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Elternbildung

Kann ich ein guter Vater sein?

Wer sein Verhalten und seine Rolle reflektiert, hat die Chance, sich und die ganze Familie zu prägen und positiv zu verändern – bis in die nächsten Generationen hinein.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren

Frage eines Vaters:

Meine Frau und ich sind seit 14 Jahren verheiratet und wir haben zusam­men drei wunderbare Söhne im Alter von zwölf, neun und drei Jahren. Mich beschäftigt seit Längerem, dass ich mit unserem mittleren Sohn Manuel immer wie­ der heftige Auseinandersetzungen habe. Ich weiss nicht genau, warum das nur mit ihm so ist. Wir geraten eigentlich jeden Tag aneinander. Dies führt zu einer schlechten Stim­mung zu Hause.

Die Auseinandersetzungen geschehen vor allem dann, wenn Manuel die Hausaufgaben machen sollte: Er muss sich regelrecht durch die Hausaufgaben kämpfen, weil er sich nach einem langen Schultag fast nicht mehr konzentrieren kann und keine Lust darauf hat. Ich weiss genau, wie er sich fühlt, da ich mich noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern kann. Mein Vater hatte damals überhaupt keine Geduld mit mir. Und ich wäre auch lieber mit meinen Freunden zusammen gewe­sen, als mich mit Hausaufgaben zu beschäftigen. Ich habe damals viel alleine geweint, weil ich mich so schlecht fühlte. Ich möchte Manuel sehr gerne bei den Hausaufgaben helfen, aber irgendwie bin ich dabei viel zu streng oder meine Erwar­tungen sind zu hoch. Auf jeden Fall ist es für mich schlimm, wenn Manuel zu weinen beginnt. So habe ich das Gefühl, dass ich genauso ungeduldig und wütend mit ihm bin, wie es mein Vater damals mit mir war.
Ich habe das Gefühl, ich sei ein Egoist.
Auch habe ich selber oft schlechte Laune und bin dadurch nicht gerade wertvoll für meine Söhne. Ich frage mich, ob ich überhaupt ein guter Vater sein kann. Es beschäftigt mich sehr, wie ich zu meinen Kin­dern bin. Ich habe das Gefühl, ich sei ein Egoist. Meine Frau meint, ich könne schwer mit Kritik umgehen. Ich verteidige mich dann sofort, werde schnell wütend und sage Sät­ze, die ich später bereue.

Ich wünsche mir, dass ich das Familienleben mehr geniessen könnte. Ich wünsche mir auch, dass sich jeder in der Familie wert­ geschätzt fühlt. Unsere Söhne sollen anders aufwachsen als ich und nicht mein Bild von mir und meine Erin­nerung als schlechten Schüler mit schwachem Selbstwert übernehmen. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ich bei den Hausaufgaben so streng bin. Es kommt mir vor, als schaffe ich es nicht, meinen Wunsch nach Familienidylle zu leben. Was soll ich tun?

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1 Kommentar
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Von Lime am 29.04.2018 16:27

Für mich hört sich das stark danach an, als hätten sowohl der Vater als auch der mittlere Sohn AD(H)S.
Das liest sich wirklich wie die vielen anderen Geschichten und Erfahrungen, die ich darüber kenne. Und ich kenne viele.
Dafür spricht beispielsweise, dass sich der Sohn kaum konzentrieren kann, die niedrige Frusttoleranz beim Vater wie auch beim Sohn, dazu die Mühe mit Kritik, die Impulsivität und das mangelnde Selbstwertgefühl.

Klar, jedes Kind würde lieber draussen spielen als Hausaufgaben zu machen. Aber hier scheint es wirklich Probleme zu geben die immer Thema sind.
Der Sohn weint nicht, weil er drinnen festsitzt. Er weint, weil er die Erwartungen wirklich erfüllen WILL, aber nicht KANN. Der Frust entsteht durch diese grosse Lücke zwischen Absicht und Ergebnis. Er versteht selbst nicht, warum es nicht klappt.
Die Kritikunfähigkeit des Vaters resultiert aus ähnlichen Erfahrungen in der Kindheit. Wenn man ständig kritisiert wird, obwohl man sich anzustrengen versucht, schädigt das das Selbstbewusstsein und irgendwann wehrt man sich mit Händen und Füssen gegen jegliche Kritik um sich selbst zu schützen.
Auch die Impulsivität ist sehr typisch. Man redet drauf los, der Gedanke ist bereits ganz wo anders, man ist zu aufgebracht und durcheinander um noch gescheite Worte zu sammeln und sie für andere so angenehm wie möglich in Sätze zu verpacken.
So sagt man Dinge, die man später bereut, tritt anderen oft auf den Schlips oder merkt manchmal gar nicht erst, wenn man etwas verletzendes gesagt hat.

