Wochenlang isoliert zu Hause – was hilft?
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Wochenlang isoliert zu Hause – was hilft?

Geschlossene Schulen, E-Learning, Homeoffice: Auch unsere Autorin Ulrike Légé ist mit ihren drei Kindern zuhause. Und das schon über einer Woche. Hier ihre 10 Tipps, wie man in der Familien-Isolation einen kühlen Kopf bewahrt.
Text: Ulrike Légé
Bilder: privat / zvg
Wir haben noch kein Corona – und nein, wir haben auch keine Panik davor! Unsere drei Kinder, sie sind 9, 12 und 15 Jahre alt, waren allerdings schon die gesamte letzte Woche mit einer Erkältung zu Hause. Was bei anderen Familien erst jetzt beginnt, ist bei uns daher schon länger Realität. Wie man den Corona-Ausnahmezustand mit Homeschooling und Homeoffice übersteht? Hier unsere 10 Gebote.

Alle Bälle weiter in der Luft halten geht nicht! 

Wenn die Kinder zu Hause bleiben, müssen wir uns als Eltern eingestehen: Wir haben einen weiteren Vollzeitjob, eine erhebliche Zusatzbelastung. Alles ist plötzlich ganz anders als sonst, das verunsichert unsere Kinder. Sie müssen nicht nur beschäftigt und bespasst werden, sie brauchen auch Möglichkeiten, sich mit uns auszutauschen, ihre Gefühle zu ergründen und zu teilen. Sie brauchen Mama und Papa mit so viel Aufmerksamkeit, innerer und äusserer Ruhe, wie wir ihnen jetzt geben können. 

Uns Eltern hilft es, wenn wir ebenso wie die Regierung den Ausnahmezustand ausrufen, uns klarmachen, dass «business as usual» weder möglich noch sinnvoll ist. Einfach versuchen weiterzumachen wie normal, treibt alle in die Überforderung. Unsere neue Aufgabe wird machbar, fühlt sich sogar schön und stimmig an, wenn wir uns genug Zeit für sie nehmen. Wenn wir ganz da sind, uns achtsam kümmern, statt dauernd mit einem Auge und Ohr am Smartphone zu kleben.
Der Langweile entkommen in den eigenen vier Wänden.
Der Langweile entkommen in den eigenen vier Wänden.

Prioritäten setzen und weglassen!

Was müssen wir wirklich sicherstellen? Dass es den Kindern gut geht, unser Hund seine Gassigänge hat, das Haus nicht im totalen Chaos versinkt und wir alle genug Essen und Schlaf bekommen. Dass wir unsere beruflichen Aufgaben halbwegs gut erledigen, so dass uns nicht die Abmahnung droht. Alles andere kann warten. Wir haben jetzt schlichtweg nicht die Kraft noch jedes «Zusatzprojekt» bei der Arbeit, in Haus oder Garten zu erledigen. Je eher wir uns das eingestehen, mit dem Rotstift mutig durch To-Do-Listen gehen, absagen, Deadlines verlängern, uns Hilfe holen oder Ansprüche herunterschrauben, umso besser kommen wir klar.

Liebgewonnene Familien-Rituale aufrechterhalten! 

Morgens Kuscheln im Elternbett, abends in Ruhe vorlesen. Samstag zusammen Kuchen backen und sonntags Feuer im Kamin machen. Für Ostern dekorieren und jeden Tag im Garten schauen, was so wächst. Samstagabend Paarzeit geniessen, während die Kinder einen Film schauen. Es gibt so viele kleine und grosse Rituale, die unsere Familie zusammenhalten – und uns gerade in kriseligen Krankheitszeiten tragen! Zum Glück achten unsere Kinder sehr genau darauf, dass nichts davon zu kurz kommt, auch wenn wir es im Stress vergessen.
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Gewohnte Tagesstrukturen beibehalten!

