Junge schaut aufgeklapptes Aufklärungsbuch an
Elternbildung
Seite 2

Wie kommen Eltern mit ihrem Teenager ins Gespräch? 

Während Kinder mit einer natürlichen Neugierde an das Thema herangehen und die Eltern unverblümt fragen, suchen Jugendliche immer weniger das Gespräch mit den Eltern, während gleichzeitig das Thema Sexualität in ihrem Leben an Wichtigkeit gewinnt. Wie kommen nun Eltern mit ihrem Teenager ins Gespräch? Hier spielt die Eltern-Kind-Beziehung, die sich in den Jahren zuvor entwickelt hat, eine entscheidende Rolle. Interessieren sich die Eltern für den Alltag, die Hobbys, Freunde und Sorgen ihrer Kinder von klein auf und pflegen eine offene Gesprächskultur, tun sich beide Seiten auch nicht so schwer, über Sex zu reden.

Dabei hat sich die Rolle der Eltern bei der Aufklärung im Laufe der Zeit durchaus gewandelt. «Die Jugendlichen brauchen heutzutage weniger Hilfe beim Finden der Informationen, sondern eher beim Sortieren», erklärt Annamaria Colombo, Mitautorin der Studie «Sex, Beziehungen ... und du? Sexualität und sexuelle Transaktionen, die Jugendliche in der Schweiz betreffen». «Es ist wichtig, dass Erwachsene sich für die wirklichen Bedürfnisse von Kindern interessieren und nicht nur dafür, was sie selbst für diese Bedürfnisse halten. Nur so können sie den Kindern Orientierungspunkte bieten.» Würde beispielsweise die Mutter eines 15-Jährigen mit diesem ernsthaft über seine erste grosse Liebe reden, anstatt ihm einfach eine Packung Kondome zu geben, würde dieser im Hinblick auf seine ersten sexuellen Erfahrungen sicherlich mehr davon profitieren.
«Gespräche mit Vertrauenspersonen sind vor den ersten Erfahrungen die bessere Wahl, als das Inter­net frei zu erforschen.»
Dass Kinder bereits Wissen über Sexualität haben, bevor sie ihre ersten entsprechenden Erfahrungen machen, sei sehr wichtig, sagt Sexu­alpädagogikdozent Lukas Geiser. «So können sie sich beispielsweise besser bezüglich sexueller Grenzver­letzungen äussern oder bewusstere Entscheidungen für ihr eigenes Sexualleben fällen.» Gespräche mit Vertrauenspersonen seien dabei aber die bessere Wahl, als das Inter­net frei zu erforschen. «Sie kennen die Kinder und können mehrheit­lich abschätzen, welche Informatio­nen für das Kind passen und sinn­voll sind. Zudem kann das Kind Rückfragen stellen», so Geiser.

Dazu kommt, dass die sexualitätsbezogenen Inhalte im Netz aus der Perspektive der Erwachsenensexualität produziert sind. «Stereo­type Vorbilder und Halbwahrheiten lösen mehr Fragezeichen aus, als dass sie nützliche Antworten geben.» Das bestätigt eine aktuelle Studie im Auftrag des Schweizer National­fonds. Sie sagt, dass junge Erwach­sene, welche das Elternhaus oder die Schule als Hauptinformationsquelle in Sachen Sexualität angaben, später am wenigsten häufig von sexuell übertragbaren Infekten betroffen sind. Wer sich hauptsächlich im Internet und/oder im Freundeskreis informierte, legt ein riskanteres Sexualverhalten an den Tag und macht auch häufiger negative Erfah­rungen.

