Suche nach Opfern in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. «Cybergrooming» lautet dazu der englische Fachbegriff, der für die Annäherung pädophil veranlagter Menschen steht, die Kinder über das Web mit sexuellen Absichten ansprechen.

Mühelos stellen sie Fake-Profile ins Netz, mit falschen Fotos, Namen und Hobbys. Meist geben sie sich als Gleichaltrige oder als nur wenig älter aus. Die digitalen Spielplätze der Kinder zählen zu ihrem bevorzugten Revier: Tiktok, Instagram und Games mit Chatfunktion. Die Methoden der Anbahnung sind ­subtil: Über Wochen bauen sie eine feste Beziehung zu Buben und Mädchen auf, geben sich als empathische Freunde, Tröster und Ratgeber. Haben die Pubertierenden erst ­einmal Vertrauen gefasst, rücken sie bedenkenlos ihre Handynummer heraus, um miteinander über Whatsapp zu schreiben. Dass der neue «Freund» aus unterschiedlichsten Gründen nicht telefonieren kann, wird nicht hinterfragt.
Mädchen, die sich in sozialen Netzwerken in sexy Posen ­zeigen, haben nie das Gefühl, so bestimmte Signale auszusenden.
Laut der nationalen Plattform Jugend und Medien des Bundesamts für Sozialversicherungen wurden hierzulande bereits 13 Prozent der 12- bis 13-Jährigen, 23 Prozent der 14- bis 15-Jährigen sowie 33 Prozent der 16- bis 17-Jährigen schon einmal übers Internet von einer Person mit sexuellen Absichten angesprochen.

Es muss alles geheim bleiben

Wenn die Täter Kindern das Versprechen abringen, mit niemandem über ihre «Freundschaft» zu sprechen, löst das bei den Kindern und Jugendlichen kein Misstrauen aus, sondern geht als Vertrauensbeweis durch. Unaufhörlich loben die Täter ihre Opfer und attestieren ihnen eine grosse geistige oder körperliche ­Reife. «Wie alt bist du? 12? Du siehst ja wie 20 aus!» Eine solche Anerkennung von einem fremden Freund hat deutlich mehr Gewicht als die gewohnte Bestätigung vonseiten der Eltern. Nach und nach spornen die Täter zum Beispiel Mädchen an, sich noch freizügiger und lasziver zu ­zeigen, jedoch nicht bei Instagram, sondern direkt – über Whatsapp. Gerne im Bikini oder mit noch weniger an. Von all dem können Eltern nichts ahnen. Auch nicht, dass der falsche Freund durch geschickte Manipulation die Freundschaft in eine Liebesbeziehung umwandelt. Ebenfalls streng geheim. Und wer sich liebt, muss sich natürlich auch mal im «Real Life» sehen. Das ist vielleicht der Punkt, der am meisten erschreckt: Kinder und Jugendliche, die sich dann mit dem «Freund» treffen, wissen ungefähr, was passieren wird, auch wenn sie sich das nicht wirklich in allen Details vorstellen können. Ist die grosse Liebe bei der realen Begegnung nun deutlich älter, insistiert der Täter: «Aber du kennst mich doch! Wir lieben uns doch!» Das Opfer ist oft viel zu paralysiert, um zu gehen.

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