Junge schaut aufgeklapptes Aufklärungsbuch an
Elternbildung
Seite 3

Den Aufklärungsunterricht an Schulen finden Jugendliche oft zu technisch

Dass man die positiven Seiten der Sexualität mehr ins Zentrum stellen sollte, gilt insbesondere für den Aufklärungsunterricht an Schulen. So gibt der grösste Teil der Jungen und Mädchen in einer Umfrage zur Jugendsexualität von 2015 an, den Sexualkundeunterricht als sehr technisch zu erleben. Die Themen: Geschlechtsorgane, Empfängnisverhütung, Geschlechtskrankheiten. Ins gleiche Horn blasen die «Erlebnisberichte» auf der Website des Jugendnetzwerks von «Sexuelle Gesundheit Schweiz». «Mein Lehrer hat sich nicht einmal getraut, die Klitoris zu erwähnen, während er uns die Geschlechtsteile auf einer Folie detailliert erklärte», ist da zum Beispiel zu lesen. Oder: «Sexualkundeunterricht gleich Sex führt zu Geschlechtskrankheiten. Fertig.»

Das soll sich nun mit dem Lehrplan 21 ändern. Dabei ist Aufklärung an der Schule nicht nur wichtig, um Wissenslücken zu schliessen, sondern auch, um die Themen mit Gleichaltrigen zu bereden. «Voneinander nehmen Jugendliche vieles eher an als von Erwachsenen, zum Beispiel ihren Eltern oder Lehrpersonen», weiss Sekundarlehrerin Gaby Bär, die seit über zehn Jahren Sexualkundeunterricht erteilt. Denn auch für Kinder aus den offensten Elternhäusern gibt es Dinge, die sie lieber mit Freundinnen oder Freunden besprechen.
 Die Aufklärungsbücher «Nur für Boys», «Nur für Girls», für 9- bis 11-Jährige.
 Die Aufklärungsbücher «Nur für Boys», «Nur für Girls», für 9- bis 11-Jährige.
Dazu kommt, dass sich Jugendliche heute in (digitalen) Wel­ten bewegen, die Erwachsenen oft wenig vertraut sind und bei ihnen Ängste und eine Abwehrhaltung auslösen. Statt die digitale Realität zu verteufeln, sollten wir lieber besser hinschauen, sagt die Psycho­login Julia von Weiler in einem Interview mit der «Süddeutschen Zei­tung». Sie verurteilt die Bigotterie unserer übersexualisierten Gesell­schaft: «Wir lassen sexualisierte Inhalte überall zu, verurteilen aber zugleich den Konsum von Pornogra­fie. Wenn sie ihren Zweck erfüllt, nämlich zu erregen, fühlt sich der Jugendliche daher unwohl. Also schweigt er darüber. Das sagt mehr über uns Erwachsene als über die Jugend aus.»

Sexting als sexuelle Handlung begreifen

Natürlich solle man die Risiken der «digitalen Kindheit und Jugend» nicht verleugnen, sagt Annamaria Colombo. «Aber wir müssen darauf achten, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und wei­tergeben.» So sei zum Beispiel nicht die Herstellung von Nacktbildern – und somit Nacktheit an sich – not­wendigerweise ein Problem, sondern die möglichen Konsequenzen, wenn man die Bilder weiterschickt. 

