Elternbildung

13 Fragen zur Pubertät

Mein Kind kifft, was soll ich tun? Ab wann können Kinder alleine zu Hause bleiben? Diese und weitere Fragen beantworten Expertinnen und Experten in unserem grossen Dossier zum Thema Pubertät & Erwachsenwerden. 
Redaktion: Claudia Landolt
Bild: Kirsten Lewis

Wie oft und bis wann sollen Teenager abends ausgehen dürfen?

Mir stellt sich hier die Frage, was den Eltern wichtig ist. Nach welchen Parametern beziehungsweise Kriterien entscheiden sie, wann ein Kind nach Hause kommen soll? Haben sie Angst, weil das Kind mit Freunden zusammen ist, die ihm nicht guttun? Oder leben sie einfach nach Regeln, ganz nach dem Motto: «So ist es und es war auch bei uns so»? Für mich stand immer die Sicherheit an oberster Stelle. Ich hatte grosses Vertrauen in unsere Kinder, sie hatten Freunde und wollten mit diesen zusammen sein. Meine «Anweisung» an unsere Kinder lautete: «Ich will nicht, dass ihr alleine nach Hause kommt. Ihr müsst immer in der Gruppe bleiben.» Bei uns gab es daher keine fixe Zeit. Die Gruppe war massgebend, weil ich mich als Mutter dadurch sicherer fühlte.

Caroline Märki, Elterncoach

Ab wann können Eltern ihren Kindern zumuten, alleine zu Hause zu bleiben?

Dies ist sehr individuell und hängt vom Naturell des Kindes, von der Dauer des Wegbleibens und von der Tageszeit ab. Primarschulkinder können in der Regel bald einmal eine halbe Stunde alleine sein, wenn Mama oder Papa etwas besorgen muss. Oder wenn es nach der Schule eine Weile warten muss, bevor jemand heimkommt.

Abends und längere Zeiten alleine zu Hause bleiben können viele Kinder erst mit etwa zwölf Jahren. Mit älteren Geschwistern geht das natürlich auch schon früher. Wichtig ist, dass Ihr Kind jederzeit die Möglichkeit hat, jemanden zu kontaktieren, wenn es sich unsicher fühlt.

Wovon ich persönlich abraten möchte, ist, dass Eltern ihr Kleinkind schlafend alleine lassen. Auch wenn es ein noch so guter Schläfer ist – es kann trotzdem  vorkommen, dass es aufwacht und sich dann hilflos fühlt. Ein solches Erlebnis kann prägend sein und unnötig Ängste hervorrufen. Engagieren Sie lieber jemanden, der auf Ihr Kind aufpasst, damit es sich frühzeitig daran gewöhnt, dass Mama und Papa auch mal etwas für sich machen und abends weggehen.

Sarah Zanoni, Pädagogische Psychologin

Wenn das Kind kifft – was sollen Eltern tun?

Tritt der Fall ein, dass ein Kind Drogen nimmt, braucht es ein Gespräch. Wie das verläuft, hängt sehr stark davon ab, wie man sich bisher in der Erziehung verhalten hat. Sind die Eltern oft abwesend, und sind die Kinder auf sich selbst gestellt, suchen sie sich selber ihre Grenzen.

Kinder merken jedoch nur, dass sie über ihre Grenzen gehen, wenn sie von zu Hause Grenzen mitbekommen und einen inneren Massstab entwickelt haben. Die Frage ist also vielmehr: Was ist das Ziel eines solchen Gesprächs? Will man als Eltern seinen Stress abarbeiten oder will man, dass der Sprössling sich künftig im Griff hat und am liebsten um Drogen jeglicher Art einen grossen Bogen macht?

Das ist ein Wunsch, und wie bei allen Wünschen gilt: Sie sind frei. Wenn also beispielsweise ein Junge heimkommt, zu viel gekifft hat und ihm speiübel ist, schaut man am besten, dass er sich auskotzt und dann schlafen kann. Wenn es ihm wieder gut geht, versucht man, darüber zu reden. Das wird nicht einfach sein, denn es geht ihm mies, er weiss, dass er etwas Dummes getan hat, und wird daher das Gespräch vermeiden, denn er schämt sich sehr. Er wird alle Strategien nutzen, um nicht mit den Eltern reden zu müssen. Dann wirds spannend.