Einfach so in den Tag hineinleben, bis abends im Pyjama oder Jogginghosen herumschlumpfen, alles irgendwie machen oder vor sich herschieben – das macht uns in den Ferien Spass. Bei der Alltagsbewältigung treibt es uns in den Wahnsinn. Weiter wie gewohnt duschen, anziehen, essen, arbeiten, Haushalt bewältigen und zusammen spielen, gibt uns Struktur und Halt. Natürlich können wir das in Ausnahmezeiten mit grösserer Flexibilität angehen und Raum für Unvorhergesehenes lassen. Aber wenn jeder weiss, was ihm der Tag bringt, fühlen sich alle wohler. 

Arbeitspläne und Projektplätze festlegen! 

So langsam trudeln sie aus der Schule ein, die Blätter, Hefte und Bücher zum Nacharbeiten. Jeden Morgen sichten wir mit den Kindern, was für Schularbeiten anliegen und erstellen für jeden eine Liste zum Abarbeiten. Wir schauen, dass sie alles nötige Material dazu beisammenhaben und suchen Pausenaktivitäten aus: Hörspiele, Malbücher, Spiele, eine Aufgabe im Garten ... Für die ganze Familie gibt es einen Tagesplan mit Zeiten, in denen wir Eltern für die Kinder da sind oder aber konzentriert arbeiten, Telefon- /Skype-Termine wahrnehmen und Aufgaben erledigen. 

Bewährt hat sich bei uns auch, wie in den Montessori-Schulen, Plätze für unterschiedliche, eigenständige Aktivitäten parat zu machen: Dann stapeln wir auf den Sofatisch neue Bücher, an einem Ende vom Esstisch hat jedes Kind seinen Arbeitsplatz, für die Bastelecke suchen wir Stoff, Farben oder Perlen heraus, im Garten liegen Schaufel und Samen … und jeder kann dort einfach loslegen.

Freulisten aufschreiben! 

Zuhause bleiben, eingeschränkt in unseren Möglichkeiten sein, kann durchaus Spass machen. Wenn wir es als Möglichkeit, als gewonnene Zeit begreifen, in der wir uns mit grösserer Ruhe dem widmen können, wozu wir sonst nicht kommen. «Was würde Dir hier jetzt Freude machen?», haben wir unsere Kinder gefragt. Sie kamen so richtig in Fahrt und sprudelten heraus mit Interessen («über Kaninchen lesen»), kreativen Projekten («für Papa einen Eierbecher häkeln») und anderen Ideen («Oma in Ruhe anrufen», «Kräuter pflanzen» oder «Sunny-Hund einen neuen Trick beibringen»). Sich auf etwas freuen, bei Langeweile auf die Liste schauen können, hebt allen die Laune.

Zeit für sich nehmen!

Gerade, wenn alle zu Hause sind, braucht jeder Rückzug. Für die kommenden Wochen haben wir uns mit den Kindern auf ruhige Lesestunden, eine Mittagspause im Zimmer und nicht zu späte Bettzeiten geeinigt. Jeder Elternteil hat das Schlafzimmer mal für sich allein oder geht nach draussen spazieren. Lieber ziehen wir uns alle rechtzeitig zurück, als dass uns der Hüttenkoller erwischt! Sich etwas Gutes tun, freundlich und mitfühlen mit sich umzugehen stärkt uns.

Bücher und Medien sinnvoll nutzen!

Zum Glück lieben unsere Kinder Bücher in jeder Form: Hörbücher, Bücher zum Selberlesen, mit uns ein Buch zusammenlesen oder vorgelesen bekommen. Sogar Oma und Opa haben wir schon eingespannt und übers Telefon vorlesen lassen. Neue Bücher kommen vom Versand, der Online-Bibliothek vom E-Reader oder einfach aus den Regalen der Geschwister. Wenn sie genug haben vom Lesen, stecken wir den Kindern jetzt durchaus bewusst den Rahmen etwas grösser für anderen Medien. Nein, es gibt nicht Carte Blanche fürs Fernsehen und Gamen. Aber schöne Filme oder kreative Spiele am Tablet oder Konsole zusammen entdecken, nimmt für alle den Druck raus.