Auch Julia von Weiler sieht unseren Umgang mit dem sogenannten Sex­ting (das Versenden von sexy Selbst­porträts) kritisch: «Alle beschäftigen sich mit dem Opfer, das irgendwie auch schuldig gesprochen wird. Dabei sind die Verbreiter das Prob­lem.» Ihr Tipp: Statt den Kindern einzuschärfen, wie gefährlich Nackt­bilder sind, soll man ihnen erklären, dass sie genauso eine sexuelle Hand­lung sind wie zum Beispiel Knut­schen. «Also muss man sich über­legen: Will ich das? Ist mir das später peinlich? Und: Ist derjenige, dem ich diese schicke, so vertrauenswürdig, dass er oder sie damit nichts Blödes anstellt?»
Die heutige Generation hat nicht früher Sex als ihre Eltern.
Übrigens hat die Generation, die sich – zumindest teilweise – im Netz aufklären lässt, nicht früher Sex als die Generation ihrer Eltern. Das Durchschnittsalter beim ersten Mal liegt in der Schweiz nach wie vor bei knapp 17 Jahren. Und: Ein knappes Drittel der 15­jährigen Jungen hatte noch nie körperlichen Kontakt zum anderen Geschlecht. Wir erinnern uns: 84 Prozent haben in diesem Alter schon einen Porno gesehen. Annamaria Colombo sieht darin gar keine so grosse Diskrepanz, wie es scheinen mag: «Der Konsum und der Austausch von digitalen Inhal­ten kann es den Jugendlichen ermöglichen, in einem Umfeld sexu­ell zu reifen, dass sie selbst durchaus als intim empfinden. Ohne sich dabei von ihren Eltern beobachtet zu fühlen. Das ist wichtig.» Zentral ist, dass die Kinder in ein Umfeld eingebettet sind, das ihnen die Res­sourcen gibt, die Dinge einzuord­nen, so dass sie beispielsweise zwi­schen Realität und Inszenierung unterscheiden können.
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 «Make Love» und «Make More Love», empfohlen ab 12 Jahren.
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Was also weiss das 11-­jährige Mäd­chen von heute über Sex? Und was der 15­-jährige Junge? Rein technisch gesehen vermutlich eine ganze Men­ge. Wie sie und er mit diesem Wissen umgehen, hängt allerdings stark von ihrer Beziehung zu den Eltern ab. Ist diese von gegenseitigem Vertrauen geprägt, haben Kinder eher die Fähigkeit, sexuelle Inhalte im Inter­net von der eigenen Person zu tren­nen. Und auch Aufklärungsgesprä­che fruchten eher. Selbst wenn sie hie und da mal elterliche Monologe sind. «Das macht nichts», findet Sexualpädagoge Lukas Geiser. Selbst wenn Jugendliche abblocken, heisse das nicht, dass sie nichts vom Gesag­ten mitbekommen. Zentral ist die Gesprächsbereitschaft der Eltern. Auch wenn sie nicht immer alles wissen.

Zur Autorin:

<div><strong>Sandra Casalini</strong><br>ist Mutter von zwei Teenagern und seit der Arbeit an diesem Dossier grosser Fan des Aufklärungsbuches «Make Love», das dort die richtigen Worte findet, wo sie ihr fehlen.</div>
Sandra Casalini
ist Mutter von zwei Teenagern und seit der Arbeit an diesem Dossier grosser Fan des Aufklärungsbuches «Make Love», das dort die richtigen Worte findet, wo sie ihr fehlen.

Mehr zum Thema Sex und Aufklärung bei Kindern und Jugendlichen: 


  • Fünf Fragen zu Liebe und Sexualität Die erste Menstruation – oder was tun als Eltern, wenn der Freund der Tochter zum ersten Mal über Nacht bleibt? Fragen und Antworten zum Thema Liebe und Sexualität aus unserem grossen 100-Fragen-Dossier.



1 Kommentar

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Von Kathrin am 15.02.2020 08:24

Ich habe drei Bücher für meine Kinder bestellt, die ihr in diesem Artikel vorgeschlagen habt. Nur für Boys/Girls ist zwar herzig und meine Kinder finden sie gut, aber es hat mich also sehr erstaunt, dass sie immer noch sehr stereotyp sind was die Beziehungen angeht. Ich erwarte eigentlich, dass gerade im dieser Zeit gleichgeschlechtliche Beziehungen auch eine Platz kriegen. In den Büchern wird zwar online mobbing etc angesprochen, was ja auch ein neueres Phänomen ist, aber nach wie vor ist es anscheinend logisch, dass boys auf girls stehen und umgekehrt. Schade.

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