Christian Käser: «Dä Tod isch kei Schoggi»
Elternblog

Wie redet man mit Kindern über den Tod?

Wie nimmt man Abschied von einem Familienmitglied und wie erklärt man seinen Kindern, dass «Grospi» jetzt im Himmel ist? Unser Blogger Christian J. Käser bringt es auf den Punkt.
Autor: Christian Johannes Käser
Bild: Rawpixel
Während ich im Coop weisse Schoggiglasur für den Geburtstagskuchen meiner Tochter suchte, spielten sie über die Lautsprecher «Toucher» von Züri West. Ich scannte all die Cupcake Fertigmischungen und farbigen Zuckerüberzugsmöglichkeiten und dazu hörte ich Kuno Lauener: «i flüge gärn, i bi geng gärn gfloge, knapp über em Bode oder ganz, ganz höch obe.»
 
Als ich nach Hause in die Wohnung kam und das Radio einschaltete, sang Kuno weiter. «… aber irgendwie chunnts gar nid so drufa, wär was und wieso. Mir si eifach a däm Punkt acho, wo eifach nüt meh chunnt …» Ich zuckte zusammen und war in dem Moment überzeugt: The sexiest man alive, der Mann, der Mikrophonstangen liebkost und dazu mit rauen Stimmbändern präziseste Prosa musikalisch werden lässt, ist nicht mehr da. Kuno ist tot. Die Google Suche erleichterte mich: Kuno hat «nur» Geburtstag. Er ist 60 geworden, deswegen die erhöhte Radiopräsenz. 

Der Tod meines Vaters

Seit mein Vater Ende Januar unerwartet gestorben ist, sehe ich nur Tod und Vergänglichkeit überall. Ja, er hatte ein gutes und langes Leben und trotzdem bleiben bei mir viele «wiesos». Wieso ist er plötzlich nicht mehr hier? Wieso kann ich mit ihm nicht mehr über den FC St. Gallen philosophieren? Wieso geht er nie mehr ans Telefon, wenn ich bei den Eltern anrufe?
 
Ein feiner Filter der Melancholie überzieht seither meinen Alltag mit den Kindern. Sie hatten ihn gern, ihren «Grospi». Und meine 9-jährige Tochter und der 7-jährige Sohn bastelten einen kleinen Schrein in der Küche mit Fotos, Muscheln, einem Buddha und Zetteln, auf die sie «Grospi» schrieben. Sie waren sehr rücksichtsvoll mit mir und ertrugen meine Dünnhäutigkeit. Doch dann kam die gefürchtete Gretchenfrage: «Papa, wo ist Grospi jetzt?»

Dem 4-jährigen Sohn erzählte ich etwas vom Regenbogenland und er war gerne bereit, diese Geschichte anzunehmen und selber auszuschmücken. Als er dann aber zum ersten Mal das Grab sah, merkte ich seinen Fragen an, dass er die Tatsache, dass der Grossvater hier in der Erde liegt, nicht mit seinen Vorstellungen vom Land des Regenbogens zusammenbringen konnte. Trotzdem schien er ganz zufrieden und ich war froh, wenigstens ein Kind mit etwas Jenseitspoesie beruhigt zu haben.
 
Da machten es mir die älteren zwei schon schwerer. Nachdem der Pfarrer an der Beerdigung berichtet hatte, dass der Grossvater jetzt im Himmel bei Gott sei und auf seine Enkel herunterschaue meinte mein siebenjähriger Sohn beim Mittagessen nüchtern: «Papa, ich glaube nicht an Gott, also kann Grospi auch nicht im Himmel sein.» Natürlich erschreckte mich diese Aussage erst, aber die Argumentation erschien mir als Agnostiker nicht ganz falsch zu sein.
 
Die Tochter dagegen kämpfte mit der nackten Angst vor dem Tod. Wie kann es sein, dass ich irgendwann nicht mehr bin? Sie konnte nicht einschlafen und weinte angesichts der existentiellen Bedrohung, die ihr der Tod des Grossvaters vor Augen geführt hatte.

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3 Kommentare

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Von B am 28.04.2021 02:53

Kinder können viel besser mit Tod umgehen als Erwachsene. Deshalb sollte man ihnen auch den Verstorbenen zeigen und sie dabeilassen, denn oft können sie sogar verstorbene Seelen wahrnehmen. Ausserdem ist es nur ein körperlicher Tod, die Seele reist weiter.....

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Von Kate am 27.04.2021 08:14

Mein herzliches Beileid zu Ihrem Verlust. Mein Vater ist auch dieses Jahr im Januar gestorben. Ja, er hatte auch ein langes Leben aber es ist doch immer zu früh! Ich Meinem Sohn (4) sagte ich, Grosspapi IST noch, aber ohne einen Körper. Er hat ihn auch tot gesehen. Und es ist für ihn alles so selbstverständlich, er muss MICH trösten und erklären, dass er ja immer in unserem Herzen bleibt. Kinder sind unglaublich, man muss es ihnen einfach zutrauen.

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Von Susanne am 20.04.2021 19:29

Danke für den einfühlsamen Text. Ein weiteres, empfehlenswertes Buch zum Thema Trauer:
https://www.vier-tuerme.de/als-frau-trauer-bei-uns-einzog#

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