Essen ist Nervennahrung!

Oma hat es schon gewusst und sie hatte recht: Frisches, leckeres, gesundes Essen hält Leib und Seele zusammen. Jetzt ist die Zeit, Lieblings-Rezepte auszugraben und mit den Kindern umzusetzen. Sie lieben es, mit uns zusammen zu kochen und zu backen. Einfache Mahlzeiten, Rührei mit Salat oder Pfannkuchen kriegen sie auch alleine hin und entlasten uns dabei. Einen Hefeteig zu mixen, kneten, gehen zu lassen, zu formen, verzieren und backen – das ist nachmittagsfüllendes Programm! Was wir in der Küche so machen, sind für mich oft die einzigen sichtbaren, duftenden und befriedigenden Resultate an langen Tagen zu Hause … und die gemeinsamen Essen ein Lichtblick!

Humor hilft!

Ganz ehrlich, auch wenn wir uns noch so gut organisieren, achtsam und liebevoll mit uns und den Kindern umgehen, einen Sinn finden in dem, was wir tun: Wochenlang weniger rauszukommen als man möchte, alle Aktivitäten umzustellen, dauernd auf Unvorhergesehenes zu reagieren – das schlaucht uns unglaublich. Dagegen helfen lustige Filme, alberne Witze, Comicbücher und Kitzelrunden. Solange wir zusammen lachen, Witziges im Nervigen finden, uns selbst nicht zu ernst nehmen und amüsieren können über alles, was gerade so schiefläuft, laden wir unsere Batterien immer wieder auf. Humor macht Schweres leichter und stärkt unser Immunsystem, seelisch wie körperlich.

Und falls der Corona-Virus wirklich noch Familienmitglieder erwischt? Dann fahren wir ganz runter. Dann ist das Wichtigste, in Ruhe gesundwerden zu können. Kranke Kinder und Eltern brauchen Entspannung, sie müssen nicht vom Bett aus weiterarbeiten – dafür ist Zeit, wenn sie genesen sind und wieder die Kraft für kleine Aufgaben haben. Aber jetzt sind wir erstmal gesund zu Hause, froh darum und versuchen, das Beste daraus zu machen. Alle zusammen, als Familie kriegen wir das hin. 

Lesen Sie mehr zum Thema rund um Corona:


  • Lernen im Ausnahmezustand
    Wie sieht der schulische Alltag ohne Schule aus? Wie können und müssen Eltern ihre Kinder schulisch unterstützen? Zehn Antworten auf die zehn drängendsten Fragen.

  • Mit Kindern zu Hause lernen
    Auch unser Kolumnist und Lernexperte Fabian Grolimund ist mit seinen Kindern zuhause und muss auf Homeschooling umstellen. Wie er das macht, lesen Sie in diesem Artikel.


2 Kommentare

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Von Maja am 22.03.2020 17:34

Viele Tipps können wir als Grossfamilie umsetzen doch einige nicht. Ich weiss nicht wie man einen Eierbecher häkelt und bei 7 von 10 Kindern die wieder zu Hause sind plus einem Enkel gehen mir schon nach 1 1/2 Wochen die Ideen aus. Leider hatte ich früher schon Panikattacken die nun wieder stärker werden und ich wieder Medis nehmen muss.Ich versuche allen meinen Kindern eine Mutter und Lehrerin zu sein komme da aber an meine Grenzen. Ich hoffe sehr dass dieser Zustand nicht zu lange anhält und ich werde allen Lehrern persönlich ein Geschenk überreichen wenn wir dies hier überstanden haben

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 23.03.2020 13:17

Liebe Frau Gfeller, vielen Dank für Ihren ehrlichen und offenen Kommentar. Wir wünschen Ihnen von Herzen alles Gute, viel Energie und schicken unbekannterweise liebe Grüsse aus der Redaktion im Homeoffice!

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