Redaktionsblog

Zwillingsshaming: Eine doppelte Frechheit!

«Trotzdem noch einen schönen Tag», sagte die fremde Frau und warf einen mitleidigen Blick auf die Zwillinge unserer Redaktorin Florina Schwander. Muss das denn sein?
Text: Florina Schwander
Bild: Pixabay / privat
Bevor ich selber Zwillinge bekommen habe, dachte ich, die landläufige Meinung zu Zwillingen laute: «Ach, wie praktisch, die spielen dann immer zusammen.» Ich habe gelernt: Das ist die Meinung einer Minderheit.

Die Mehrheit denkt: «Ach, herrje. Lieber du als ich. So viel Arbeit. Sooo anstrengend.» Oder eben: «Trotzdem noch einen schönen Tag.» 

Bitte was? 
In meinen virtuellen Zwillingsgruppen lese ich immer wieder vom sogenannten Zwillingsshaming. Von Leuten, die Zwillingseltern ungefragt bemitleiden und das harte Los des vermeintlich doppelten Glücks bezeugen. Ich bin bisher verschont worden. Die letzten doofen Kommentare gab es in der Schwangerschaft, als Glückwunsch und Bemitleidung oft nah beieinander lagen:  «Oh, gratuliere, du bist schwanger! Was gibt es denn?» «Zwei!» «Ach, herrje, na, lieber du als ich.»
«Nun ja. Trotzdem einen schönen Tag noch.» Wie bitte?!
Und kürzlich dann das: Die grosse Tochter ist im Kindergarten, ich bin mit den Jungs unterwegs. Sie sind eineiig mit roten Haaren und im Doppelwagen recht einfach als Zwillinge zu identifizieren. Eine ältere Frau fängt ein Gespräch an mit dem mir gut bekannten Pendant zu «Hast du mal Feuer?», nämlich: «Sind das Zwillinge?». Ich nett lächelnd: «Ja genau!». Wir kommen gerade vom Bäcker, die Jungs mampfen zufrieden ihr Weggli, ich habe einen feinen Kaffee in der Hand – alles gut im Hause Schwander.

Dann folgt ein überraschender Angry-log von wegen sie hätte Geschwister, die Zwillinge sind, und sie wisse genau, wie anstrengend das sei. Kaum höre der eine auf zu weinen, fange der andere wieder an und so weiter und so motz. Ich wende ein, dass die Jungs ja jetzt schon drei seien und mich dünke, das Gröbste sei vorbei. Geweint werde eigentlich nicht mehr so oft. Worauf dann eben folgt: «Nun ja. Trotzdem einen schönen Tag noch.» Und weg war sie. Und ich blieb sprachlos zurück. 

Ungefragt geplagt: Was tun?

Eigentlich war unser Austausch harmlos, und die Frau hat es sicher nicht so mies gemeint, wie es bei mir angekommen ist. Mir ist ihr Schlusssatz aber doch nachgehangen. Ich habe mich hauptsächlich über zwei Dinge geärgert: 
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  1. Dass ich nichts antworten konnte auf ihre ungefragten schlechten Vibes zu Zwillingen. Für die Zukunft habe ich mir zurecht gelegt: «Es tut mir leid, dass Sie schlechte Erfahrungen mit Zwillingen hatten. Ich halte mich an George Clooney: What else!» Oder: «Wissen Sie, wie meine Zwillinge heissen? Göschenen – Airolo!».

  1. Dass meine Zwillinge das mitbekommen. Mit ihren drei Jahren verstehen sie ihre Umgebung vermutlich besser, als ich mir das vorstellen kann. Einen doofen Kommentar an mich allein gerichtet, das ist okay. Aber warum sollen meine Jungs das mithören müssen? 
Einfacher gesagt, als getan: Drüberstehen. Oder besser noch: Den Rücken zudrehen und weitergehen. Meine drei Kinder auf dem Weg auf die Felsenegg.
Einfacher gesagt, als getan: Drüberstehen. Oder besser noch: Den Rücken zudrehen und weitergehen. Meine drei Kinder auf dem Weg auf die Felsenegg.
Ich weiss, dass die Welt grössere Probleme und sowieso ein paar instabile Reissäcke hat, die ab und zu umfallen. Und doch hat mich dieser Satz wirklich geärgert. Vielleicht hat jemand von Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, auch schon so etwas erlebt und eine gute Antwort parat für mich?

Ich habe mich dann ein paar Tage wieder mit der Welt versöhnt, als ein anderer Papa mir beim Schwimmkurs im Hallenbad gesagt hat, dass meine Zwillinge ihm immer gute Laune im Doppelpack machen würden. 

Hach. Hoch 2. 

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