Noch etwas sollten Eltern wis­sen: Jugendliche Sexualität ist nicht gleich wie die von Erwachsenen. «Jugendliche befinden sich in der Entdeckungsphase», sagt Anna­maria Colombo. «Alles, was sie jetzt über Intimität und Sexualität lernen und erfahren, trägt zu ihrer späteren erwachsenen Identität bei. Denn Sex sollte nicht nur für sich betrachtet werden, sondern steht in einer Wechselwirkung mit anderen Lebensbereichen.»
«Kinder interessieren sich schon früh für Beziehung und Sexualität. Eine zu frühe Sexualisierung gibt es demzufolge nicht», sagt Sexualpädagogin und Sozialarbeiterin Annelies Steiner.
«Kinder interessieren sich schon früh für Beziehung und Sexualität. Eine zu frühe Sexualisierung gibt es demzufolge nicht», sagt Sexualpädagogin und Sozialarbeiterin Annelies Steiner.

Sexualität als etwas Schönes statt als etwas Gefährliches vermitteln

Umso wichtiger sei es, Sexualität als etwas Schönes, Natürliches zu ver­mitteln und nicht nur über die Gefahren zu reden, sagt Colombo. «Sonst haben Jugendliche das Gefühl, Erwachsene nehmen ihre Sexualität als etwas Böses und Gefährliches wahr.» Und: Wir müssen unsere eige­nen stereotypen Vorurteile hinter­ fragen. Annamaria Colombo: «Wir erwarten von Mädchen, dass sie Ver­antwortung für ihr sexuelles Verhal­ten übernehmen und ihre Sexualität vornehmlich in Beziehungen ausleben und erfahren, gleichzeitig ermu­tigen wir sie zum Experimentieren. Das ist ein Widerspruch. Jungen gestehen wir eher zu, einfach mal draufloszuprobieren.»

So ist es auch nicht verwunderlich, dass in einer Befragung der Fachstelle «Lust und Frust» im Kanton Zürich 84 Prozent der 15-jährigen Buben angeben, schon mal einen Porno gesehen zu haben, während es bei den Mädchen nur 36 Prozent sind. Und während 59 Prozent der Jungen sagen, das Ansehen solcher Bilder mache ihnen Lust auf Sex, sind es bei den Mädchen 14 Prozent.

«Neue Studien zeigen, dass solche Bilder auf Männer und Frauen neurologisch die gleiche Wirkung haben», sagt Lukas Geiser. «Wie mit diesen neuronalen Reizen umgegangen wird, ist aber sehr unterschiedlich. Beispielsweise wurde die weibliche Lust über Jahrzehnte tabuisiert. Wenn wir mit Mädchen – und auch mit Buben – im Zuge der Aufklärung vorwiegend über Krankheiten, Verhütung und Biologie reden, tragen wir nicht unbedingt zu selbstbestimmtem und respektvollem Umgang mit Sexualität bei. Dazu braucht es mehr.» Nämlich zuallererst einmal die Botschaft, dass sexuelle Gefühle etwas Natürliches und vor allem etwas Schönes sind.
Das darf man übrigens auch kleineren Kindern schon vermitteln. Dazu gehört, dass man sie nicht tabuisiert. «Schon Kleinkinder stimulieren sich selbst. So entdecken sie den eigenen Körper, und welche Berührungen angenehme Gefühle auslösen», erklärt Annelies Steiner von «Sexuelle Gesundheit Schweiz». «Man darf dem Kind sagen, dass es schön ist, den eigenen Körper zu berühren, dass es dies jedoch im eigenen Zimmer machen soll, wo es für sich ist.»
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1 Kommentar

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Von Kathrin am 15.02.2020 08:24

Ich habe drei Bücher für meine Kinder bestellt, die ihr in diesem Artikel vorgeschlagen habt. Nur für Boys/Girls ist zwar herzig und meine Kinder finden sie gut, aber es hat mich also sehr erstaunt, dass sie immer noch sehr stereotyp sind was die Beziehungen angeht. Ich erwarte eigentlich, dass gerade im dieser Zeit gleichgeschlechtliche Beziehungen auch eine Platz kriegen. In den Büchern wird zwar online mobbing etc angesprochen, was ja auch ein neueres Phänomen ist, aber nach wie vor ist es anscheinend logisch, dass boys auf girls stehen und umgekehrt. Schade.

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