So unterstützen Sie verträumte Kinder - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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So unterstützen Sie verträumte Kinder

Lesedauer: 5 Minuten

Kleine Träumer sind kreativ und fantasievoll, aber oft vom Alltag überfordert. Und in der Schule wird ihre Neigung zum Problem. Wie Eltern ihrem verträumten Kind helfen und es unterstützen können.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Überblick zum Thema:

Verträumte Kinder haben den «Kopf in den Wolken», wie man sie im Alltag beschreibt. Sie brauchen länger für alltägliche Dinge wie Schuhe anziehen und auch in der Schule sind sie oft nicht bei der Sache. Sie leben in Fantasiewelten und sind oft ausgesprochen sensibel und feinfühlig. Als Eltern ist man speziell gefordert mit einem verträumten Kind: Man muss mehr Zeit einplanen für den Tagesablauf und das Kind mit viel Ruhe und Einfühlvermögen abholen, wenn man etwas von ihm möchte. Ähnliches erleben auch Lehrpersonen mit verträumten Schülerinnen und Schülern. Hinzu kommt die Sorge, wie ein veträumtes Kind im oft fordernden und schnellen Alltag bestehen und seinen Weg finden kann. Schon Hausaufgaben können zur grossen Last werden für verträumte Kinder und ihr Umfeld.

Verträumte Kinder sind oft entmutigt und traurig, sie merken, dass sie mit den Anforderungen an sie nicht umgehen können. Sie als Eltern können Ihr Kind aber unterstützen, auch mit etwas weniger Tempo im Alltag und in der Schule anzukommen. Das Wichtigste: Akzeptieren Sie, dass Sie Ihr Kind nicht ändern können und helfen Sie ihm, sich selbst kennenzulernen und sich anzunehmen, so wie es ist.

Tipps für Eltern zum Umgang mit verträumten Kindern:

  • Visualisieren Sie die einzelnen Teilschritte von Abläufen wie «Schulthek packen» oder «Zimmer aufräumen» zum Beispiel mittels bebilderter Checklisten.
  • Bitten Sie Ihr Kind vor dem Einschlafen, sich wichtige Abläufe bildlich vorzustellen, als würde es einen Film ansehen. Hier gelangen Sie direkt zu den weiteren Tipps.

Den vollständigen Artikel von Fabian Grolimund mit vertieften Informationen für Eltern und Lehrpersonen von verträumten Kindern lesen Sie hier:

Hilfe, mein Kind ist ein Träumer!

Als Eltern eines verträumten Kindes hat man es nicht leicht. Ständig muss man das Kind an alles Mögliche erinnern, mit ihm planen, es strukturieren und anleiten, kurz vor knapp noch seine unauffind­baren Sachen suchen, alles dreimal sagen und mit dem dabei aufkommenden Ärger fertig werden.

Vielleicht macht man sich Sorgen: Was soll nur aus meinem Kind werden? Wie soll es die Schule schaffen, wenn es in Gedanken ständig woanders ist? Wie soll es später nur im Berufsleben Fuss fassen, wenn es selbst einfachsten Anweisungen nicht nachkommt, alles vergisst und verliert und für simple Aufgaben Stunden benötigt?

Besonders verunsichernd sind oftmals die Rückmeldungen der Schule. Was soll man als Mutter oder Vater tun, wenn das Kind es in der Schule «schon könnte, aber einfach nicht zuhört und zu langsam ist» und «sich im Unterricht ständig ablenken lässt und vor sich hinträumt»?

Die Eltern stehen unter Druck, den Kindern geht es nicht besser. Sie hören den ganzen Tag Sätze wie: «Geht das auch ein bisschen schneller?», «Jetzt ist echt nicht die Zeit zum Spielen!», «Was starrst du denn schon wieder Löcher in die Luft?», «Jetzt hast du schon wieder deine Handschuhe verloren! Meinst du eigentlich, wir sind Millionäre?», «Schau, die anderen sind schon fast fertig und du hast noch gar nicht angefangen».

Verträumte Kinder sind empfindsam. Sie haben das Gefühl, dass alle dauernd irgendetwas von ihnen wollen. 

Fabian Grolimund

Empfindsam, wie viele verträumte Kinder sind, spüren sie die dauernde Sorge um ihre Zukunft. Sie möchten es ihrem Umfeld recht machen, schaffen es aber nicht. Sie haben das Gefühl, dass alle dauernd irgendetwas von ihnen wollen, das sie nicht leisten können. Daraus kann ein immenser Leidensdruck entstehen und das Gefühl, «nicht richtig» zu sein. 

Dieses Leiden wird von Aussenstehenden oft unterschätzt. Vielleicht gerade deshalb, weil sich Träumerchen unter Druck in ihre Traumwelt zurückziehen und dann so wirken, als würden sie nichts an sich heranlassen und die Notwendigkeit all der Veränderungswünsche, die an sie herangetragen werden, nicht sehen. 

Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, wie entmutigt und traurig viele dieser Kinder sind. 

Wenn der Alltag müde macht

Für viele verträumte Kinder ist der Alltag ein Kraftakt. Fast alles, was unsere moderne Welt von uns fordert, ist für sie mit einer besonderen Anstrengung verbunden.

Verträumte Kinder haben selten Langeweile. Sie können sich oft stundenlang mit sich selbst beschäftigen und benötigen nur wenig Anregung von aussen. Wenn sie ihren Interessen in ihrem Tempo nachgehen dürfen, wirken sie manchmal wie in Trance, so versunken und konzentriert, dass sie kaum davon loszureissen sind. Ihre Fantasie und der Reichtum ihrer Innenwelt versetzen Aussenstehende immer wieder in Erstaunen.

Diese Kinder sehen sich einer Gesellschaft ausgesetzt, die von ihnen Tempo und rasches Reagieren erwartet und sie mit Plänen, To-do-Listen und Aufgabenbergen überhäuft. Einer Welt, in der man wach und fokussiert von aussen vorgegebene Aufträge erledigen soll; in der die Uhr den Takt vorgibt; in der die Zeit stets gut genutzt werden soll, um immer höher gesteckte Ziele zu erreichen; in der es laut und geschäftig zu und her geht und man sich durchsetzen und behaupten muss.

Wie Sie Ihr Kind unterstützen können

Wie kann man als Eltern ein verträumtes Kind unterstützen? Sie können ihm zum einen helfen, mit den Anforderungen der Aussenwelt besser zurechtzukommen:

  • Visualisieren Sie die einzelnen Teilschritte von Abläufen wie «Schulthek packen» oder «Zimmer aufräumen» zum Beispiel mittels bebilderter Checklisten.
  • Bitten Sie Ihr Kind vor dem Einschlafen, sich wichtige Abläufe bildlich vorzustellen, als würde es einen Film ansehen.
  • Weisen Sie unliebsamen Auf­gaben ein begrenztes Zeitbudget zu und stellen Sie dieses visuell dar, etwa mithilfe einer Eierkocher-Uhr.
  • Führen Sie einfache Ordnungssysteme ein, beispielsweise verschiedene Rollkisten für Spiel­sachen und Schulmaterial oder eine Farbkodierung für die Materialien verschiedener Schulfächer.
  • Helfen Sie Ihrem Kind, sein Ar­­beitsgedächtnis zu entlasten, in­­dem Aufgaben und Termine aufgeschrieben und – je nach Alter des Kindes – abfotografiert bzw. ins Handy einprogrammiert werden.
  • Planen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind und zerlegen Sie die Auf­gaben in überschaubare Teilschritte.

Noch wichtiger ist jedoch, dass Sie Ihrem Kind die Möglichkeit geben, sich selbst zu sein und sich von den Herausforderungen des Alltags zu erholen. Falls Ihr Kind nach einem anstrengenden Schultag nicht auch noch davon erzählen mag, können Sie sich bewusst zurücknehmen. Vielleicht sagen Sie zu ihm: «Ich glaube, du brauchst ein wenig Ruhe.» 

Achten Sie auf genügend Er­­holungsphasen, in denen das Kind nicht auf die Uhr schauen muss und ungestört seinen Neigungen nachgehen kann.

Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, sich selbst zu sein,
sich zu erholen von den Herausforderungen des Alltags

Seien Sie einfach da: Viele Träumer geniessen es, wenn sie im gleichen Raum sein dürfen, ohne interagieren zu müssen. Wenn sie lesen, Lego bauen oder malen dürfen, während die Eltern ebenfalls lesen, in der Küche hantieren oder ihrer Arbeit nachgehen.

Und das Wichtigste: Akzeptieren Sie, dass Sie Ihr Kind nicht ändern können.

Verträumte Kinder hören immer wieder die Drohung: «Wenn das so bleibt, sehe ich schwarz.» Dahinter steckt der Glaube, dass das Kind zuerst ein anderer Mensch werden muss, damit es als Erwachsener Erfolg haben und glücklich werden kann. Immer wieder begegnen uns in unserer Arbeit Eltern mit dieser Haltung.

Dieser Veränderungswunsch ist nicht nur unerfüllbar, sondern auch unnötig. Verträumte Kinder bleiben meist etwas chaotisch, langsam und zerstreut. Sie werden auch in Zu­­kunft vieles vergessen, zu wenig planen und vorausdenken.

Und sie können trotzdem zu zufriedenen Erwachsenen werden. Dazu müssen sie sich aber nicht grundlegend verändern, sondern sich selbst kennen und annehmen können. Sie müssen wissen, wo ihre Stärken liegen, und diese kultivieren und ausbauen. Und sie müssen sich mit ihren Schwächen auseinandersetzen und Wege finden, um mit diesen umzugehen. 

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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