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Elternblog

Wie erkläre ich meinem Sohn diese Welt?

Da erklärt man dem Kind jahrelang und mühsam, dass man andere nicht beleiden darf – und dann wird einer wie Donald Trump der mächtigste Mann der Welt. Eine Mutter über fehlende Antworten.
Text: Andrea Jansen
Am Morgen der Wahlnacht vom 8.November war ich um sechs Uhr wach. Und dachte, ich träumte. Mir ging es wie Millionen von anderen Menschen auf dieser Welt.
 
Auch der Sohn war schon wach. Er setzte sich mit mir vor den Fernseher, CNN Livestream.
 
«Mami, was passiert da?»
 
«Kannst du dich noch erinnern? Ich habe dir doch letzte Woche erklärt, dass in Amerika ein neuer Chef gewählt wird. Das passiert jetzt.»
 
«Warum denn? Ist der andere Chef gestorben?»
 
«Nein, aber der darf jetzt nicht mehr Chef sein. Leider sieht es jetzt so aus, als würde ein ganz schlimmer Mensch der neue Chef.»
 
«Warum kann denn ein schlechter Mensch Chef werden?»
 
«Ich weiss es leider auch nicht.»
 
Ich habe keine Anworten. Zumindest nicht für einen Vierjährigen. Aber wir Eltern müssen uns fragen, wie wir mit diesen Zeichen der Zeit umgehen wollen, Zeichen, die sich nicht nur am anderen Ende des grossen Teiches zeigen, sondern auch um uns herum. Was wollen wir unseren Kindern vorleben, welche Welt wollen wir ihnen übergeben?
Warum soll ich andere nicht beleidigen, wenn der mächtigste Mann der Welt es tut? Der Morgen nach der Wahlnacht bei Familie Jansen. Bild: zVg
Warum soll ich andere nicht beleidigen, wenn der mächtigste Mann der Welt es tut? Der Morgen nach der Wahlnacht bei Familie Jansen. Bild: zVg
Wie sollen wir unseren Kindern glaubhaft beibringen, dass Mobbing falsch und der gegenseitige Respekt das wichtigste Gut ist, wenn es der «neue Chef» eines so wichtigen Landes nicht vorlebt?
 
Wie soll ich meinem Sohn klar machen, dass Frauen die gleichen Rechte und Fähigkeiten haben, wenn einer der mächtigsten Menschen der Welt Frauen wie Objekte behandelt? Wenn dieser mir optisch vielleicht eine «5» geben würde, mir Intellekt und Anspruch aufgrund meines Geschlechts abspricht?
 
Warum sollten sich unsere Kinder nicht lustig machen über Menschen mit Behinderungen - der Präsident der USA tut es doch auch?
 
Wie sollen wir unseren Kindern beibringen, das alle Menschen gleich sind, wenn einer der Mächtigsten sie in Gut und Böse unterteilt?

«Hit them hard» ist für Vierjährige durchaus eine Option

Warum sollten Kinder ihre Konflikte friedlich lösen, wenn «hit them hard» auch eine Option ist. Eine, die vor allem bei Vierjährigen und dem neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten äusserst beliebt ist?

Nein, wir haben nicht gewählt, sondern ein Teil einer gespaltenen Nation. Trotzdem bedeutet die Präsidentschaft Donald Trumps eine Legitimation von Rassismus, Misogynie und Gewalt. Ich fühle mich persönlich betroffen, ja, es fühlt sich mitunter an, als hätte er auch mir in den Schritt gegriffen. 

Und was ich nicht begreifen kann, nicht begreifen will: Auch jetzt nach der Amtseinführung, die von einer aggressiven, völkerspaltenden Rede begleitet wurde, meinen Millionen von Menschen, darunter Frauen: «Hach, get over it, gebt ihm eine Chance, ist doch nicht so schlimm.» 
 
Doch, ist es.
 
Die oben genannten Themen begegnen uns auch im Alltag mit unseren Kindern immer wieder. Wenn wir versuchen, sie zu toleranten, respektvollen und friedlichen Menschen zu erziehen. Wie soll ich also meinen Kindern erklären, dass sie gewisse Dinge nicht sagen oder tun dürfen, wenn der Präsident der USA darf und tut, und dabei ungestraft bleibt, ja, sogar Applaus kriegt?
 
Vielleicht werden meine Kinder mich einst fragen, wie es soweit kommen konnte. So, wie wir unsere Grosseltern ungläubig angeschaut haben und kopfschüttelnd fragten, warum 1933 Menschen derart hungrig nach Veränderung waren, dass eine inkompetente Lachfigur zum Führer werden konnte, die keiner anfänglich ernst nahm. Die Antwort darauf erleben wir nun jeden Tag, per Livestream, Twitter, oder Facebook.
 
Die Verantwortung liegt jetzt auch bei uns. Es sind nicht einfach «die Amerikaner», die Trumpeteers, es ist ein Gedankengut, dass um uns herum existiert und durch diese Wahlen mit einer grossen Portion Dünger versorgt wurde, weltweit.
 
Es ist wohl besser, mein Sohn erklärt mir in Zukunft wieder die Welt. Meine ist ins Wanken geraten.

Bild: Fotolia

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Fernsehjournalistin und Kolumnistin Andrea Jansen schreibt in ihrem Blog «Any Working Mum» über das Leben, Arbeiten und Reisen mit Kindern und die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass man nicht alles unter einen Hut bringen kann.
Bild: Martina Strul

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