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Teenieblog

«Ich wollte lieber Mama als Schwester sein»

Text: Tina Zeinlinger (17) auf dem Bild mit ihrer jüngeren Schwester Katja (r.)
Wie ist es, wenn man mit sechs Jahren eine Schwester bekommt? Tina Zeinlinger, 17, über Liebe, Rivalität und Eifersucht unter Geschwistern.
Ich war ziemlich genau sechseinhalb Jahre alt, als meine kleine Schwester Katja das Licht der Welt erblickte. Es war wahrlich eine Riesensensation für die ganze Familie – ist doch auch klar. Und auch wenn beide meiner Elternteile bestimmt genau das zu verhindern versuchten, hat sich ab sofort alles um unseren frischen Familienzuwachs gedreht.

Ich war mächtig stolz. Endlich war ich ein Schulkind und hatte jetzt zusätzlich die Ehre, mich «grosse Schwester» zu nennen. Ohne dass es mir irgendwer aufgetragen hätte, habe ich mir sofort grosse Verantwortung zugeschrieben. Diesem kleinen Wesen, das immer gut verpackt und fest eingewickelt in Hunderte Tücher und Windeln auf unserem Sofa lag, fühlte ich mich auf eine besondere Weise verpflichtet. Ich wollte es besser behandeln als meine allerliebsten Puppen und ihm alle wichtigen Dinge beibringen: Ich wollte wie eine zweite Mama sein.
Unglaublich stolz war ich auch, als meine kleine Schwester zum ersten Mal meinen Namen sagte, auch wenn er von ihr zart missbraucht wurde – aus «Tina» wurde «Titti». Höchst amüsant war, zu beobachten, dass plötzlich auch meine Eltern und Grosseltern Probleme dabei hatten, Wörter korrekt auszusprechen: «Gulli, gulli guutschiii bubuuu Mausiii …» – unser Sprachgebrauch veränderte sich gravierend; ich nahm es gelassen.

Wirklich verändert hat sich auch mein Zimmer, und das nahm ich alles andere als gelassen. Sobald das Gitterbett aus dem Schlafzimmer meiner Eltern in mein Zimmer verfrachtet wurde, offenbarte sich mir zum ersten Mal das kleine Teufelchen Katja. Als die Kleine «zahnte», schrie sie sich jede Nacht den Leib aus der Seele – und mich aus dem Schlaf. Auch meine sorgfältig aufgestellten Barbiepuppen und Playmobil-Städte waren zum Tode verurteilt, als sie zu krabbeln begann. Ich – als Ordnungsfreak – merkte sofort, wenn meine Mutter versucht hatte, die Verwüstung wieder in Ordnung zu bringen. Ja, meine Schwester bedeutete Arbeit, das wurde mir schnell bewusst.
Sie die Quirlige, ich der Denker - wir könnten unterschiedlicher nicht sein.
Heute bin ich beinahe 18 und meine Schwester 11. Die «kleine» Schwester ist also gar nicht mehr so klein. Mit ihren 11 Jahren ist sie fast doppelt so alt wie ich bei ihrer Geburt war, und trotzdem habe ich den Eindruck, dass sie um so viel jünger ist, als ich es war. Vielleicht fehlt ihr einfach dieses Gefühl, «Verantwortung» zu tragen, da sie von Anfang an unsere «Kleine» war – und noch immer ist. Jede von uns hat sich im Laufe der Zeit quasi ihre eigene Rolle zusammengeschnitten und in dieser eingelebt. Ich bin nach wie vor der ruhige Geist, der Denker, der stille Beobachter, die Ordnung und Verantwortung in Person. Meine Schwester – das komplette Gegenstück: der unruhige, quirlige Typ, die Impulsive, die Temperamentvolle und Energische. So war es von Anfang an, und so wird es immer sein.

Der einzige Unterschied: Da, wo ich Katja vor nicht allzu langer Zeit unsere Spielzeug-Kasse erklärt habe, lernt sie heute den Gebrauch von iPad, Smartphone & Co von mir, und dort, wo ich sie früher mit Tiernamen beeindrucken konnte, sprechen wir heute lieber über Lady Gaga. Da, wo ich sie vor ein paar Jahren noch vor lebensgefährlichen Murmeln und Steckperlen beschützen musste, halte ich heute auf dem Schulhof eingebildete Zicken und fiese Jungs von ihr fern.

Bei den (fiesen) Jungs kann sie mir übrigens auch behilflich sein. Neben all den kleinen und grossen Leiden und Freuden in unserer «kleine Schwester – grosse Schwester»-Beziehung hat sie für mich einen weiteren, unglaublich praktischen Nutzen: Eine kleine Schwester ist die perfekte Ausrede, um lästige Dates abzusagen. Egal, wie alt sie mittlerweile tatsächlich ist – sie ist immer «klein» genug, um «Babysitten» als glaubwürdige Ausrede für eine Absage zu verwenden.

Katja war immer meine Kleine, ist meine Kleine und wird immer meine Kleine sein. Kleine Schwester bleibt kleine Schwester – für immer.

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