Wann packt man sich das Kind? Schafft man das? Wie geht man mit dieser Grenzüberschreitung um? Ist es wirklich so schlimm, wenn das Kind etwas ausprobiert? Warum hat man so wahnsinnig Angst vor einem Absturz? Warum hat man zwar die Empörung, die Moral, aber nicht das Vertrauen, dass das Kind damit umgehen kann? Da kommt häufig die eigene Biografie ins Spiel. Gerade in der Pubertät sind die Teenagerjahre des Kindes eine permanente Erinnerung an die eigene Entwicklung. Aber gerade diese Ängste schwächen die eigene Verhandlungsposition.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

(Mehr zum Umgang mit Hasch in unserem grossen
Online-Dossier Kiffen)
«Will die 13-jährige Tochter partout am Bahnhof abhängen, erwarte ich, dass Sie hingehen und sie nach Hause holen.»
Sefika Garibovic, Expertin für schwierige Jugendliche

Die 13-jährige Tochter hängt am liebsten bei ihren neuen Freunden am Bahnhof ab. Was soll ich tun?

Sie sollten auf jeden Fall mit ihrer Tochter reden und erklären, dass das nicht geht. «Schau, ich hab dich lieb, ich möchte dich beschützen, aber wenn du dort hingehst, konfrontierst du dich mit Problemen.» Wenn sie trotzdem hingeht, bieten Sie ihr an, sich mit ihren Kolleginnen bei Ihnen zu Hause zu treffen oder an einem anderen sichereren Ort. Wenn der Reiz dann immer noch zu gross ist, erwarte ich von Ihnen als Eltern, dass Sie dort hingehen und Ihre Tochter nach Hause holen.

Sefika Garibovic, Expertin für die Nacherziehung und Resozialisierung schwieriger Jugendlicher
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Die 15-jährige Tochter hat die Nacht im Spital verbracht, weil sie zu viel getrunken hat. Wie sollen sich die Eltern verhalten?

Es gibt für mich keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Es kommt auf die Ursache des Betrinkens an. Warum hat das Kind so viel getrunken? Hat es Sorgen, die es runterspülen muss? Oder will es dazugehören? Wenn es Ersteres ist, dann ist es sehr wichtig, dies anzusprechen. Das ist wichtiger als eine Moralpredigt. Denn dem Kind geht es nicht gut und es kennt anscheinend nur diesen Weg, um sein Unwohlsein zu betäuben.

Es kann auch sein, dass die Tochter ihre Grenzen nicht kennt. Und – schwupps! – hat sie zu viel getrunken. Wenn es das ist, dann war es ein sehr gutes Lehrstück, und als Mutter weiss man, dass alles gut gelaufen ist. Die Tochter selbst ebenfalls, sie hat nun etwas mehr über sich und ihre Alkoholverträglichkeit erfahren. Das finde ich sehr lehrreich. Auch da nützt eine Moralpredigt rein gar nichts.

Caroline Märki, Elterncoach
Mit der Juni-Ausgabe ist das umfangreichste Dossier in der Geschichte des Schweizer ElternMagazins Fritz+Fränzi entstanden: 29 namhafte Expertinnen und Experten – Jesper Juul, Fabian Grolimund, Margrit Stamm, Philipp Ramming, Allan Guggenbühl, Eveline Hipeli und viele mehr – beantworten die 100 wichtigsten Fragen zur Erziehung und zum Familienleben.   Das komplette Heft können Sie als Einzelausgabe hier bestellen. 
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Das komplette Heft können Sie
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Wie motivieren Eltern ihr pubertierendes Kind, sich in der Schule 
anzu­strengen? 

Die Pubertät ist eine ganz schwierige, problematische Phase auf dem menschlichen Lern- und Lebensweg. Wie in kaum einer anderen Entwicklungsphase ist in dieser Zeit das menschliche Gegenüber entscheidend. Gelingt es diesem Vis-à-Vis, Empathie mit einer gewissen Strenge sowie Distanz mit dem Bedürfnis nach Verstandenwerden zu verbinden, kann es ihm gelingen, den Schüler oder die Schülerin zu motivieren.

Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug und Gymnasiallehrer

Verschiedene Experten sagen, nach dem 13. Lebens­jahr sei Erziehung nicht mehr möglich. Wie sollen Eltern dann mit ihrem Kind umgehen?

Natürlich erzieht man sein Kind weiter, und zwar genauso wie vor dem 13. Lebensjahr. Diese Aussage ist mir nicht nur extrem unsympathisch, sie geht auch von einem sehr technischen Modell aus. Dieses besagt, dass jedes Kind nach dem 13. Lebensjahr am gleichen Ort steht. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes Kind hat einen individuellen Entwicklungsplan und individuelle Stärken und Schwächen. Solche Pauschalaussagen halte ich daher für puren Unfug.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

Wie bestraft man ein Kind bei Regelverstössen in der Pubertät?

In der Pubertät funktionieren Strafen nicht mehr, wohl aber Konsequenzen. Diese sollten wenn möglich etwas mit dem Regelverstoss zu tun haben. Wenn der Sohn oder die Tochter also zu spät zum Abend­essen kommt, gibt es nichts mehr zu essen. Oder wenn der Teenager über eine längere Zeit sein Zimmer nicht aufräumt, machen ihm die Eltern auch die Wäsche nicht mehr. Das fällt Eltern gerade zu Anfang der Pubertät zuweilen schwer. Doch das müssen sie aushalten, ebenso das Chaos, das der neue Lebensabschnitt mit sich bringt.

