Mein Vater – der Held
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Mein Vater – der Held

Am Vatertag schwelge ich in Erinnerungen an meinen Vater, der seit mehr als zehn Jahren nicht mehr lebt. Wie gerne würde ich jetzt zu ihm fahren und ihm Blumen überreichen, so wie ich es immer zum Muttertag bei meiner Mama tue.
Text: Hanna Lauer
Bilder: zVg / Privat
Meine Erinnerungen an Bob:

Ich nannte meinen Vater nie «Papi» sondern Bob. Er hiess Robert und meine Mutter nannte ihn «Bob». Und Bob schien mir genau richtig, vom ersten Moment an, als ich sprechen lernte.
 
«Haaaanji hopp-ki-hopp», so weckte er mich, als ich im Teenie-Alter griesgrämig und morgenmufflig im Bett lag. Seine lieben Augen strahlten mich vom Türrahmen aus an und der Tag konnte nur gut werden! Als ich noch kleiner war, trug er mich jeden Morgen vom zweiten Stock unseres Hauses in die Küche und machte mir eine warme Ovi. Und noch früher, trug er meinen Bruder und mich gleichzeitig vom Kinderzimmer in die Küche, setzte uns auf die Spülmaschine und bereitete uns unseren morgendlichen Milch-Schoppen zu. Er war mein Held.
So lernte ich ihn als Kind kennen. Er hatte auf alle Fragen eine Antwort, es machte Spass, mit ihm Skifahren zu lernen und alle «Auas» beim Velofahren wurden mit Liebe und Leichtigkeit versorgt. Wenn er von seinen Geschäftsreisen zurückkam, standen mein Bruder und ich wie Welpen am Schaufenster des Flughafenterminals und konnten es kaum abwarten, ihn zu umarmen. Er war gross. Trug er mich auf seinen Armen, dachte ich oft: «Wenn ich jetzt runterfalle, falle ich tief». Seit er nicht mehr lebt, denke ich oft an seinen Hals, an den ich mich gerne kuschelte.

Humor ist unsere Religion

Er war ein Tausendsassa: Für mein Puppenhaus schnitt er mir Teppiche zu, zeichnete Gesellschaftsspiele aus Papier für meine Puppen und hatte Geduld mir Mathe und Autofahren beizubringen. Zu Weihnachten zog er seine karierten Hosen an – nur um uns zu bespassen. Humor war ihm wichtig, manchmal hörte ich meine Eltern nachts herzhaft aus dem Schlafzimmer lachen. Ich liebte dieses Gefühl. Sie hatten viel gelacht, nicht nur nachts. Schöner Weise haben sie diesen Draht, den sie zueinander hatten, meinem Bruder und mir in die Wiege gelegt. Wir haben diese Verbindung auch und genau dieser Humor verbindet uns heute als Erwachsene. 
Zu Weihnachten: Bob immer in Karo.
Zu Weihnachten: Bob immer in Karo.
Zweimal pro Woche am Abend ging meine Mutter ihrem Sportprogramm nach, da kochte Bob. Es gab immer einmal Griessbrei und einmal Omeletten und jede Woche war es ein Highlight. Ich erinnere mich, wie er am Herd stand und uns Geschichten erzählte, wie pickelhart der Griessbrei seiner Mutter damals war: «Den musste man mit einem Hammer aus dem tiefen Teller graben», sagte er. Er stand auch gerne am Grill und am liebsten mit einer Schürze, die ich ihm vor Jahren aus Italien mitgebracht hatte. 
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Bob in seiner Lieblingsschürze.
Bob in seiner Lieblingsschürze.
Er spielte in einer Bluegrass Band und hatte gelegentlich Auftritte. Wir sassen damals auf unseren Kinderstühlen in der ersten Reihe und ich war mit Stolz erfüllt, meinen Bob auf der riesig scheinenden Bühne zu sehen.
Bob am Banjo bei einem Konzert mit seiner Band «Bluegrass Friends». Wir durften auch auf die Bühne.
Bob am Banjo bei einem Konzert mit seiner Band «Bluegrass Friends». Wir durften auch auf die Bühne.
Bei Skirennen belegte er meistens den 1. Rang und mit dem Segelflugzeug flog er unsere gesamte Verwandtschaft durch die Schweizer Berge, wenn er nicht gerade im Bastelraum an einem Instrument werkelte. Er war ein echter Held. Ein Fels in der Brandung und von allen geliebt. 

Als er 2010 überraschend starb, fiel meine Welt zusammen. Bis heute ist es das traurigste Ereignis meines Lebens. Lange fragte ich mich, wie das Leben ohne Bob weitergehen soll. Aber dank all diesen schönen Erinnerungen aus Kindertagen ist mein Vater in meinen Gedanken lebendig. Einen Helden vergisst man nicht und das wurde mir schon an seiner Beerdigung klar. Damals kamen 120 Freunde und Bekannte, um sich von ihm zu verabschieden. Es läuft mir heute noch kalt den Rücken hinunter, wenn ich an diesen Tag denke. Aber ich bin davon überzeugt, dass sein Abschied genauso war, wie er ihn sich gewünscht hätte: mit viel Humor. Und ich bin sicher, er hätte auch beim Lesen dieses Artikels schmunzeln müssen, spätestens bei der Schürze.
 
In dem Sinne: Happy Father’s Day, my beloved Bob 

<div><strong>Hanna Lauer</strong> ist Onlineredaktorin bei Fritz+Fränzi und denkt oft darüber nach, welche Eigenschaften sie von ihrem Vater geerbt hat.</div>
Hanna Lauer ist Onlineredaktorin bei Fritz+Fränzi und denkt oft darüber nach, welche Eigenschaften sie von ihrem Vater geerbt hat.

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