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Elternbildung

Aggression – ein wichtiges Grundgefühl 

Aggression hat vielerlei Ursachen. Eine davon ist Furcht – Furcht vor Autorität oder vor Verlust.
Es besteht kein Zweifel daran, dass wir mit unterschiedlichen Temperamenten geboren werden. Manche von uns sind philosophisch und zurückhaltend, andere sind extrovertiert und voller Überraschungen, wieder andere hingegen sind aggressiv – ich nenne sie die «Krieger». Es scheint so, als würden sie jede Herausforderung oder Bürde als etwas betrachten, gegen das sie mit aller Kraft ankämpfen müssen.

Manche Kinder weinen innerlich, wenn sie frustriert sind oder ihnen etwas nicht gelingt. Die «Krieger» schreien, stossen oder werfen es weg. Sie werden Dinge auch bis zum Erwachsenenalter so angehen, und es wäre keine gute Idee, sie zu verändern. Wir wissen nicht viel darüber, warum sie sich so fühlen. Was wir aber wissen, ist, dass sie meist ein persönliches Ringen durchleben. Zeit mit ihnen zu verbringen, kostet eine Menge Energie, und ihre Beziehungen sind meistens kompliziert. 
«Aggression ist nicht der Feind von Liebe, sondern nur eine andere Ausdrucksweise von Liebe.»
Aggressionen wie Irritation, Wut, Hass haben vielerlei Ursachen. Eine davon ist Furcht. Furcht vor Autorität, vor Verlust; und die Angst vor dem Sterben ist eine andere. Schuldgefühl verwandelt sich oft in ein aggressives Verhalten. Wenn wir nicht länger mit den Gefühlen der Schuld und der Selbstkritik fertigwerden, werden, beginnen wir andere zu kritisieren und ihnen die Schuld zu geben. 

Unser Bedürfnis, von denen, die wir lieben, als wertvoll empfunden zu werden, ist ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis. Die Erfahrung, sich wertvoll zu fühlen, ist das Herzstück unseres Selbst. Von Zeit zu Zeit jedoch liegt es brach, und die Kommunikation innerhalb der Familienmitglieder stellt eine Herausforderung dar.

Unzählige Dinge stehen der Kommunikation im Weg 

Wir drücken uns vielleicht unklar aus und fühlen uns missverstanden. Oder vielleicht sind wir mental oder emotional gerade nicht präsent, und als Konsequenz daraus fühlen wir uns von den anderen abgeschnitten. Es sind unzählige Dinge, die der guten Kommunikation im Weg stehen. Wenn wir uns gegenseitig oder von unseren Eltern als nicht wertvoll empfinden, dann ist das in etwa so, als würde uns jemand den Boden unter den Füssen wegziehen.

Unsere erste natürliche Reaktion darauf ist Aggressivität. Zuerst fühlen wir uns etwas unruhig, sind irritiert, verärgert oder gar wütend. Diese Gefühle finden ihre verschiedensten Ausdrucksformen. Früher war es für Frauen nicht angebracht, in der gleichen ausdrucksstarken Weise verärgert zu sein wie ihre männlichen Artgenossen. Stattdessen weinten sie oft. Sie entwickelten psychosomatische Symptome wie Kopfweh, Bauchweh, Fieber oder chronische Beschwerden. Männer sind hingegen leise und ziehen sich hinter der Zeitung, dem  Fernsehgerät oder im Werkzeugschuppen zurück.

Es gibt kulturell bedingt unterschiedliche Auffassungen von «aggressiv sein». Das Gleiche gilt für jene Menschen, die ihre Aggression konsequent nach innen richten. Es mag sich dabei vielleicht um Selbstvorwürfe, Depression, Schuld oder Ähnliches handeln.

Wenn ein Familienmitglied plötzlich aggressiv wird, dann heisst das übersetzt: «Ich fühle mich von dir nicht so wertgeschätzt, wie ich es gerne möchte. Ich habe das Gefühl, dass du glaubst, ich sei nicht richtig, oder dass ich dir auf die Nerven gehe!» Genau das ist der Grund, warum es in einer Familie notwendig ist, die Aggression willkommen zu heissen
«Wenn wir mit Schuldgefühlen nicht fertig werden, beginnen wir andere zu kritisieren und ihnen die Schuld zu geben. »
Aggression ist nicht der Feind von Liebe und Zuneigung. Sie ist vielmehr eine von vielen Arten, Liebe auszudrücken. Wenn diese ignoriert oder zurückgedrängt wird, dann wächst sie und wird schliesslich entweder zum Vulkanausbruch oder nur eisig kalt. 
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Aggressiv statt traurig

In Wahrheit macht das natürlich keinen Sinn. Warum sollten wir aggressiv, kritisch und verletzend werden, wenn wir uns von anderen nicht als wertvoll empfinden? Es würde doch mehr Sinn machen, traurig zu werden, da es ja eine traurige Erfahrung ist. 

Erwachsene werden oft vorsichtig und sind im Stillen irritiert. Wenn das der Fall ist, dann stellen sie meist fest, dass sie über «nichts» streiten. Sie finden keine Zeit, um sich auszusprechen und einen Blick auf die Beziehung zu werfen – zu sich selbst und zu den anderen. 

Ein typisches Beispiel ist folgendes: Viele Jahrhunderte lang war es der wichtigste Wert eines Mannes, der Ernährer und damit «Familienerhalter » zu sein. Die Berufstätigkeit war kaum mit Freude oder Interesse verbunden. Generationen vor uns haben langsam versucht, dies zu  ändern. Trotzdem werden viele Männer immer noch dieses alte Gefühl in sich tragen, dass es ihre Pflicht ist, die Familie zu erhalten. 

Obwohl es mittlerweile einen wachsenden Anteil von Frauen in der Arbeitswelt gibt, bevorzugen noch viele Frauen die Nähe zur Familie und die Zeit zu Hause. Beide Entscheidungen bringen Konflikte mit sich.

1 Kommentar

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Von ingrid am 23.05.2016 15:05

Ein sehr wichtiges Thema, dem sich die Eltern leider nicht gerne widmen, obwohl es für die Entwicklung beider Parteien notwendig ist bearbeitet zu werden.
Jesper Juul fand vor vielen Jahren durch seine Bücher den Weg auch in meine Familie und ich bin sehr glücklich darüber. Für manche Themen hätte ich seinen Rat gerne früher bekommen, aber es ist nie zu spät und noch heute stöbere ich in seinen Büchern, denn sie sind auch im Umgang mit Erwachsenen sehr hilfreich.

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