Allan Guggenbühl, Gewaltexperte

Wie reagiere ich als Vater, wenn mir der Freund meiner Tochter nicht passt?

Am besten gehen Sie das altväterisch an: Sie nehmen den jungen Mann zur Seite und sagen ihm: «Ich bin kein Fan von dir, aber du schaust gut zu meiner Tochter. Und für den Fall der Fälle weiss ich, wo du wohnst.» Man sollte die Kinder beim Finden einer Partnerschaft etwas ausprobieren lassen, sie aber dabei tragen. Das heisst: Die Kinder gern haben, sich nicht einmischen und nur dann in den Tisch beissen, wenn es niemand sieht.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

Der Sohn schwänzt die Schule, kommt zu spät nach Hause und sitzt täglich vor seiner Spielkonsole. Muss ich anfangen, mir ernsthaft Sorgen zu machen?

Wenn der Kontakt zwischen Ihnen abbricht und das Kind nichts mehr erzählt, dann ist Zeit, sich Sorgen zu machen. Denn Kinder brauchen die Aufmerksamkeit der Eltern als eine Art Sicherheitsnetz. Wendet man die Aufmerksamkeit, den Blick von ihnen ab – sei es aus Wut oder Enttäuschung –, dann wirds gefährlich.

Was man also in solchen Situationen versuchen kann, ist, den Kindern zu sagen: «Wenn ich dir eine SMS schreibe, will ich bald eine Antwort. Es geht dabei nicht um dich, sondern um mich – ich muss wissen, dass du lebst.» Idealerweise haben Kinder mit dieser Strategie nicht das Gefühl, kontrolliert zu werden. Generell geht es darum, ihnen eine Art Versicherung zu bieten. Wenn die Kinder wissen, dass sie okay sind, wie sie sind, gehen sie nicht verloren.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

Was können Eltern tun, wenn ihr pubertierendes Kind sie ignoriert?

Im Grunde sagen die Jugendlichen den Eltern in der Pubertät: «Tschüss, ich gehe jetzt und lebe mein eigenes Leben, von dem ich nicht so genau weiss, wie es ausschauen wird.» Das auszuhalten, ist schwer. Es ist in Ordnung, einen Anspruch an die Kinder zu haben, aber man hat kein Recht darauf, dass er erfüllt wird, nur weil man der Vater oder die Mutter dieses Kindes ist. Es ist normal, dass junge Menschen Dinge ausprobieren wollen, sich abkapseln und mit sich und den Kollegen beschäftigt sind. Jugendliche brauchen eine sichere Homebase und die Gewissheit, getragen zu werden – und keine alten Eltern, die nerven, weil sie wahrgenommen werden wollen.

Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe

Die Tochter will Influencerin werden. Hilfe! Was soll ich nur tun?

Wenn die Tochter sagt, sie wolle Sängerin werden, rümpfen die Eltern auch die Nase. Trotzdem gibt es Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ein Influencer-Job hat etwas Künstlerisches. Influencer haben eine gute Zukunft vor sich. Erstens zahlen Schweizer Firmen im Vergleich zum Ausland überdurchschnittlich gut, zweitens stecken auch Unternehmen wie Detailhändler oder Einrichtungshäuser einen immer grösseren Teil ihres Marketingbudgets in Social Media. Früher war es ein Monolog, das Unternehmen sagte dem Kunden: Das musst du kaufen. Heute versuchen sie, einen Dialog herzustellen. Deshalb werden Influencer immer wichtiger. Ich empfehle, klein anzufangen und Influencer erst einmal im Nebenjob zu sein. So muss man keine Kompromisse eingehen. Viele Influencer arbeiten zum Beispiel nebenher im Marketing oder als Fotografen.

Melanie Balasopulos, Dozentin an der Swiss Digital Influencer Academy, Influencerin mit 
2,5 Millionen Followern
«In der Pubertät funktionieren Strafen nicht mehr – wohl aber Konsequenzen.»
Allan Guggenbühl, Gewaltexperte

Welcher Ratschlag hilft einem Menschen am Anfang seiner Berufszeit?

Kaum ein Fusspfad verläuft linear. Es ist wie bei einem Orientierungslauf: Das Ziel kennt man, der Weg ist voller Überraschungen und oft auch gespickt mit Hindernissen. Sie zu überwinden, macht stark. Der Kompass mit der Zielrichtung hilft, schnelles Aufgeben schadet. Durchhalten lohnt sich.

Carl Bossard, Gymnasiallehrer

100 Fragen und Antworten zu Erziehung, Familie und Schule

Lesen Sie hier weitere Fragen und Antworten aus unserem grossen Dossier. 


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