Kinder mit AD(H)S sind unglaublich sensibel und reagieren gar nicht gut auf eine strenge Hand. Schliesslich ist es nicht die Faulheit die sie versagen lässt.
Wenn man sich ständig maximale Mühe gibt, es den Eltern/der Umwelt recht machen möchte, aber das Ergebnis nicht zu dieser Absicht passt... dann kann es sein, dass man irgendwann aufgibt. Der Selbstwert sinkt, man hält sich selbst für inkompetent, man wird wütend.

Undiagnostiziert zu bleiben, heisst oft, dass man einen holprigen Weg vor sich hat. Der ist oft gezeichnet durch Schulprobleme, Verweise, Abbrüche, Jobwechsel. Aber auch in Beziehungen können Probleme auftreten, die Unfallrate ist signifikant höher sowie auch die Suchtgefahr, weil sich Betroffene oft selbst zu behandeln versuchen.
Meist ist es so, dass sie ihr volles Potenzial nicht erreichen können und in Berufen hängen bleiben, die sie eigentlich unterfordern - ganz einfach weil ihnen der Zugang zu ihrem eigenen Können nicht offen steht.

Die Familie sollte in Betracht ziehen, sich testen zu lassen. Bzw der Vater und die Söhne (alle drei). AD(H)S wird vererbt. Ausserdem tritt es bei allen sehr unterschiedlich auf. Kann sein, dass der älteste Sohn davon nichts hat, oder nur so schwach ausgeprägt, dass es ihn nicht beeinträchtigt. Kann sein, dass es den Jüngsten auch betrifft, vor allem wenn er in die Schule kommt.

Menschen mit AD(H)S sind weder dumm noch faul noch kaputt.
Sie verarbeiten nur Informationen etwas anders. Ungefiltert. Chaotisch.
Der Stoffwechsel im Gehirn ist nicht wie bei neurotypischen Menschen. Es liegt also an der Chemie.
Dafür wird oft gesagt, sie seien besonders mitfühlend, kreativ und gerechtigkeitsliebend.
Man muss AD(H)S weder hoch loben noch verdammen. Es ist was es ist.
Keine Katastrophe, aber auch keine wunderbare Begabung die man erhalten müsste, weil sie das eigene Kind aus der Masse herausstechen lässt.
Folgende drei Dinge können in der Zukunft passieren:

- Es verwächst sich mit dem älter werden
- Es bleibt und ist so schwach ausgeprägt, dass man damit umzugehen lernt
- Es bleibt und ist so stark ausgeprägt, dass es das Leben beeinträchtigt

Eine medikamentöse Behandlung bitte nicht ohne begleitende Therapie. Und die Diagnose bitte von einem Spezialisten machen lassen. Der Kinderarzt ist KEIN Spezialist für AD(H)S.

Ich halte den Vater für einen sehr involvierten Mann und bin zuversichtlich, dass er sich dieser Möglichkeit nicht verschliesst.
Es wäre eine Schande, wenn man die Abklärung meidet, weil man das Stigma einer Diagnose fürchtet oder unzureichend über AD(H)S informiert ist.
Viele Betroffene leiden darunter, dass sie erst sehr spät diagnostiziert wurden und bis dahin schon so oft im Leben gescheitert sind, dass sich ihr Selbstwert nie mehr davon erholen kann.

Ich hoffe, dass Vater und Sohn dadurch auf einen grünen Zweig kommen und sich selbst und gegenseitig besser verstehen können.
Immerhin scheinen sie ja im Grunde genau gleich zu ticken und sind sich ähnlicher, als sie vielleicht wissen.

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